Heilanstalt Leipzig-Dösen

Alte Wunden hinter neuen Fassaden

Eine ehemalige Psychiatrie in Leipzig-Dösen, deren Nazi-Vergangenheit schleichend öffentlich wurde: Zwangssterilisation, Deportation, Euthanasie. Auf dem Gelände entsteht nun ein Wohnquartier. Aber kann aus dieser Geschichte überhaupt Zukunft werden?
Patient*innengebäude in der ehemaligen Heilanstalt Dösen
Alte Wunden hinter neuen Fassaden: Die Heilanstalt Leipzig-Dösen - Ein Feature von Anna Horn und Jonas Lüth

Redaktion: Tizian Glaser.

Musik: Sebastian Pötzsch und Erwin Kupetz vom Therapieorchester "Gelebte Inklusion" des Städtisches Eigenbetriebs Behindertenhilfe (SEB). Zu hören sind Ausschnitte aus den Stücken „Tango For Two“ und „Muschelfantasien“ von Erwin Kupetz. Weitere Informationen: https://www.seb-leipzig.de/Therapieorchester.

 

Alte Wunden hinter neuen Fassaden: Die Heilanstalt Leipzig-Dösen

Ich war 1995 hier mit dem damaligen Oberbürgermeister, der machte so Stadtrundgänge und da haben die mir ein kleines Museumsheft gegeben – hier von dem damaligen Städtischen Psychiatrischen Krankenhaus – und da stand über die Geschichte von 1933 bis 1945 nichts drin. Nichts. Und da war ich so wütend, da bin ich an dem Tag noch zu meinem Chef gegangen und hab‘ gesagt, ich will jetzt ins Archiv gehen, ich will wissen, was hier los ist. Das kann ja nicht sein! 

Thomas Seyde, Psychiatriekoordinator der Stadt Leipzig

In den 1980er Jahren arbeitete Seyde hier als Pfleger. Hier, das meint: In der ehemaligen psychiatrischen Heilanstalt Dösen am südlichen Rand Leipzigs. 

An den Toren des Geländes vorbei donnern Autos auf der Chemnitzer Straße – entweder Richtung Innenstadt oder aufs Leipziger Land. Eine unscheinbare Bushaltestelle trotzt oft einsam dem Straßenlärm. 

Sobald die Besucherin das Eingangstor zum Areal des ehemaligen Park-Krankenhauses Dösen durchschreitet, breitet sich eine ungeahnte Parallelwelt vor ihren Augen aus: Alleen aus uralten Linden und Spitzahornbäumen führen vorbei an mehr als 20 freistehenden, villenartigen Gebäuden. Ehemaligen Patientinnenhäusern, Verwaltungsgebäuden und einer kleinen Kapelle. Ihren Klinkerfassaden kann man förmlich beim Bröckeln zusehen.

2002 - rund 100 Jahre nach der Eröffnung - wurde die Klinik in einen Neubau verlegt. Zurückgeblieben ist ein etwa 20 Fußballfelder großes, brachliegendes Gelände.

Ehemalige Kapelle auf dem Dösener Gelände

Der Psychiatriekoordinator Thomas Seyde versuchte ab 1995 herauszufinden, was zur Nazizeit in der Heilanstalt passiert ist. Er durchstreifte das Klinik-Archiv, wälzte Akten, die seit Jahrzehnten niemand mehr angefasst hatte – und wurde fündig: "So habe ich eben nie gewusst, dass auf ‘ner Akutaufnahme, wo ich gearbeitet hab, B31, dass das die erste Kindertötungseinrichtung war."

Er brachte an die Öffentlichkeit, worüber bislang niemand sprach: Dösen war eine der Heil- und Pflegeanstalten, in denen die Nationalsozialisten systematisch mordeten. ‚Euthanasie‘ – wörtlich ‚schöner Tod‘ – nannten sie den organisierten Mord an Menschen mit Krankheiten oder Behinderungen beschönigend.

In Dösen wurden während des Zweiten Weltkriegs mindestens 624 Kinder ermordet. Außerdem deportierte man von hier beinahe 900 behinderte oder psychisch erkrankte Erwachsene in Tötungsanstalten.

Parkähnliches Gelände mit ehemaligem Patient*innengebäude
Ehemaliges Patient*innenhaus auf dem Dösener Gelände

Wohnen am Ort des Verbrechens?

Zwischen das leise Zwitschern der Vögel und das ferne Rauschen der Chemnitzer Straße mischt sich zaghafter Baustellenlärm. Nach 20 Jahren Leerstand soll ein Wohnquartier auf dem alten Klinikgelände entstehen. Dahinter steht das Immobilienunternehmen Instone Real Estate.

Andreas Rühle, Leiter des Unternehmens in Sachsen, wirbt in einer Pressemitteilung im Juli 2021: "Es ist ein besonders schönes und stilvolles Projekt, da mehr als die Hälfte der Wohnungen im denkmalgeschützten Bestand in Pavillonbauweise entwickelt wird und so eine einmalige Verbindung zwischen Historie und Moderne entsteht."

Doch wie funktioniert das? Kann aus dieser Geschichte überhaupt Zukunft werden?

Bauschutt vor einem ehemaligen Patient*innehaus auf dem Dösener Gelände
Ehemaliges Patient*innenhaus in Dösen

 

Parkstadt Leipzig: Die Instone Real Estate wirbt
Parkstadt Leipzig: Die Instone Real Estate wirbt   

Krieg gegen die Kranken

Für die Nationalsozialisten waren Menschen mit Behinderungen und psychisch Erkrankte ‚minderwertig‘. Sie sollten an der Fortpflanzung gehindert, später sogar ausgelöscht werden. 

Ab 1933 wurden allein in der Heilanstalt Dösen über 600 Zwangssterilisationen an sogenannten ‚Erbkranken‘ durchgeführt. Mit Kriegsbeginn verschärfte sich die Lage weiter, wie Thomas Seyde erzählt: "De facto kann man sagen, mit dem Beginn des Krieges setzt auch ein Krieg gegen die Kranken ein."

Die kriegsbedingt knappen Ressourcen sollten nicht mehr zur Pflege Bedürftiger aufgewendet werden, erklärt Seyde: "Das sind Ballastexistenzen, die uns viel kosten, die unsere Ressourcen auffressen," so die Ideologie.

Hauptgebäude des ehemaligen Kinderkrankenhauses an der Oststraße
Hauptgebäude des ehemaligen Kinderkrankenhauses an der Oststraße   

Die Stadt Leipzig ist der früheste Schauplatz der grausamen Morde. Unter direkter Rücksprache mit Adolf Hitler wird im Sommer 1939 das erste Kind im Universitätsklinikum Leipzig getötet: ‚Kind K.‘ geht als ‚Initialfall‘ in die Geschichte der Kinder-Euthanasie ein. Damit beginnt das systematische Töten – auch in Dösen. "1940 gibt es zwei parallele Kinderfachabteilungen: eine in der Universität und eine hier. Und die morden parallel", so Thomas Seyde.

1940 übernimmt der Arzt Paul Nitsche die Dösener Klinikleitung. Im selben Jahr wird auch die sogenannte ‚Kinderfachabteilung‘ eingerichtet. Ihr Zweck: Die Umsetzung von Euthanasie-Verbrechen. Nitsche sucht dafür nach einer effektiven Tötungsmethode: "Er  hat dort das Luminal-Schema an Dösener Psychiatriepatienten, ausprobiert; es sollen über 100 Menschen dort versuchsweise getötet worden sein."

Luminal ist ein Betäubungsmittel, das in Kombination mit Mangelernährung zu einem schnellen Tod führt, wie Thomas Seyde weiter erklärt: "Das macht auch so ein Bild wie so ‘ne Bronchitis oder so ‘ne schwere Lungenerkrankung. Das täuscht also auch noch ‘nen normalen Tod vor, der er aber natürlich nicht war, sondern die sind ermordet worden."

Das in Dösen entwickelte ‚Luminal-Schema‘ wurde vor allem zur Tötung von Kindern eingesetzt. 

Patient*innengebäude in der ehemaligen Heilanstalt Dösen

Down-Syndrom als Todesurteil

Eines der in Leipzig ermordeten Kinder war ‚Trudchen‘ Oltmanns. Die Nichte der Getöteten, Gesine Oltmanns, hat vor wenigen Jahren begonnen, die Geschichte ihrer Tante Trudchen zu beleuchten.

Gesine Oltmanns erinnert sich: "Es gab ein Bild, das hing über dem Klavier im Großelternhaus hier in Leipzig und das war immer gerahmt von so ‘nem Blumenkranz. Es war mir als Kind ganz klar, ich durfte die Oma, den Opa nicht danach fragen, da war ‘ne Wunde. Und das hat mich schon immer beschäftigt, warum das so war. Ich hab` meinen Vater danach gefragt, dessen Schwester das war, und er erzählte dann davon." 

"Trudchen" Oltmanns   

‚Trudchen‘ wurde am 17. Oktober 1937 in Leipzig geboren. Man diagnostizierte bei ihr ‚Mongolie‘ – heute ‚Down-Syndrom‘ genannt. Gesine Oltmanns berichtet: "Trudchen war ein Kind, was bis zum Vorschulalter wohlbehütet aufwuchs mit ihrer Krankheit, aber als es dann darum ging, dass sie eingeschult werden müsste, da hat die Kinderärztin keine Chance mehr gesehen. Und das war der Knackpunkt, wo sich die Gesellschaft in dieses Familienleben einmischte."

 

 

Die Kinderärztin meldete Trudchens Krankheit. Ihre Eltern machten Bekanntschaft mit dem Arzt Werner Catel, einem der Wegbereiter der Kindereuthanasie: "Und der hat ihnen empfohlen, man sollte ‘ne sogenannte radioaktive Behandlung machen, damit könnte man Trudchen heilen", so Gesine Oltmanns.

Der Vater von ‚Trudchen‘, Großvater von Gesine Oltmanns, schrieb damals in sein Tagebuch:

Prof. Catel hat mir am 28. IV. berichtet, dass seine Beobachtungen zu einem Recht ungünstigen Ergebnis geführt haben. Er müsse Trudchen als stark schwachsinnig bezeichnen, sie dürfe in diesem Zustand nicht in der Familie bleiben, überhaupt nicht in der Öffentlichkeit. Man könne nur im Interesse des Kindes, das man vor dem Anstaltsleben bewahren müsse, diesen Versuch machen, obwohl auch die große Gefahr bestünde, dass Trudchen einschlafen und nicht wieder erwachen würde. Wir Eltern sind, wenn auch recht schweren Herzens, seinem Rate gefolgt. Und nun harren wir banger Sorge, ob Gottes Hilfe und Segen auch diesmal mit uns und unserem Kinde sein wird. Heute habe ich im Kinderkrankenhaus am Bett unserer kleinen Gertrud gestanden. Sie lag im tiefsten Schlaf, nachdem sie am Morgen die erste Bestrahlung erhalten hatte.

Vater von ‚Trudchen‘, Großvater von Gesine Oltmanns

Die Familie vermutet, dass die ‚radioaktive Behandlung‘ nie vorgenommen wurde. Sie geht stattdessen davon aus, dass Trudchen eine Injektion erhielt und bereits am nächsten Tag - mit gerade einmal fünf Jahren - starb.

Trudchen kam in der Leipziger Universitätsklinik ums Leben. Ihr Schicksal teilte sie mit über 600 in der Dösener Klinik ermordeten Kindern. 

Stolperstein für "Trudchen" Oltmanns am Eingang des ehemaligen Kinderkrankenhauses in der Oststraße
Stolperstein für "Trudchen" Oltmanns am Eingang des ehemaligen Kinderkrankenhauses in der Oststraße   

Die Wiese Zittergras erinnert

Fünf Kilometer nördlich von Dösen befindet sich der Friedenspark, ein ehemaliger Friedhof im Zentrum Südost. Hier wurden zahlreiche Leipziger Kindereuthanasie-Opfer begraben. Als der Friedhof zu einem Park wurde, mussten auch die Gräber weichen. Grabstein auf Grabstein, mit Erde bedeckt, entstand ein Hügel, der heute bei Kindern zum Rodeln beliebt ist.

Auf der Westseite des Friedensparks befindet sich der Gedenkort Wiese Zittergras. Beate Mitzscherlich, Psychologieprofessorin in Zwickau, hat den Gedenkort 2011 mit eingeweiht:

Wir sehen einen Weg, der sich zwischen hohen Gräsern langwindet, den man laufen, den man durchrennen kann und wo links und rechts Hecken sind. Das ist ‘ne Gedenkstätte für die Opfer der Kindereuthanasie, die in den zwei Leipziger Kinderfachabteilungen getötet wurden. Und die Gestaltungsidee dahinter ist eigentlich sehr schön, nämlich die Idee da eben keinen Stein hinzustellen oder irgendein schweres Denkmal, sondern einen Weg. Als das aufgemacht wurde, hat das wirklich funktioniert, dass jedes Kind, das hier vorbeikommt mit seinem kleinen Fahrrad oder Roller, den in die Ecke schmeißt und da mal durchläuft, weil der einfach schön gewunden ist. Ich finde es auch als Gestaltungsidee deswegen gut, weil das ja Kinder waren, denen noch ein Lebensweg bevorgestanden hätte, der dann nicht mehr stattfinden konnte.

Beate Mitzscherlich, Psychologieprofessorin

"Wiese Zittergras" und "Weg Lebwohl": Gedenkort für die Opfer der Kinder-Euthanasie
"Wiese Zittergras" und "Weg Lebwohl": Gedenkort für die Opfer der Kinder-Euthanasie   

Im Friedenspark wird der Euthanasie-Verbrechen also gedacht. Und in Dösen selbst? Wie wird dort erinnert? 

Stolperschwelle macht für Investoren kein gutes Bild

Bisher gibt es nur einen kleinen Hinweis auf die Verbrechen: Eine Stolperschwelle an der Chemnitzer Straße, die gar nicht mal so leicht zu entdecken ist. Nicht etwa direkt am Eingang, sondern auf der anderen Straßenseite neben der Bushaltestelle ist die goldene Schwelle in den Boden eingelassen.

Ursprünglich war geplant, die Schwelle direkt am Eingang zu Dösen zu legen und es war dann so, dass wirklich einen Tag bevor die Verlegung stattfinden sollte, kam eine Information, von einem Stadtmitarbeiter, dass die ganze Sache abgesagt werden sollte, weil der neue Investor meinte, das würde kein gutes Bild machen, wenn vor seinem Grundstück so ‘ne Schwelle liegt. Und dann haben wir uns kurzerhand an dem Tag der Verlegung dafür entschieden, einfach über die Straße die Bushaltestelle zu nutzen, weil dort hatte der Grundstücksinhaber keine Handhabe mehr dagegen.

Maik Tiedtke, Teil der “Initiative 551 plus” 

Die inklusive Gruppe ließ die Stolperschwelle 2016 verlegen.

Tiedtke ist trotz der Hindernisse bei der Verlegung zuversichtlich, dass die Stolperschwelle entdeckt wird: "Man steht da, wartet auf den Bus und schaut gezwungenermaßen mal auf den Boden. Und stolpert über die Schwelle!"

Auf der Schwelle ist unter anderem zu lesen: „Ab 1934 wurden hier 604 Menschen zwangssterilisiert / 1939 – 1943 wurden hier 624 Kinder in der ‚Kinderfachabteilung’ ermordet”.

Stolperschwelle in Dösen unmittelbar nach der Verlegung 2016   

Erinnerung ja! Aber wie und woran?

Mit einer Stolperschwelle allein kann es aber wohl nicht getan sein. Das befand auch die Linke, die deshalb 2019 als erste Partei im Leipziger Stadtrat eine umfassende Erinnerung in Dösen forderte.

Im Sitzungssaal des Stadtrats wurden im Laufe des Jahres 2021 wiederholt Vorschläge zum Gedenken diskutiert. Der Rahmen dafür ist aber schon länger begrenzt: Mit der Privatisierung des Krankenhauses 1999 hat sich die Stadt ihren Gestaltungsspielraum – im wahrsten Sinne des Wortes – verbaut.

Bert Sander sitzt für Bündnis 90 / Die Grünen im Stadtrat. Ihm liegt eine sichtbare Erinnerung der NS-Verbrechen am Herzen: "Sie haben nicht nur ein Grundstück gekauft, sie haben auch die Geschichte mit im Sack. Man kann nicht ‚schöner Wohnen‘ dadurch erreichen, dass man unliebsame oder fürchterliche Geschichte verdrängt."

Darüber, dass erinnert werden soll, bestehe Einigkeit im Stadtrat. Woran genau, wird aber diskutiert. Bert Sander erklärt, dass Dösen in seiner hundertjährigen Geschichte nicht ausschließlich ein Ort des Schreckens war:

Dösen ist nicht nur verbunden mit der nationalsozialistischen Scheußlichkeit der Euthanasie, Dösen ist auch verbunden mit einem Fortschritt. Man hat anerkannt und anerkennen müssen, dass psychisch und seelisch Kranke nicht vom Teufel Besessene sind, die man anketten und wegsperren muss. Also diese psychischen Krankheiten, die seelischen Krankheiten überhaupt als Krankheit anzuerkennen war ja ein Fortschritt im 19. Jahrhundert und aufgrund dieses Fortschritts ist auch Dösen gebaut worden.

Bert Sander, Bündnis 90 / Die Grünen

Auch zu DDR-Zeiten gab es in der Klinik große Fortschritte: Ein Patientenrat wurde gegründet, die Gitter an den Fenstern abgebaut und die Türen geöffnet. Andererseits erheben vereinzelte Stimmen den Vorwurf, die Stasi hätte psychiatrische Einrichtungen genutzt, um gesunde, aber politisch unliebsame Personen wegzusperren. Für Dösen ist nicht abschließend untersucht, ob und falls ja, wie viele politisch motivierte Einweisungen es gegeben hat. 

Es soll also an die gesamte Geschichte erinnert werden. Auch an die humanistische Gründung der Einrichtung, und die ambivalente DDR-Geschichte Dösens. Ohne die NS-Verbrechen dabei zu relativieren!

Psychiatriekoordinator Thomas Seyde ist für die Ausgestaltung des Gedenkens mitverantwortlich. Für die Leipziger Stadtverwaltung verhandelt er auch mit dem Investor. Bisher stehe fest, dass im neuen Wohnquartier eine Straße nach den hier ermordeten Geschwistern Steinhausen benannt wird. Außerdem sollen vier Tafeln entstehen, die die gesamte Geschichte des Geländes abbilden, berichtet Seyde: "Das werden so schrankhohe Tafeln und der Investor hat nichts gesagt, ist alles gut. Und die erste Tafel wird natürlich für den noch ‘nen Problem werden, die wird eben leider die Euthanasie betreffen, weil die bauen zuerst im südlichen Teil, der wird bis 2023 fertig und das bedeutet, die müssen jetzt verkaufen."

Schnell verkaufen, bevor auch der unbeholfensten Google-Nutzerin bekannt wird, was hier alles geschehen ist? Die Leipziger Geschäftsleitung der Instone Real Estate will sich momentan nicht dazu äußern. 

Stolperschwelle mit Blick auf die ehemalige Heilanstalt Dösen
Stolperschwelle mit Blick auf die ehemalige Heilanstalt Dösen   

Eine freie, von der Zivilgesellschaft getragene Gedenkinitiative ist auf dem Gelände nicht mehr möglich. Doch was würden sich Menschen wünschen, die hier Patientinnen waren, gearbeitet haben oder anderweitig mit dem Ort verbunden sind?

Stefanie Kretschmann, Teil der 'Initiative 551 plus': "Ich hätte es schöner gefunden, wenn da was zurückgegeben worden wäre. Wohnungen für Menschen mit Behinderung oder Wohnhäuser wo Wohngruppen entstehen. Was Integratives. Und wenn‘s ‘n Kindergarten ist. Oder ‘ne Wohnstätte oder ‘ne Werkstatt. Es gibt doch so viel Bedarf. Vor allem auch barrierefreie Wohnungen oder Sonstiges."

Maik Tiedtke, ebenfalls Teil der Initiative: "Ich würde vielleicht sogar ein Gebäude im Urzustand belassen und das so ‘n bisschen als Mahnmal. Und da vielleicht noch so ‘n altes Equipment mit reinstellen, dass Leute, die das sehen möchten, wies damals war, sich das anschauen können."

Initiative 551 plus nach der Stolperschwellen-Verlegung; Maik Tiedtke (1. v. l.); Stefanie Kretschmann (r.)   

 

Christine Stumpe, mehrfach Patientin in Dösen, zuletzt vor 25 Jahren: "Also ich finde, da sollte doch ‘ne kleine Gedenkstätte sein, auf die Probleme dies da gegeben hat für psychisch Kranke und wies zu der Krankheit kommt, dass die sich allmählich entwickelt nicht allein erblich, sondern auch durch Umweltbedingungen und Stressfaktoren und so weiter, durch die Gesellschaft und dass solche Leute geschützt werden müssen, geholfen bekommen, dass man die nicht diskriminiert, sondern dass die auch bereit sind ein ordentliches Leben zu führen oder ihr Anderssein leben müssen."

Psychiatriekoordinator Thomas Seyde: "Mir wäre lieber gewesen zum Beispiel so ‘ne künstlerische Lösung, wo Künstler sich daran abarbeiten, wo das noch mal ‘ne andere Dimension, widersprüchliche Intuition gibt oder Anregung oder, wo das in Bewegung bleibt."

Berit Lahm, Mitherausgeberin des Buches "505 Kindereuthanasieverbrechen in Leipzig: Verantwortung und Rezeption": "Man könnte zum Beispiel gucken, dass sich dann, wenn die Gemeinschaft sich hier gefunden hat, dass es einen Tag im Jahr gibt, an dem man sich zusammenfindet und den Opfern der Euthanasie zum Beispiel gemeinsam gedenkt. Dass das so ein gemeinschaftliches Handeln hier vor Ort wird."

Eine Aufforderung, das Thema weiter anzugehen, und kreativ zu sein. Denn es ist lange noch nicht alles aufgearbeitet. Immer noch fehlt es an Wissen, Sensibilität und Anerkennung des Leids.

Thomas Seyde sieht das ganz ähnlich:

Dieses Monströse zu verarbeiten, das braucht aktive, ständige Auseinandersetzung, da braucht‘s viele Ideen, das ist mit ‘ner Gedenktafel nicht gemacht, das ist damit nicht erledigt, das wäre Quatsch.

Thomas Seyde, Psychiatriekoordinator

 

 

Musik: Sebastian Pötzsch und Erwin Kupetz vom Therapieorchester "Gelebte Inklusion" des Städtischen Eigenbetrieb Behindertenhilfe (SEB). Zu hören sind Ausschnitte aus den Stücken „Tango For Two“ und „Muschelfantasien“ von Erwin Kupetz. Weitere Informationen: https://www.seb-leipzig.de/Therapieorchester.

Sebastian Pötzsch (l.) und Erwin Kupetz (r.) vom SEB-Therapieorchester

 

Das ganze Feature könnt ihr hier nachhören:

Alte Wunden hinter neuen Fassaden: Die Heilanstalt Leipzig-Dösen - Ein Feature von Anna Horn und Jonas Lüth

Redaktion: Tizian Glaser.

Musik: Sebastian Pötzsch und Erwin Kupetz vom Therapieorchester "Gelebte Inklusion" des Städtisches Eigenbetriebs Behindertenhilfe (SEB). Zu hören sind Ausschnitte aus den Stücken „Tango For Two“ und „Muschelfantasien“ von Erwin Kupetz. Weitere Informationen: https://www.seb-leipzig.de/Therapieorchester.

 

Alte Wunden hinter neuen Fassaden: Die Heilanstalt Leipzig-Dösen

 

 

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