Stellenabbau im Mittelbau der GKR

Zu kurz gekommen?

Die Uni Leipzig baut Vielzahl von Lehrstellen an der Fakultät für Geschichte, Kunst und Regionalwissenschaften ab, mit weitreichenden Folgen. Studierende und Mitarbeitende wenden sich mit Besorgnis an die Öffentlichkeit. Was sind ihre Forderungen?
Studierende versammeln sich auf dem Kurt-Masur-Platz
Studierende versammeln sich auf dem Kurt-Masur-Platz

Für viele Studierende der Universität Leipzig war der Start des neuen Wintersemesters 2021/22 ein Aufatmen. Nach drei Online-Semestern am Stück rief die Uni nun ihre Studierenden in den Präsenzbetrieb zurück. Für viele war dies ein lang herbeigesehntes Ereignis. Doch nicht alle von ihnen können diese Euphorie teilen, vor allem nicht die, die plötzlich um ihren Studiengang bangen müssen. So zumindest ergeht es im Moment vielen Studierenden der Fakultät für Geschichte, Kunst und Regionalwissenschaften (GKR). 

Der Mittelbau nimmt ab 

An der Fakultät GKR wurde angekündigt, dass einige Überlaststellen im Mittelbau wegfallen bzw. nicht verlängert werden. Überlaststellen sind Lehrstellen, die bei zusätzlichem Arbeitsbedarf benötigt werden. Jener tritt wiederum auf, sobald eine Fakultät eine über 100-prozentige Auslastung erreicht hat. 

Der Mittelbau einer Universität steht für ein strukturelles Element in der Hierarchie zwischen Professor:innen und Studierenden. Im Mittelbau der Universität Leipzig arbeiten die wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen. Sie erfüllen an der Universität eine sehr wichtige Aufgabe, denn neben der Forschung sind sie ebenso ein wichtiger Teil der Lehre, auch wenn sie selbst keinen eigenen Lehrstuhl innehaben. 

Lösung in Sichtweite?

Doch wie genau wird sich die Lehre nun gestalten, nachdem ein großer Teil der Überlaststellen im Mittelbau entfallen könnte? Eine Lösung für dieses akute Problem scheint bisher noch nicht in Sicht. Sowohl Studierende als auch Lehrende fühlen sich von der Universität im Stich gelassen und möchten sich nun mit dieser Problematik erneut an die Öffentlichkeit wenden, denn die Kundgebung vom 16. November 2021 am Kurt-Masur-Platz war nicht die erste ihrer Art. Bereits 2014 organisierten Studierende Kundgebungen wie diese, denn schon damals stand die Schließung von Studiengängen wie bspw. der Theaterwissenschaft und der Archäologie auf dem Spiel. Jene Schließungen konnten damals knapp verhindert werden.

Meine größte Angst für die betroffenen Studiengänge ist, dass es für sie eigentlich ein Tod auf Raten ist. Mit Beginn der Kürzungen seit 2014 findet bis heute ein schleichendes Exekutieren an der Fakultät statt, bis sie uns irgendwann alles dicht machen. 

Mitarbeitender der Fakultät

 

Protestierende formulierten ihre Standpunkte auf selbstgebastelten Pappschildern
Protestierende formulierten ihre Standpunkte auf selbstgebastelten Pappschildern

(In)Transparenz?

„Studium und Lehre stärken“, so lautet der Titel des Zukunftsvertrags, der im Juni 2019 zwischen den Regierungschef:innen von Bund und Ländern beschlossen wurde. Dieser zielt darauf ab, die hohe Qualität der Lehre und des Studiums sicherzustellen. Demnach ist die Universität Leipzig ebenso daran gebunden, dieses Ziel anzustreben und bestmöglich zu erreichen. Der Sächsische Doppelhaushalt 2021/22, welcher im Mai dieses Jahres beschlossen wurde, ist neben dem Zukunftsvertrag ein weiterer Aspekt, der zu einer Verbesserung der Lehrqualität führen soll. 

Nun ist für die Studierenden noch immer unklar, weshalb es überhaupt zum Wegfall von Überlaststellen an der Fakultät für Geschichte, Kunst und Regionalwissenschaften kommen soll. Die Studierenden wendeten sich bereits mit dieser Frage an das Rektorat. Nach Aussage der Studierenden erklärte dieses in seinem Antwortschreiben, dass es keine Kapazitätseinbußen gäbe. Eine deutlich formulierte Begründung, weshalb es zu der hohen Anzahl an auslaufenden Lehrstellen gekommen ist, wurde laut Angaben der Studierenden nicht übermittelt.

Ein weiterer Punkt, der den Studierenden sehr unklar erscheint, sei die deutliche Abweichung einiger Zahlen. Hierbei beziehen sich die Redner:innen auf die zugewiesenen Mittel, die aus dem Zukunftsvertrag der Sächsische Staatsregierung hervorgehen. Und zum anderen deren Abweichung hinsichtlich der Zuweisungen des Rektorats, über die Beschäftigungsverhältnisse an der Universität Leipzig.

Das Rektorat hat uns eigentlich nur erklärt, dass es kein Problem gäbe und ist auch gar nicht richtig auf die von uns thematisierte Situation eingegangen. Die Antwort, die wir gestellt bekommen haben, war also mehr oder weniger eine Nicht-Antwort. 

Studierende der Fakultät 

Der Kurt-Masur-Platz als Austragungsort der Kundgebung
Der Kurt-Masur-Platz als Austragungsort der Kundgebung

Auswirkungen auf die Lehrqualität

Eine Vielzahl an Lehrstellen soll beispielsweise in den Studiengängen wie bspw. der Archäologie und Geschichte des Alten Europa, Archäologie der Alten Welt oder auch der Theaterwissenschaft entfallen. Insgesamt betrifft dies an der Fakultät 80 Stellen. Vor allem den kleinen Fächern würde mit erhöhter Wahrscheinlichkeit die Grundlage für einen intakten Lehrbetrieb genommen werden. Die Überlaststellen sind bislang tragende Pfeiler, um die Lehre an der Fakultät überhaupt am Leben zu halten. Fällt ein Großteil dieser nun weg, wird ein Lernen wie bisher zu zunehmend unwahrscheinlicher.

Eine der akuten Herausforderungen war es den Lehrplan für das Wintersemester zu gestalten, weil einfach Personalstellen weggefallen sind und man die Lehrveranstaltungen aber trotzdem irgendwie anbieten muss. 

Mitarbeitender der Fakultät

Die Sicherung der Lehre ist eine der wichtigsten Forderungen
Die Sicherung der Lehre ist eine der wichtigsten Forderungen

Viel Kritik von Studierenden

Die Wortbeiträge von Redner:innen während der Kundgebung auf dem Kurt-Masur-Platz, haben noch einmal sehr deutlich gemacht, dass die Kürzungen weitreichende Folgen für die ganze Fakultät nach sich ziehen werden. Zum einen sei die Belastung der Studierenden nach den letzten drei Digitalsemestern sehr hoch gewesen und nun stehe für sie das nächste Zittern an, denn unklar ist weiterhin, ob es für alle von ihnen eine Zukunft an der Universität Leipzig geben wird.

Mehrmals wurde von den Studierenden auch die mangelnde Transparenz von Seiten der Universität kritisiert sowie die Kurzfristigkeit der Zuweisungen. Diesbezüglich habe die Universität Leipzig erst eine Woche vor Beginn der vorlesungsfreien Zeit übermittelt, dass ein Stellenabbau an der Fakultät stattfinden werde. Mitarbeitende sowie Studierende seien sich einig, dass dies zu wenig Zeit ist, um sich ausführlich mit den bevorstehenden Ereignissen auseinanderzusetzen und ggf. darauf reagieren zu können. 

Es gibt jetzt tatsächlich schon einige Hauptsorgen, wie z.B. das akute Fehlen von bestimmten Kursen, die für uns wichtige Fähigkeiten vermitteln sollen.

Studierende der Fakultät

Raum für klare Forderungen

Dass sich die Studierenden der Fakultät GKR nicht einfach so dem geplanten Stellenabbau der Überlaststellen hingeben werden ist für sie klar. Zu den wichtigsten und lautesten Forderungen zählen für die Protestierenden hierbei vor allem die langfristige und stabile Lösung zur Absicherung der Lehr- und Studienqualität, insbesondere die Verbesserung des Betreuungsangebotes für Studierende. Eine weitere essenzielle Forderung betrifft die Einbindung der Studierenden in die Ausgestaltung des Studienplans, hier sei das Mitspracherecht sehr wichtig. Nicht zuletzt wird von ihnen auch eine zukünftig transparente Kommunikation seitens des Rektorats eingefordert, da dies vorab kaum bzw. sehr intransparent geschehen sei, so berichten die Studierenden. 

Das Rektorat äußert sich zur Situation 

Den Vorwurf der Studierenden, dass das Rektorat in der vorliegenden Problematik intransparent kommuniziert habe, kann Prof. Dr. Lenk, Prorektor der Uni Leipzig, nicht vollends nachvollziehen. Er äußerte, dass jegliche Überlegungen und Entscheidungen stets mit dem Senat und dem Dekanat der Fakultät GKR abgesprochen wurden. Für die kurzfristige Stellenzuweisung, kurz vor Beginn des neuen Wintersemesters 2021/22, sei es nur gekommen, da die Universität zunächst die zur Verfügung stehende Stellenanzahl aus dem Landtagsbeschluss abwarten musste. Denn die genaue Zahl kannte die Uni für lange Zeit nicht. Von dieser Gesamtzahl sei zum Schluss abhängig, wie viele Stellen pro Fakultät überhaupt vergeben werden können. 

Prof. Dr. Lenk wies ebenfalls darauf hin, dass die Bezeichnung „Kürzungen“ in diesem Sachverhalt nicht korrekt verwendet sei. Er beginnt seine Argumentation mit der Tatsache, dass im Jahr 2018 an der Uni noch immer finanzielle Mittel übergeblieben seien aufgrund von Verzögerungen und Stellennichtbesetzung. Demnach hätten diese Mittel 2019 zurückgegeben werden müssen. Um dies aber zu vermeiden, wandelte man diese in Stellen für einzelne Fakultäten um. Hierbei erfolgte jedoch der offenkundige Hinweis, dass diese nur bis zum 31.12.2020 befristet seien. Es sei somit von Anfang an kommuniziert worden, dass es diese Stellen nur für kurze Zeit im System geben werde.

Wenn man das Jahr 2011 mit dem Jahr 2021 vergleicht, dann haben wir, trotz Stellenabbau in den ersten Jahren, einen deutlichen Stellenzuwachs. Und deswegen ist die Rede von "Kürzungen" insgesamt völlig daneben - um das mal auf den Punkt zu bringen.

Prof. Dr. Lenk, Prorektor Universität Leipzig

Kulturbereich soll erhalten bleiben

Anhand der hier vorliegenden Problematik wird vor allem ersichtlich, dass die Mittel für den Kulturbereich an der Universität Leipzig zunehmend eingedämmt werden. Eines steht jedenfalls fest; die Studierenden der Fakultät für Geschichte, Kunst und Regionalwissenschaften werden alles daransetzen, gemeinsam für den Kulturbereich der Universität Leipzig einzustehen und zu verdeutlichen, weshalb auch der Fortbestand der „kleinen“ Fächer von so großer Bedeutung für Kultur und Gesellschaft ist.

Mehr zum Thema erfahrt ihr auch in unserer Podcastfolge, hier zum Nachhören:

IFrame
#252 - Uni Leipzig: Baustelle Mittelbau
 

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