Nachtleben Leipzig

Zum Geburtstag viel Bass

Der älteste Club Ostdeutschlands wurde am Wochenende 29 Jahre alt. Mephisto 97.6 hat deshalb mal in der "Tille" vorbeigeschaut...
Distillery
Das Geburtstagskind Distillery

Die zweispurige Kurt-Eisner-Straße zieht sich den Hügel der Südvorstadt in den Leipziger Osten hinauf, die Herbstsonne wärmt ihr dabei den Rücken. Ein richtiges Geburtstagswetter - doch für wen überhaupt?

Das Geburtstagskind der Woche heißt Distillery

Zwischen einer mittlerweile unübersehbaren Baustelle und der großen Brachfläche am Bayrischen Bahnhof dahinter, quetscht sich ein unscheinbares Gebäude. Kaum zu glauben, dass sich an dieser großen Straße und in einer so unscheinbaren Einfahrt der älteste Techno-Club ganz Ostdeutschlands verbirgt, denn die schwarzweiß bemalte Fassade versperrt die Sicht auf den Rest. An der Tür kann aber geklingelt werden - und zwar bei Steffen Kache.

Der möchte geduzt werden und erwartet uns an der Bar. Es ist schwer vorstellbar, dass er einer der Jugendlichen ist, die 1992 illegal in den Keller einer leerstehenden Brauerei in Connewitz einstiegen und dort die Distillery gründeten.

 

Distillery
Ab in die Tille

 

Distille in Kinderschuhen

Womit die Jugendlichen selbst nicht rechneten - ihr Keller blieb über ein Jahr lang unentdeckt. Erst 1993 mischt sich die Stadt ein, doch anstatt die Distillery kampflos aufzugeben werden Demonstrationen organisiert, die  tatsächlich Erfolg haben. 1995 zieht der Club um auf das ehemalige DB-Gelände an der Kurt-Eisner Straße - wo er bis heute bleiben konnte.

Heute hat die “Tille” Kultstatus, weit über Leipzig und sogar Deutschland hinaus kennt man sie und die großen Namen, die ihre ersten Schritte von dort aus wagten. Dass die Distillery schon immer einen so guten Ruf hatte und sich vor Besucher:innen nicht retten konnte, war aber laut ihrem Gründer und Besitzer Steffen Kache keinesfalls immer so. Ob er je überlegt hätte alles hinzuschmeißen? Klar, am 9. Geburtstag seiner Tille zum Beispiel habe die Polizei wegen Anwohner:innenbeschwerden den Club mitten während der Geburtstagsparty räumen wollen. Kache wehrte die Behörden zwar erfolgreich ab, versprach sich aber, dem Laden am nächsten Morgen für immer Auf Wiedersehen zu sagen.

Es gab auch Zeiten wo der Club wirklich zu kämpfen hatte. Nach 10 Jahren muss man sich ja überlegen wie man sich neu erfinden kann. Nach der 2000er Wende waren wir dann zum Beispiel schon in einer Krise.

Steffen Kache

Jetzt, 29 Jahre später, schmunzelt er und erklärt, wie viel Veränderung drei Dekaden Clubgeschichte so mit sich bringen können. Heute sei die Gründung eines Clubs in einem leerstehenden Keller ja völlig undenkbar, auch die Musik, das Publikum und überhaupt das “business” seien heute ganz anders. Einerseits sei das traurig und manchmal vermisse er die Techno-Nerds, die den ganzen Abend vor den DJs standen um zu sehen welche Platten sie auflegen. Dass heute die Musik nicht mehr für alle Besucher:innen im Publikum das Wichtigste sei, sei andererseits aber auch positiv und liege am neuen Selbstbild des Clubs:

Mittlerweile ist uns klar, dass ein Club eine viel größere Aufgabe als nur Musik hat. Hier tanzt der Punker neben dem Rechtsanwalt, obwohl die sich im normalen Leben nie begegnen würden. Was für einen sozialen Aspekt so ein Club für die Gesellschaft hat, ist uns heute viel bewusster als früher.

Steffen Kache

 

Leipzig feiert 29 Jahre feinsten Techno in Ostdeutschland

Dieses Wochenende feierte sich die Tille selbst mit einem 72h rave - Live Musik und Tanz von Freitag bis Sonntag. Rund 400 Leute fasst der Club - um diesen Laden zu stemmen gibt es neben Steffen Kache noch vier weitere fest Angestellte, ein Team von rund 40 Leuten für Bar, Garderobe und Einlass sowie eine Vielzahl von helfenden Händen, sodass mit allem drum und dran locker 100 Menschen ihren Beitrag zur Institution Distillery leisten. Für ihren Geburtstag hat die alte Dame sich namhafte DJs wie Ellen Allien eingeladen - klar also, dass der Vorverkauf bereits eine Woche vorher ausgebucht war.

 

Distillery
letzte Vorbereitungen für die große Party

 

Die Kultur muss weichen...

Trotzdem feierte der Club mit einem lachenden und einem weinenden Boxensystem - denn gleichzeitig war es der wohl letzte Geburtstag der Distillery in seinen Gemäuern. Nach 26 Jahren (Steffen Kache hält von dieser Erkenntnis beeindruckt inne) wird die Distillery umziehen. Schuld ist ein geplantes Wohnviertel, in den ein großer Investor viel Geld steckt. So viel Geld, dass alle konstruktiven Vorschläge, Argumente und Versuche des Clubs wohl unerhört blieben. 

Wir hatten ja gehofft. dass wir hier bleiben können. Man hat halt gegen das Geld keine Chance. Unser Gelände bringt dem Investor nun mal 3 Millionen mehr. Na klar fühlen wir uns verdrängt, man hätte ja auch Wohnen und Kultur gemeinsam denken können.

Steffen Kache

Deshalb soll die Tille gemeinsam mit weiteren Kultureinrichtungen an das alte Gleisdreieck in Connewitz ziehen. Neben einem Kulturzentrum und dem Club soll es dort auch Ateliers, Bandräume und vieles mehr geben.

Eigentlich sollte das Ganze auch ab nächstem Jahr beginnen, doch auch hier verkomplizieren Beschwerden von Anwohnenden und andere Probleme den Prozess. Zwar sei die Kooperation mit der Stadt sehr gut, ein Umzug vor 2025 scheint dennoch utopisch. Der Mietvertrag von Stephan Kache endet allerdings bereits im März 2022. Deshalb wird die Tille wohl für ein paar Jahre an einen Übergangs-Standort umziehen. Wohin, das kann und will Steffen Kache noch nicht verraten. Nur so viel:

Das ist ne ziemlich coole Location, ich bin verwundert, dass die noch leer stand über Jahre.

Steffen Kache

 

Distillery
26 Jahre lang befand sich der Club unscheinbar an der Kurt Eisner Straße - nun muss er weichen

 

...doch die Zukunftsmusik bleibt elektronisch

Vor etwa einem Jahr saß Steffen Kache mit Oberbürgermeister Jung am Tresen der Distillery. In dem Video auf Youtube versucht er deutlich zu machen, das ein Club etwas gänzlich anderes als eine Diskothek sei. Mittlerweile habe es ein Umdenken gegeben, so Kache. Die Schließung eines Clubs wie dem soundso`s vor zwei Jahren oder jetzt den Umzug der Tille - das würde heute nicht mehr so einfach passieren.

Uns geht es um die Künstler und die Entwicklung von Kunst und Kultur. Wir haben den Club nicht gegründet um damit reich zu werden. Wir sind eine Kulturenrichtung, es herrscht künstlerische Freiheit.

Steffen Kache

Dass das so bleibt ist Steffen Kaches größter Wunsch zum 29. Geburtstag. Seine Distillery soll auch an einem anderen Ort für weitere 29 Jahre ein kreativer safe space sein. Ein nobler Wunsch - hoffen wir, dass er in Erfüllung geht. Happy birthday, liebe Distillery!

 

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