Grenzen des Humors

In Parallelwelten

Die 31. Leipziger Lachmesse zeichnet die Kabarettistin Lisa Eckhart mit dem „Löwenzahn“-Preis aus – trotz viel Kontroverse um ihr Programm. Was begeistert die Menschen an ihr? Wir haben sie selbst und ihr Publikum gefragt.
Auf dem Bild ist Lisa Eckhart auf einem roten Teppich zu sehen.
Die Kabarettistin Lisa Eckhart sorgt mit ihrem Bühnenprogramm sowohl für Jubel als auch Kritik.

Kupfergasse, gegen 18 Uhr. Eröffnung der Lachmesse im Kabarett Academixer. Ich blicke auf, als ich Stiefel auf der Straße klacken höre. Eine zierliche Person kommt mir entgegen, in weißen Absatzschuhen, einem weißen Mantel und schwarzen Kopfhörern über den Ohren. Ich brauche ein paar Sekunden, bis ich erkenne, wer da gerade an mir vorbei spaziert ist: Lisa Eckhart. Sie ist kleiner und zierlicher als gedacht und sieht generell jünger aus als im Fernsehen, wo sie meist mit rotem Lippenstift und dramatischen Gesten auftritt.

Die Debatte um ihren Auftritt beim WDR habe ich verfolgt. In meinem persönlichen Umfeld ist die Meinung dazu klar: Fast alle empfinden ihr Programm als rassistisch und antisemitisch. Das macht mich neugierig: Haben die Menschen hier denn gar nichts von der Kontroverse um die Künstlerin mitbekommen? Was fasziniert sie so an Lisa Eckhart? Ich möchte versuchen, diese Menschen zu verstehen.

Eine Frage der Ästhetik?

Ich treffe Lisa Eckhart in ihrer Garderobe. Sie kommt gerade aus der Maske und wir setzen uns an einen Holztisch, der beladen ist mit Snacks. Wir kommen ins Gespräch: Lisa Eckharts Tonfall ist glatt, aber durchaus freundlich. Auf meine Frage, wie sie sich ihren eigenen Erfolg erklärt, kommt auch sie zuerst ins Stocken. Schließlich stellt sie die Vermutung an, dass es sich um eine Kombination aus ihrer ästhetischen Erscheinung und ihres sprachlichen Ausdrucks handele.

Dass sich ihr Erfolg nur auf die Form und nicht ihre Inhalte stützt, ist für mich schwer zu glauben. Auf Nachfrage meint Eckhart, dass in Zeiten von klar formulierten Botschaften gerade die Uneindeutigkeit ihres Programms gut ankomme.

Und ich weiß teilweise überhaupt nicht, was meine Botschaft ist. Und das genieße ich selbst und wahrscheinlich auch das Publikum, das nicht etwas einfach kleingehäckselt vorgesetzt bekommt, aus lauter Angst missverstanden zu werden.

Lisa Eckhart, Kabarettistin

Klare Haltung gegen gesellschaftlichen Konsens

Während sich Eckhart zurückzieht, habe ich Zeit, mit den Leuten im Foyer ins Gespräch zu kommen. Warum möchten sie Lisa Eckharts Programm sehen? Eine Besucherin erzählt, dass ihr Eckharts Auftreten und ihre Schlagfertigkeit gut gefalle. Dass sie ihre Meinung trotz Gegenwind vertrete. Unter den vielen Besucher:innen finden sich auch ein paar bekannte Gesichter aus der Kabarett-Szene. Anke Geißler, ebenfalls Kabarettistin, spricht mit mir bereitwillig über Eckhart. 

Sie ist, ja, auch zum Teil unverschämt und sie ist vor allem politisch unkorrekt, was ich großartig finde in dieser angestrebt politisch korrekten Zeit.

Anke Geißler, Kabarettistin

Diese Grenzüberschreitungen scheinen also genau ein Grund zu sein, dass sich die Anwesenden für Lisa Eckharts Humor begeistern. Mit je mehr Menschen ich spreche, umso klarer wird mir: Die Kontroverse um Eckhart befeuert ihre Beliebtheit eher, anstatt ihr zu schaden. Auch Kabarettist Gunter Böhnke findet die klare Haltung beeindruckend, mit der Eckhart Positionen einnehme, die in der heutigen Gesellschaft nicht mehr “in” seien.

Ja, dass man also nicht der Ideologie sozusagen den Raum gibt, sondern dem gesunden Menschenverstand. Das habe ich noch nie von so einem jungen Menschen gehört.

Gunter Böhnke, Kabarettist

Mit dieser Einstellung ist Böhnke nicht alleine, denn ich höre ausschließlich Positives über Eckharts Inhalte. Ein weiterer Besucher ist extra aus Mecklenburg-Vorpommern gekommen, um Eckhart zu sehen. Für die Kritik an ihr zeigt er nur Unverständnis.

Und ich finde ja traurig, dass sie versucht wird, herausgedrängt zu werden. Das finde ich am allertraurigsten.

Besucher

Zweifelhafte Videobotschaft

Nach diesem letzten Gespräch bewegt sich die Menge vom Foyer in den Kabarettsaal: Die Stuhlreihen füllen sich schnell. Etwas mehr als zweihundert Menschen blicken erwartungsvoll auf die Bühne. Dann erstrahlen im dunklen Saal auf einmal die Leinwände neben der Bühne. Der Kabarettist Andreas Rebers hält in einer Videobotschaft eine Laudatio auf Lisa Eckhart und könnte kaum deutlichere Worte in Bezug auf die Vorwürfe gegen sie finden.

Aber was Antisemitismus und Nazi-Vergleiche betrifft, empfehle ich unseren Empörungs-Dienstleistern und Betroffenheits-Clowns sorgfältigeren Umgang. Die Leichtfertigkeit im Umgang mit Nationalsozialismus führt letztendlich zu einer Verharmlosung dessen, was er wirklich war.

Andreas Rebers, Kabarettist

Dann betritt Lisa Eckhart unter tosendem Beifall die Bühne und liefert ein Programm ab, das mich nicht überrascht: souverän, zynisch und voller Spitzen. Die Zuschauer:innen gehen dabei von Beginn an voll mit. Ihr Gelächter wirkt oft wie ein Ausdruck der Zustimmung, zum Beispiel wenn sich Eckhart übers Gendern oder Karl Lauterbach lustig macht. Ich verstehe jetzt ein wenig besser, warum Lisa Eckhart diese Menschen begeistert. Sie spricht aus, was ihr Publikum meint, nicht mehr sagen zu dürfen.

Für mich zumindest fühlt sich der heutige Abend an, als wäre ich in eine Parallelwelt eingetaucht. Ein Abend, an dem sich viele rebellisch fühlen und doch große Einigkeit herrscht. 

Den ganzen Beitrag könnt ihr in dieser Folge unseres Podcasts "Radio für Kopfhörer" nachhören:

 

 

 

Kommentare

Guten Tag. Zum mittleren Teil des Beitrags.
Eher ist die Ressentiment- Parallelwelt in die Realität eingetaucht.
Der Beitrag enthält noch dazu peinliche handwerklicher Fehler, so wird z.B. D.Nuhr ein Zitat Andreas Rebers untergejubelt: "Aber was Antisemitismus und Nazi-Vergleiche betrifft,..."
Tendenziös wirkt auf mich auch die Auswahl der Originaltöne des "ausschließlich weißen" Publikums.

Artigst: "Einer dieser Menschen" M.

@Metulczki Vielen Dank für Ihren Kommentar. Wir bei mephisto97.6 fühlen uns verpflichtet, sorgfältig und wahrheitsgemäß zu berichten. Leider haben wir uns bezüglich des O-Tons schlichtweg vertan - Sie haben recht, es war Andreas Rebers, der sich dort geäußert hat. Wir haben die entsprechende Stelle im Artikel und im Audioformat abgeändert. 
Die Subjektivität des Beitrags ist hingegen durchaus gewollt (deswegen auch das Label "Meinung") und muss in dem Kontext der Podcast-Folge verstanden werden, die verschiedenste Stimmen zum Thema Eckhart zu Wort kommen lässt.

 

 

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