Frisch Gepresst: Cassandra Jenkins

Wohin mit dem Schmerz?

Cassandra Jenkins‘ zweites Album „An Overview on Phenomenal Nature“ erzählt in beeindruckender Manier vom emotionalen Selbstheilungsprozess.
Cassandra Jenkins
Verarbeitet ihren Schmerz: Cassandra Jenkins

Wenn der Schmerz einmal da ist, wohin damit? Und vor allem, wohin mit sich selbst? Cassandra Jenkins weiß es zunächst selbst nicht. Die ersten Strophen auf „Michelangelo“, dem Opener des Albums, sind pure Depression. 

There's a fly around my head
Waiting for the day I drop dead
My DNA looks pretty strange
Can you see it on my breath?

Cassandra Jenkins in "Michelangelo"

Und trotzdem wird schon im ersten Song deutlich, was „An Overview on Phenomenal Nature“ schaffen kann und will: Mit dem Schmerz umgehen und leben. Jenkins leistet Widerstand, sie wird zu Michelangelo, sie puzzelt sich aus Marmor neu zusammen – Jenkins ist nicht mehr die Gleiche, aber sie ist noch da.

R.I.P. David Berman

Dass der Schmerz überhaupt da ist, dafür sorgte unter anderem der Suizid von Freund und Kollaborator David Berman im Jahr 2019. Jenkins sollte ihn eigentlich auf seiner Tour begleiten, stattdessen fand sie sich fassungslos in Oslo wieder. Der Track „Ambiguous Norway“ erinnert an Berman und ist dabei keineswegs hektisch – im Gegenteil, Jenkins nimmt sich Zeit für die Betonung der Worte, das Instrumental plätschert zurückhaltend im Hintergrund und traut sich höchstens sanfte Arpeggio und Saxofon-Klänge zu. Dennoch ist der Song durch das episodenhafte Storytelling Jenkins‘ lebendig und sprunghaft. Von der Kostümwahl für die Tour geht es plötzlich in ein Flugzeug, von dort aus in eine einsame norwegische Bergkette – immer wieder unterbrochen vom mantraartigen „You’re gone, you’re everywhere“. Jenkins macht ihre Erlebnisse und Eindrücke transparent und nachfühlbar und hinterlässt einen würdevollen und poetischen Abschied an Berman.

Farewell Purple Mountains
I see a range of cumulous
The majesty's transmutation
Distant, ambiguous

Cassandra Jenkins im Song "Ambiguous Norway"

Was sagen die Anderen?

Das Episodenhafte perfektioniert Jenkins auf der herausragenden Single „Hard Drive“. Über Drumloops, Saxofon-Soli und Field Recordings verzichtet sie größtenteils auf Gesang. Stattdessen rezitiert sie vergangene Dialoge, bleibt in diesen aber so passiv, dass die vier Strophen zu vier Charakterisierungen der jeweils anderen werden – die Trump-verfluchende Sicherheitswärterin; den spirituellen Buchhälter; Darryl, der Jenkins das Autofahren beibringt und Perry, die mit Jenkins auf einer Geburtstagsfeier meditiert. Im Kontext des Albums wirkt dieser Song mit all seinen kleinen Alltagserlebnissen wie ein Befreiungsschlag aus der Depression, die das Album durchzieht. Von allen Figuren nimmt Jenkins etwas mit und findet schmerzlindernde Ratschläge, ohne sich dabei Gedanken um sich selbst zu machen.

Und die Natur…

Und dann ist da noch die Natur. Ähnlich wie auf der zuletzt erschienen Genreschwester „Ignorance“ von The Weather Station hat die Natur eine zwiespältige Rolle. In „New Bikini“ wird der Ozean und das Wasser - mal ehrlich, mal sarkastisch - als Allheilmittel beschrieben. Im bereits erwähnten „Ambiguous Norway“ sind die Berge zwar schön, aber lösen die Gefühlstaubheit Jenkins‘ nicht auf. So zwiegespalten die Rolle der Natur auf der Platte auch ist, so gut gibt sie eben auch die Verwirrung und den emotionalen Ausnahmezustand wieder.

Die Platte hat dabei noch mehr Highlights: etwa das eskapistische „Crosshairs“, dessen Motive an Helena Delands „Someone New“ erinnern oder „The Ramble“, ein herausragender, friedvoller Ambient-Track und gleichzeitig der Albumcloser. Wenn dem Album ein Vorwurf gemacht werden muss, dann dass musikalisch mehr hätte gewagt werden dürfen. Was möglich gewesen wäre, zeigen Songs wie „Hard Drive“ oder „Ambiguous Norway“, die mit Bläsern und Arpeggio spielen. Tracks wie „Hailey“ und „New Bikini“ bleiben zu sehr im Folk-Konsens-Matsch und sind zu linear und eindimensional, um Spannung und Dynamik zu erzeugen. Gut für Cassandra Jenkins, dass sie das mit ihrer Lyrik auszugleichen weiß.

Kein eindeutiges Fazit

Wohin also mit dem Schmerz? Nach Norwegen, ins Meer, nach innen? „An Overview on Phenomenal Nature“ vermeidet gekünstelte, eindeutige Antworten. Stattdessen beweist Jenkins ihre Wortfertigkeit und legt ihre Gefühlswelt nicht eindeutig offen, sondern reflektiert sie in konkreten Figuren, in Episoden, im Wunsch nach kurzzeitigen Liebesaffären. Und in all diesen Geschichten verarbeitet Jenkins nebenbei ihr Trauma und ihre Trauer. Wohin also mit dem Schmerz? Ein bisschen überall hin, nach Norwegen, ins Meer, zu Jenkins selbst.      

 

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Cassandra Jenkins: An Overview on Phenomenal Nature

Tracklist:

1. Michelangelo

2. New Bikini

3. Hard Drive*

4. Crosshairs*

5. Ambiguous Norway*

6. Hailey

7. The Ramble

*Anspieltipps der Redaktion

Erscheinungsdatum: 19.02.2021
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