Filmkritik: "Schachnovelle"

Zwischen Schachfiguren und Wahnsinn

Philipp Stölzls Verfilmung des gleichnamigen Romans mag auf den ersten Blick wie der deutsche Versuch einer Schachstory á la "Das Damengambit" wirken. Warum man mit der Annahme allerdings komplett falsch liegt, erfahrt ihr hier.
Protagonist Josef Bartok hockt auf dem Boden seines Badezimmers und spielt auf dem schwarz-weiß-gemusterten Fließen Schach.
Josef Bartok beim verzweifelten Schachspiel.

Im Rahmen der Filmkunstmesse ist „Schachnovelle“ von Regisseur Philipp Stölzl bereits vor Kinostart in Leipzig zu sehen und ich mache mich auf den Weg ins Kino. An meinem Platz angekommen werde ich direkt von einer älteren Frau angesprochen, die mir erzählt, dass sie sehr gespannt auf den Film sei und froh ist, diesen heute schauen zu können. Eine Mitarbeiterin des Filmverleihs eröffnet die Vorstellung und fragt das Publikum, wer denn die Romanvorlage von Stefan Zweig gelesen habe. Viele Arme gehen nach oben, man freut sich, dass so viele interessierte Menschen gekommen sind. Zum Teil der Hälfte, die das gleichnamige Buch nicht kennt, zähle auch ich und bin deshalb gespannt, was mich in den nächsten 112 Minuten erwartet.

„Schachnovelle“ erzählt die Geschichte des Notars Josef Bartok während der Übernahme Wiens durch die Nationalsozialisten. Bartok ist ein stolzer Mann, hat alles, was man sich im Leben wünschen kann. Im Visier der Gestapo ignorieren seine Frau Anna und er die drohende Gefahr zunächst, werden erst im letzten Moment gewarnt und zur Flucht gedrängt, doch dann ist es zu spät: Josef Bartok wird von der Gestapo gefangen genommen. Warum – das fragt sich auch seine Frau, die im Gegensatz zum Publikum keine Antwort mehr auf diese Frage erhält. Bartok ist dafür verantwortlich, große Vermögen von Klöstern im Ausland zu verstecken. Dieses Geld wollen die Nazis für ihre Zwecke. Bartok wird im Hotel Metropol gefangen gehalten, wo er zum ersten Mal auf den Gestapo-General Franz-Josef Böhm trifft.

 

Bartok und seine Frau Anna im Auto, umringt von Demonstrant:innen.
Bartok und seine Frau Anna auf den Straßen Wiens.   

Das Wien der 1930er Jahre

In dieser ersten Dreiviertelstunde des Films fallen mir vor allem das Setdesign und die Kostüme auf. Mit viel Mühe wurde hier ein Wien der späten 1930er Jahre aufgebaut und in seiner ganzen Imposanz dargestellt. Vor allem das Hotel Metropol beeindruckt mich und ich frage mich, wie es wohl Teil der Geschichte sein wird. Doch schnell wird klar, dass die beeindruckende Fassade nur von dem ablenken soll, was dahinter passiert.

Bartok wird in ein Zimmer eingesperrt. Trotz der relativ humanen Behandlung beginnt er schnell, sich zu langweilen und langsam in den Wahnsinn abzurutschen. Er schafft es während eines Freigangs, ein Schachbuch zu klauen. War er zu Beginn seiner Gefangenschaft noch der Überzeugung, dass Schach nur etwas für „preußische Generäle“ sei, verliert er sich nun in dem Spiel und gibt sich diesem ganz hin. Die Realität verschwimmt zunehmend und das Schachspiel übernimmt sein ganzes Denken auf besessene Weise.

Oliver Masucci vs. Albrecht Schuch

Oliver Masucci (bekannt aus „Er ist wieder da“) brilliert hier als Josef Bartok, zeigt die verschiedenen Facetten der Figur und den fortschreitenden Realitätsverlust. Ihm gegenüber steht Albrecht Schuch („Systemsprenger“) in der Rolle des fast schon sadistischen Gestapo-Generals Franz-Josef Böhm. Zusammen bilden sie ein Protagonist-Antagonist-Paar, was zu Beginn auf ein spannendes (Schach-)Spiel hoffen lässt, sich jedoch mit Fortschreiten des Films eher als Enttäuschung entpuppt. Trotz der großartigen Besetzung durch zwei der momentan bekanntesten deutschen Schauspieler verlieren sich die Figuren im Strudel der Verwirrung, es bleibt bei einfachen Schlagabtauschen.

Bartok und Böhm Angesicht zu Angesicht.   

Die Spirale der Unglaubwürdigkeit dreht sich enger

Nicht nur die Figuren gehen im Film zunehmend unter, auch die Story selbst scheint irgendwann nicht mehr zu wissen, wo sie eigentlich hin möchte. Der Realitätsverlust des Josef Bartok ist einer der zentralen Handlungsstränge von „Schachnovelle“. Ist man als Zuschauer:in zu Beginn noch gespannt wie sich die Geschichte entwickelt, verstrickt diese sich immer mehr bis zu dem Punkt, an dem nichts mehr glaubwürdig erscheint. Das Publikum wird zusammen mit Bartok in diese Spirale der Verwirrung und des Mißtrauens gezogen. Diese Erzählart kennt man von Christopher Nolan Filmen wie „Inception“ oder „Tenet“. Jedoch bleibt der Moment der Erleuchtung, an dem wenigstens Teile der Handlung aufgeklärt werden, bei „Schachnovelle“ aus. Der Film entlässt die Zuschauenden mit gänzlicher Verwirrung und einem eher unbefriedigenden Ende.

Fazit

„Schachnovelle“ von Philipp Stölzl ist wohl ein Muss für alle, die die Romanvorlage gelesen haben. Für alle, die diese nicht kennen, ist es wahrscheinlich empfehlenswert, sich im Vorfeld ein wenig über die Handlung zu informieren, um nicht ganz ins kalte Wasser geschmissen zu werden. Auch für das hervorragende Schauspiel von Oliver Masucci und Albrecht Schuch lohnt sich der Film. Für mich war die Geschichte letztlich zu verwirrend dargestellt, weswegen ich den Film eher frustriert als begeistert verließ. Zu viel wurde unerklärt gelassen, sodass sich mir die Frage stellte, was dann überhaupt der Sinn der Handlung war. Zudem hätte ich mir noch mehr Szenen zwischen Bartok und Böhm gewünscht, die auch noch intensiver hätten ausfallen können. Was mir hingegen sehr gut gefallen hat, waren das Setdesign und die Kostüme, da diese die Handlung sehr stark unterstützt und die jeweiligen Situationen nochmal anders ausgestaltet haben. Letztendlich ist „Schachnovelle“ ein Film, der zwar dem schlechten Ruf des deutschen Films nicht entspricht, aber leider auch zu undurchdacht ist und sich irgendwann, zusammen mit seinem Protagonisten, selbst verliert.

 

"Schachnovelle" ist seit dem 23. September im Kino zu sehen.

 
 

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"Schachnovelle"

von: Philipp Stölzl

mit: Oliver Masucci, Albrecht Schuch, Birgit Minichmayr, u.a.

Gretchen schaut 

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