Filmkritik: "Home"

Wo ein Mörder nach Vergebung strebt

Franka Potentes Regiedebut wurde zwar in Deutschland produziert, spielt aber in Kalifornien. Warum euch das Label "Deutscher Film" in diesem Fall nicht abschrecken sollte, erfahrt ihr in dieser Filmkritik.
Wo ein Mörder nach Vergebung strebt
Wo ein Mörder nach Vergebung strebt

Ein Raunen geht durch die Menge, als die Sneek-Preview im Kino beginnt, sich das Licht dimmt und die Eröffnungssequenz eine deutsche Produktion ankündigt. Jetzt kommt also ein deutscher Film, schade. Es herrscht eine Aura kollektiver Einigkeit, dass man wohl keine großen Hoffnungen in den folgenden Film setzen kann. So geht es auch mir. Und was dann folgt, überrascht mich sehr:

Franka Potente erzählt in ihrem Regiedebüt die Geschichte von Marvin (Jake McLaughlin), den wir nach dem Absitzen seiner 17-jährigen Haftstrafe aus dem Gefängnis zurück nach Hause begleiten. Ein Vorfall, bei welchem der junge Marvin die alte Dame Flintow umbrachte, verschaffte ihm einen unrühmlichen Ruf in seiner kleinen Heimatstadt Newhall. Dort scheint man ihn und die Tat auch fast zwanzig Jahre später nicht vergessen zu haben. Zurück zu Hause will er sich um seine schwerkranke Mutter (Kathy Bates) kümmern und versuchen, wieder Fuß zu fassen. Doch außer Father Browning (Stephen Root), seinem alten Schulfreund Wade (Derek Richardson) und dem Pfleger seiner Mutter, Jayden (Lil Rel Howery), scheint ihn die ganze Stadt als kriminellen Nichtsnutz abgeschrieben zu haben und er wünscht sich, er wäre nie wieder gekommen. Still erduldet er die Anfeindungen - besonders die der Familie Flintow, die auf Rache sinnt - und versucht, gegen alle Widerstände ein normales Leben zu führen und Vergebung und eine zweite Chance zu erhalten.

Marvin in "Home"
Marvin (Jake McLaughlin) fährt heim.   

Wunderschön dreckig

Der Film hat eine sehr eindrückliche visuelle Sprache. Ohne viele Worte schafft es Franka Potente, ihre Zuschauer:innen in die dreckige und verstaubte Kleinstadtwelt von Newhall zu ziehen. Seien es die Straße aus dem Gefängnis nach Newhall, auf der Marvin nach seiner Entlassung im abgewetzten Trainingsanzug auf seinem Skateboard durchs Niemandsland nach Hause fährt, der Wohnwagen seines besten Freundes Wades, der einer Messi-Fixerstube gleicht, oder die typisch amerikanischen Vororthäuser, die in ihrer Aufmachung und Einrichtung ein Gefühl von Armut, abgehängt sein und Beklemmung transportieren. Und auch die Charaktere entsprechen nicht dem klassischen Hollywood-Schönheitsideal. Marvin, mit seinen ausgeblichenen Knast-Tattoos und einem traurigen Blick, wirkt verunsichert, orientierungslos und scheint sich teilweise selbst aufgegeben zu haben. Seine Mutter sitzt rauchend am Küchentisch, hustend, neben ihr die Sauerstoffflasche, ohne die sie nicht leben kann. Marvins Freund Wade ist verwahrlost, abgemagert und hat ein eingefallenes Gesicht, ist immer etwas zu unruhig und auf der Suche nach Ablenkung von seinem Leben. Alle Charaktere haben Makel und wirken gebeutelt von ihren Lebensumständen. Als Teil einer Vorort-Unterschicht, entsprechen sie am ehesten einem Klischee, das man häufig von RTL2-Formaten reproduziert sieht. Und trotzdem werden die Personen nicht darauf reduziert, sondern gewinnen ihre Stärke gerade durch einen Einblick in diese Welt auf Augenhöhe.

Marvin und Father Browning (Stephen Root)
Marvin und Father Browning (Stephen Root)   

Kernige Charaktere

Und in dieser Welt brillieren die Figuren. Besonders Kathy Bates in ihrer Rolle als Bernadette, einer alt gewordenen und kranken Frau, die unter vielen harten Schicksalsschlägen leidet, spielt einen so unglaublich ehrlichen Charakter, dass es als Zuschauer leicht fällt, in die Geschichte einzutauchen. Man fühlt mit Marvin mit, dem man glaubt, dass er von Herzen wünscht, seine Tat ungeschehen machen zu können und am meisten Vergebung für seine Vergangenheit sucht. Aber auch den Hinterbliebenen aus der Flintow-Familie, die, wenn auch nicht immer in einem angemessenen Maß (oder doch?), auf Rache aus sind und kein Verständnis für Marvin aufbringen können, muss man Mitgefühl zollen. Es ist ein ständiger innerer Konflikt, mit wem man gerade am meisten mitfühlt und es zwingt einen dazu, zu reflektieren, ob man selbst in der Lage wäre, eine solche Tat zu verzeihen. Hier macht der Film eine Bandbreite an persönlichen Bezügen zur Tat und zum Täter auf, die einem viele Perspektiven auf die Lage in Newhall geben.

Marvin sucht nach Freiheit
Marvin sucht nach Freiheit   

Ein guter deutscher Film?

Ohne eine Diskussion darüber aufmachen zu wollen, ob deutsche Filme wirklich so schlecht sind wie häufig behauptet wird, zeigen die Reaktionen zu Beginn des Filmes, dass in gewissen Kreisen eine Grundskepsis gegenüber deutschen Produktionen zu spüren ist. Im Falle von “Home” lässt sich die Angst vor deutschem Kino schnell nehmen. Der Film spielt in einer amerikanischen Kleinstadt Kaliforniens und ist mit US-amerikanischen Schauspieler:innen besetzt. Dass der Film nicht nur in den USA, sondern auch in Düsseldorf und Köln, z.B. im bekannten Musik-Club „Bootshaus“ gedreht wurde, merkt man nicht und auch rückblickend lässt sich nicht sagen, welche Szenen in Deutschland produziert worden sind.

Fazit

Für mich ist „Home“ einer der besten Filme, die ich dieses Jahr im Kino gesehen habe - ein Film, von dem ich davor noch nie etwas gehört habe - und das finde ich schade. Franka Potentes Regiedebüt führt die Zuschauer:innen durch die Lebenswirklichkeit der Figuren, überlässt ihnen aber die Bewertung der Taten und Umstände selbst. Er zeigt unfassbar ergreifend die Facetten einer sozialen Urangst vor der Ächtung aufgrund einer Tat und die Ohnmacht, diese wieder gut machen zu können. Die Hoffnung auf Vergebung bindet er in eine ergreifend dramatische Lebenswelt von real wirkenden Menschen ein. Mit seinen 100 Minuten hat er dabei genau die richtige Länge und wirkt nicht aufgesetzt oder unnötig gesteckt.  Jede:r wird etwas Anderes aus diesem Film mitnehmen und dass der Film mir immer noch im Gedächtnis ist, zeigt für mich, dass er Stärken haben muss, die ich anderen Filmen nicht zuschreiben kann. Wer Interesse an diesem bewegenden Film bekommen hat, sollte sich “Home” nicht entgehen lassen. Für mich ist es bisher der Geheimtipp des Jahres.

"Home" läuft seit Ende Juli in den deutschen Kinos und ist bald als Video on Demand erhältlich.

 

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Nils Wilken
14.09.2021 - 09:53
  Kultur

"Home"

von Franka Potente

mit: Kathy Bates, Jake McLaughlin, Lil Rel Howery, Stephen Root u.a.

 

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