Konzertbericht

She_justleft has re-entered the stage

Es ist ihr zweites Konzert, dazwischen ein Jahr Bühnenleere. Wenn sich Musikerinnen und Publikum wieder treffen, schwebt etwas in der Luft. Wie fühlt sich diese Kulturneugeburt an?
Die vier Musikerinnen von She_justleft
Von links: Leonie Sobek, Myrsini Bekakou, Pauline Tschirschwitz und Paula Wünsch

She_justleft

Draußen ist das Leben los, überall tummeln sich Menschen in den Biergärten und auf den Straßen. Bilder, die fast in Vergessenheit geraten waren.

Ein Jahr Zwangspause, jetzt stehen die vier Musikerinnen von She_justleft wieder auf der Bühne. Es ist erst ihr zweites Konzert - zwei Konzerte - eine Pandemie weit voneinander entfernt. Ich stehe auf der Holztreppe, normalerweise herrscht hier ein großer Andrang. Heute ist das natürlich anders: Maximal 20 negativ getestete Menschen dürfen ins Horns Erben und den experimentellen Klängen der Band lauschen. Wir nehmen unseren Platz ein, schreiben die Kontaktdaten auf ein kleines Stück Papier.

Die vier Musikerinnen betreten die Bühne, es gibt viel Applaus. Alle vier Frauen studieren an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig und lernten sich dort kennen. Bei einem gemeinsamen Eis im Sommer 2019 kam Myrsini Bekakou (Violine/Loopstation/Fx), Pauline Tschirschwitz (Gesang/Elektronik) und Leonie Sobek (Schlagzeug/Percussion) die Idee, eine Band zu gründen. Später stieß dann noch Paula Wünsch (Bass/Fx) dazu.

Das Frau-Sein im Jazz

Experimentellen Klänge, ein vollständig improvisiertes Stück, Textzitate von Samuel Beckett und gesprochene Audioausschnitte von Brad Mehldau, Stimmverzerrer und Hip Hop Elemente - das alles macht den mutigen, melancholischen und weiträumigen Klang von She_justleft aus. Das sich hier vier Frauen gemeinsam auf die Bühne stellen ist eine bewusste Besetzung:

Uns war von Anfang an wichtig, dass wir irgendwie ein bisschen fertig sind, „fed up“, mit Schwierigkeiten, die wir als Frauen, Musikerinnen, haben. Und wir hatten Bock auch ein „all female band“ zu haben.

Myrsini Bekakou

Eine rein weiblich besetzte Band ist im Jazz-Kontext eher ungewöhnlich. Wie in vielen Bereichen unserer Gesellschaft ist auch die Welt der Musik, die des Jazzes, eine männlich dominierte Sphäre. Vorurteile, Stereotype und Benachteiligungen verhindern ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis und einen geschlechtergerechten Umgang.
So sind in Deutschland nur ein Fünftel der Jazzmusiker:innen Frauen, dies berichtet die Jazzstudie 2016. Was ebenso auffällt: An den Instrumenten spielen nur 12% Frauen, aber im Gesang dominieren die Frauen mit 86%.

Back on Stage

Wie ist das, nach so langer Zeit, wieder vor Publikum zu spielen? Kabelchaos, herunterfallende Pick-Ups, die falsche Instrumentenwahl und Bühnenmoderation vor einem realen Publikum. In erster Linie: alles ungewohnt, vergessen. Man sieht den vier Musikerinnen an, dass sie etwas aus der Übung sind, dass das auf die Bühne gehen eine Erfahrung ist, die man auch als erfahrene Musikerin nach einer so langen Pause wieder neu machen muss.

Im ganzen Raum ist spürbar, dass dieser Abend ein besonderer, ungewohnter Abend ist. Es herrscht eine Verbundenheit zwischen den Gäst:innen und mit den Musikerinnen, die man nur in so einem kleinen Rahmen erleben kann.

Ich fand das in dem Moment auf die Bühne zu gehen und mit Applaus empfangen zu werden ist einfach was ganz anderes und ich finde schon auch, dass es echt einen Unterschied macht beim Spielen irgendwie, man merkt das einfach so im Raum […].

Pauline Tschirschwitz

Sie haben verschiedene Alternativformate im Lockdown ausprobiert, ein Livestream-Konzert zum Beispiel. Dasselbe ist es aber nicht. Man braucht den Raum, man braucht die physikalische Anwesenheit von Menschen, um Interaktionen zwischen Publikum und Musiker:innen auf der Bühne zu erschaffen.

Sommereuphorie oder Winterfurcht?

Die vier Musikerinnen schauen positiv in die Zukunft, einige Konzerte stehen an. Je mehr sie nun wieder spielen, desto normaler wird das Auf-der-Bühne-sein für sie werden, glaubt Paula.
Pauline ist aber auch besorgt, denn insbesondere kleine Musiker:innen und Künstler:innen könnten es jetzt schwer haben, eine Bühne zu finden:

Ich hab schon auch von vielen Veranstaltungsorten oder Künstler:innen gehört, dass es natürlich ein Thema ist, dass jetzt erst mal die größeren Leute gebucht werden, die mehr Publikum ziehen, und das es auch schwierig ist, dann auch wieder ins Spielen zu kommen und an Gigs zu kommen.

Pauline Tschirschwitz

Trotz großer Euphorie birgt die Kulturöffnung also auch Schattenseiten, vor allem für die kleineren Künstler:innen. Zudem muss man bedenken, dass sich bei einer reduzierten Zuschauendenzahl natürlich auch die Einnahmen verringern. Dann ist das Spielen auf der Bühne zwar eine große Freude, den Lebensunterhalt damit zu verdienen wird aber noch schwerer, als es eh schon ist. Und dann ist da ja noch der ungewisse Winter, der für die Kultur erneute Schließungen bringen könnte.

Das Interview zum Nachhören gibt es hier:

Sarah Sterling im Gespräch mit She_justleft
Interview mit Band She_justleft

 

 

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Sarah Sterling
27.06.2021 - 20:53
  Kultur

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Mehr Infos zur Band und zukünftige Konzerte findet ihr hier.

Falls ihr Lust auf andere Konzerte im Horns Erben habt, gibt es hier alle Veranstaltungen.

Infos zum Thema Frau-Sein im Jazz und die Ziele zur Gleichstellung findet ihr u.a. hier.

 

Gretchen Folge 10:

 

Das beschriebene Konzert war auch Thema in der aktuellen Folge "Gretchen" zum Thema Kulturneustart in Leipzig.