Gentrifizierung in Leipzig

Im Westen viel Neues

Ein Konsum-Supermarkt in Leipzig-Lindenau soll geschlossen und wahrscheinlich durch eine große Biomarktkette ersetzt werden. Ist das ein Exempel für die voranschreitende Gentrifizierung in Leipzigs Westen?
Konsum-Filiale in Leipzig-Lindenau

Einem traditionellen Supermarkt in Leipzig-Lindenau wurde der Mietvertrag frühzeitig gekündigt weil die Eigentümer:innen andere Pläne mit der Fläche haben. Es ist im Gespräch, die Ladenfläche an eine große Biomarktkette zu vermieten. Der Konsum selbst klagt gegen die drohende Schließung des Geschäfts und vor allem unter den Anwohner:innen verbreitet sich Unmut. Was es genau damit auf sich hat, erfahrt ihr hier.

Der Fall der Konsumfiliale in Leipzig-Lindenau

Die Geschäfte der Konsumgenossenschaft stellen in Leipzig und Umgebung eine Einzigartigkeit dar und sind für viele Leipziger:innen ein Symbol von Vertrautheit.

Passantin

„Für mich und meine Familie hat der Konsum einen ganz persönlichen Wert“, erzählt uns eine Anwohnerin vor der kleinen Supermarkt-Filiale in Leipzig-Lindenau. Es ist ein sonniger Samstag im Herbst und der kleine Laden an der Ecke ist in regem Betrieb. Mit vollgepackten Einkaufstaschen stehen einige Kund:innen noch an der Kasse oder vor dem Geschäft und unterhalten sich.

Die Konsum-Filiale in der Demmeringstraße gibt es schon seit über 25 Jahren und gehört somit als fester Bestandteil zum Stadtteil dazu. „Die Geschäfte der Konsumgenossenschaft stellen in Leipzig und Umgebung eine Einzigartigkeit dar und sind für viele Leipziger:innen ein Symbol von Vertrautheit.“, berichtet uns ein weiterer Anwohner.  Nun hat der Eigentümer das seit Dezember 1995 bestehende Mietverhältnis frühzeitig gekündigt und den Plan entworfen die Ladenfläche anderweitig zu nutzen. Als diese Meldung bekannt gegeben wurde, starteten Bürger:innen eine Unterschriftenaktion und wendeten sich an Vertreter:innen aus der Politik, um die Schließung des Supermarktes doch noch zu verhindern.

Eric Buchmann ist als Teil des Stadtbezirksbeirats Leipzig-Alt-West eine der Schnittstellen zwischen Bürger:innen und Politik. Er erklärt, dass sich der Stadtbezirksbeirat parteienübergreifend dem Anliegen der Menschen angenommen hat, und nun versucht die Eigentümer:innen davon zu überzeugen ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken.

Alle demokratischen Parteien des Stadtbezirkbeirats Leipzig-Alt-West haben sich zusammengetan, um den Protest der Anwohner:innen gegen die Schließung des Konsums zu unterstützen.

Eric Buchmann, Teil des Stadtbezirkbeirats Leipzig-Alt-West

Es wurde zunächst eine Pressemitteilung herausgegeben, in der sich der Stadtbezirksbeirat vehement gegen die Schließung des Supermarkts ausspricht. Dabei wird besonders betont, dass sich die Politiker:innen gegen eine Verdrängung wirtschaftlich schwächerer Menschen in der Gegend einsetzen möchten. Wie Eric Buchmann erzählt, ist es im Gespräch, dass ein Bioladen an die Stelle des Konsums einziehen soll. Diese Veränderung wäre seiner Meinung nach mit Sorge zu betrachten, da sich dadurch der Prozess der Gentrifizierung im Leipziger Westen fortsetzen und Menschen verdrängt werden würden. Er sagt, dass er Bioläden als Alternative sehr wichtig findet, allerdings gerade im Leipziger Westen der Anteil an teureren Bioläden stark zunimmt während günstigere Geschäfte wie der Konsum in der Demmeringstraße schließen müssen. Seiner Meinung nach gehe mit der Zeit die soziale Durchmischung verloren, da die Mieten steigen, die Geschäfte wechseln und sich somit auch die Bewohnerschaft an die neuen Bedingungen anpasst.

Das Geschäft ist zum Wohl der hier lebenden Menschen dringend erforderlich. Wir arbeiten als Stadtbezirksbeirat Leipzig Alt-West gegen die Verdrängung wirtschaftlich schwacher Menschen und sprechen uns vehement für den Erhalt des Konsums in der Demmeringstr. aus – ganz im Sinne der sozialen Erhaltungssatzungen, die vom Stadtrat kürzlich verabschiedet wurden. 

Auszug aus der Pressemitteilung des Stadtbezirkbeirats

Die Initiatorin der Unterschriftenaktion Eva Brackelmann weist zudem auf den sozialen Faktor des kleinen Supermarkts hin. Als Bewohnerin Alt-Lindenaus und Kundin in der Konsum-Filiale bekommt sie tagtäglich den sozialen Austausch zwischen vor allem älteren Menschen im und vor dem Supermarkt mit. Sie erzählt, dass die altbekannte Konsumfiliale für viele auch eine Art Begegnungsstätte darstellt. Oft sieht sie vor dem Laden Nachbar:innen bei einem kleinen Plausch zusammenstehen.

 Unser Anliegen mit der Unterschriftenaktion war in erster Linie Aufmerksamkeit für das Thema herzustellen. Es ging uns aber nicht darum gegen Biomärkte zu wettern oder einen Streit vom Zaun zu brechen. Wir hinterfragen nur, ob es notwendig ist die kleine Konsum-Filiale zu schließen oder ob die Veränderungen nicht auch an anderer Stelle und auf eine andere Art und Weise gemacht werden können.

Eva Brackelmann, Initiatorin der Unterschriftenaktion

Die drohende Schließung des Konsums in Leipzig Lindenau kann also als Beispiel für eine sich fortsetzende Gentrifizierung gesehen werden. Aber was genau hat es mit dem Begriff der Gentrifizierung noch mal auf sich?

Was bedeutet eigentlich Gentrifizierung?

Gentrifizierung beschreibt eine bestimmte Form der Veränderung in Stadtteilen: Die Bewohner:innen mit geringeren finanziellen Mitteln werden durch eine neue Bewohnerschaft von finanziell reicheren Menschen verdrängt. Die Soziologin Ruth Glass prägte den Begriff gentrification in den 1960er Jahren, um genau diesen Prozess im Londoner Stadtteil Islington zu beschreiben.

In der Regel sind innerstädtische Gebiete eher von Gentrifizierung betroffen als Randgebiete. Oftmals beginnt der Prozess der Gentrifizierung mit leerstehenden Gebäuden. Häufig werden diese Gebäude dann von Kreativen als Ateliers und/oder günstiger Wohnraum genutzt. Dadurch verändert sich das Image eines unattraktiven Stadtteils zu einem „Szeneviertel“ und zieht damit Aufmerksamkeit auf sich und steigert seine Attraktivität für Investoren.

 Gentrifizierung bedeutet Verdrängung durch Aufwertung.

  Prof. Dr. Dieter Rink, Stadtsoziologe

Im Zuge dieses Aufwertungsprozesses gleichen sich gewisse Strukturen an. Durch den Zuzug einer kaufkräftigeren Bevölkerung und die Verdrängung der finanziell schwächeren Menschen wegen steigender Mietpreise verändert sich die Nachfrage. Hier kommt es oft dazu, dass langbestehende Geschäfte weichen und anderen, meist teureren, Läden Platz machen müssen. Der Stadtsoziologe Prof. Dr. Dieter Rink hat Gentrifizierung dementsprechend als „Verdrängung durch Aufwertung“ bezeichnet.

Gentrifizierungsprozesse verändern also das Stadtbild und es liegt auf der Hand, dass dies bei Betroffenen auf Unmut stoßen kann, wie wir im Fall Leipzig-Lindenau gesehen haben. Wie verhält es sich aber insgesamt mit der Gentrifizierung in Leipzig?

Gentrifizierung in Leipzig

In der Leipziger Südvorstadt und in Connewitz ist die Gentrifizierung nahezu abgeschlossen, im Westen Leipzigs in vollem Gange und im Leipziger Osten im Pionierstadium. 

Prof. Dr. Dieter Rink

Leipzig boomt. Im letzten Jahrzehnt hat sich Leipzig zu einer pulsierenden Stadt entwickelt und sich bundesweit einen Namen als junge, lebhafte Stadt gemacht. Die größte Stadt in Sachsen hat somit auch den größten Zuwachs an Menschen, die von überall nach Leipzig kommen und Teil dieser aufstrebenden Dynamik sein möchten. Unter diesen Menschen tummeln sich auch viele Kreative und junge Familien. Viele von ihnen haben ein hohes Bildungsniveau und ein gesichertes Einkommen. Die zurzeit noch niedrigen Mietpreise in Leipzig machen die Stadt noch attraktiver. Wo eine hohe Nachfrage besteht, verändert sich jedoch auch das Angebot. Die Mietpreise in den beliebten Leipziger Stadtteilen in der Nähe der Innenstadt steigen und die Umgebung passt sich seiner neuen Bewohner:innen an.

In den 1990er Jahren wurde Gentrifizierung wegen der Sanierung der Häuser noch stark begrüßt. Bei den Modernisierungen und Sanierungen, die heute durchgeführt werden ist jedoch meist von Anfang an einkalkuliert, dass sich die alten Bewohner:innen die neuen Mietpreise nicht leisten können. 

Prof. Dr. Dieter Rink

Gentrifizierung ist in Leipzig längst kein neuartiges Phänomen mehr. Dabei war Leipzig einst eine Stadt, in der es eine große Hausbesetzer-Szene gab und Wohnprojekte von der Stadt gefördert wurden. Nach der Wende bis in die 00er Jahre war die Stadt froh, dass die vielen leerstehenden Gebäude so genutzt werden. Gleichzeitig wurden die in den 90er Jahren einsetzenden Sanierungsmaßnahmen von baufälligen Gebäuden durch Inverstor:innen weitgehend begrüßt. Wie Prof. Dr. Rink jedoch erklärt, steht heute bei Modernisierungen von Gebäuden oftmals im Vorfeld fest, dass die alten Bewohner:innen sich die neuen Mietpreise nicht leisten können. So werden vor allem einkommensschwächere Menschen aus ihrem Wohnraum verdrängt und müssen in die Randgebiete Leipzigs ausweichen.

Wie geht es weiter?

Der Prozess der Gentrifizierung in Leipzig lässt sich wohl kaum aufhalten. Der Stadtsoziologe Professor Dieter Rink erzählt, dass sich die Gentrifizierung in Leipzig von Stadtteil zu Stadtteil verbreitet. Beispielsweise in der Leipziger Südvorstadt sieht er den Prozess der Gentrifizierung als nahezu vollendet an. Ein Ende der Mietpreissteigerung bedeutet das seiner Meinung nach allerdings trotzdem nicht.

Rink und vielen Expert:innen ist es aber auch wichtig nicht nur über die Gentrifizierung zu schimpfen. Die Veränderungen bringen nun mal auch positive Aspekte mit sich: Die Stadt entwickelt sich tendenziell zu einem attraktiveren Standort für Investor:innen und ein nachhaltiges Leben wird vermehrt gefördert. Dieser Umbruch birgt jedoch die Gefahr, dass gewisse Teile der Bewohner:innen auf der Strecke bleiben. Steigende Mieten und neue Geschäfte können dazu führen, dass Menschen aus ihrem Wohnraum verdrängt werden und dadurch eine Unzufriedenheit gegenüber Gesellschaft und Politik entwickeln.

Im Falle der Konsum-Filiale in Leipzig-Lindenau steht und fällt es mit den Entscheidungen Vorgericht und der Eigentümer:innen. Die Anwohner:innen, der Stadtbezirksbeirat und die Stadtverwaltung können lediglich versuchen öffentlichen Druck auszuüben, um die Schließung des Supermarktes doch noch zu verhindern.

Den ganzen Beitrag könnt ihr in Folge 236 unseres Podcasts "Radio für Kopfhörer" nachhören:

 

 

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