Identitäten im Schauspiel

Wie viele Regeln braucht die Kunst?

Wie kann man unterrepräsentierte Gruppen im Schauspiel sichtbarer machen? Die Amazon Studios versuchen es mit neuen Regeln zum Casting, aber treffen sie damit den Kern des Problems? Oder bedeuten zu viele Regeln gar eine Gefährdung der Kunstfreiheit?
Gretchen Identität im Schauspiel

Repräsentation in Film, Fernsehen und auf der Theaterbühne ist wichtig für benachteiligte Gruppen und Minderheiten - diese Tatsache ist schon lange bekannt. Repräsentation sorgt für mehr Normalität im Umgang und bestärkt Menschen, die sich mit den immer gleichen weißen heteronormativen Menschen in weißen heteronormativen Rollen, die von weißen heteronormativen Menschen geschrieben und produziert werden, nicht recht identifizieren können. Bei den Menschen hinter der Kamera handelt es sich im Übrigen überwiegend auch noch um Männer. So weit, so bekannt. Aber gibt es einen richtigen Weg, für mehr Sichtbarkeit zu sorgen?

Immer mehr Kino- und Serienproduktionen setzen bei den Punkten Ethnie und Nationalität auf eine heterogene Zusammensetzung des Casts, oft auch ungeachtet der historischen Authentizität. Aktuelle Beispiele dafür sind beispielsweise die Netflixserie "Bridgerton" oder der Kinofilm "The Green Knight", in dem Dev Patel einen Ritter der Artusrunde verkörpert. Auch die aktuell erfolgreichsten Franchises der Filmwelt - Marvel und Star Wars - schreiben immer mehr Rollen für BIPoC-Schauspieler:innen. Andere benachteiligte Gruppen, die zum Bespiel Diskriminierung aufgrund ihrer sexuellen Identität erfahren, sind in den Geschichten großer Hollywoodproduktionen auch immer präsenter, die bekanntesten Beispiel dafür lauten "Brokeback Mountain", "Call Me By Your Name" oder der oscarprämierte "Moonlight".

Repräsentation = Chancengleichheit?

In den letztgenannten Beispielen werden die homosexuellen Hauptrollen allerdings alle von zumindest in der Öffentlichkeit als heterosexuell wahrgenommenen Schauspieler:innen verkörpert. Homosexuelle und Schauspielende, die sich anderen benachteiligten Gruppen zugehörig fühlen, werden teilweise immer noch bei Castings benachteiligt, wenn sie ihre Identität offenlegen. An diesem Punkt versucht nun die neue Amazon Studios Inclusion Policy anzusetzen. Darin heißt es unter anderem, dass alle Produktionen von Amazon Studios in Zukunft, wann immer es möglich ist, Schauspielende gemäß ihrer Identität besetzen sollen. Sexuelle Orientierung, Genderidentität, Behinderung, Alter, Nationalität und Ethnie stimmen dann zwischen Charakter und Spielenden überein. Der vordergründige Gedanke dabei ist, dass durch die Besetzung nicht mehr nur Geschichten über die betroffenen Gruppen erzählt werden, sondern von ihnen.

Das Stichwort lautet an dieser Stelle Authentizität. Menschen sollen die Geschichten, deren Hintergründe sie selbst erlebt haben, besser verkörpern können als Menschen, die sich aufgrund ihrer Identität in ihrem Leben noch nicht mit vergleichbaren Herausforderungen konfrontiert sahen. Dennoch gibt es vor allem an diesem Punkt viel Kritik, unter anderem aus der Zeit, der taz und von Filmkritiker Wolfgang M. Schmitt, der auf Twitter durch diese Policy gar „das Ende der Schauspielerei“ verlauten ließ. Ganz so drastisch sieht es Stephen Sikder, stellvertretender Vorsitzender des Bundescastingverbands e.V. zwar nicht, aber auch er sieht durch eine solche Verordnung die Kunstfreiheit in Gefahr.

Die Kunst muss frei sein

Stephan Sikder ist überzeugt, dass es zum Handwerkszeug eines jeden Schauspielenden gehöre, prinzipiell jede beliebige Rolle spielen zu können, ungeachtet irgendwelcher identitärer Grenzen. Die Identität spiele in den Köpfen der Castingdirektor:innen ohnehin schon lange keine Rolle mehr, wenn es um die Besetzung einer Rolle ginge. Laut Sikders Meinung sei die Stellung von Homosexuellen so weit im Mainstream angekommen, dass der verstärkte Fokus auf die Identität sowohl den Produzierenden als auch den Spielenden bei der Entfaltung in der Filmkunst eher hinderlich sei. Gegen die feste Verknüpfung von Charakter und Schauspielendem sprach sich auch schon 2019 "Act Out" aus, das Manifest von 185 nicht-heteronormativen deutschen Schauspielenden, die sich für die Sichtbarkeit sexueller Minderheiten in Film und Fernsehen einsetzten. Was sie damals schon betonten war, dass auf keinen Fall ein:e Schauspieler:in so sehr auf seine Merkmale festgelegt dürfe, dass er:sie nur noch für eine begrenzte Anzahl an Rollen in Frage käme. Sie beklagten jedoch am Status Quo, dass man mit einem Outing eben doch auch die Karriere belasten könnte. Nicht immer sei es für Schauspielende leicht, zur sexuellen Orientierung zu stehen, sodass es auch in Deutschland noch Schauspielende gibt, die ihre Identität lieber geheim halten. Und dieses Recht auf Privatsphäre soll natürlich auch erhalten bleiben. Niemand darf dazu gezwungen werden, die privaten Angelegenheiten in der Öffentlichkeit auszubreiten.

Eine Quote kann nicht der Weg sein

Der Zwang zum Outing, um für gewisse Rollen in Frage zu kommen, gleichzeitig aber für andere ausgeschlossen zu werden, kann also auch nicht der Wunsch von Amazon sein, den sie mit ihren neuen Richtlinien verfolgen. Dass die allzu strenge Durchsetzung einer solchen Identitätskongruenz alleine nicht für Besserung in der Branche sorgen kann, dieser Meinung ist auch Andreas Hammer. Er ist Film- und Theaterschauspieler in Leipzig und Mitglied der Queer Media Society. Er ist der Meinung, dass vor der gesamten Film- und Theaterwelt noch einiges an Arbeit liegt, bevor man von einer Art Gleichberechtigung sprechen kann. Für Andreas Hammer liegt dabei der Schwerpunkt aber hinter der Kamera. Die Charaktere - vor allem auch im deutschen Film - müssten einfach diverser geschrieben werden, um sie zur Normalität zu machen. Das strenge Casting nach Identitätsmerkmalen kann für ihn nur eine kurzfristige Übergangslösung sein, um mehr Chancen für Schauspielende benachteiligter Gruppen zu bieten. Der Gradmesser, an dem Schauspielende öffentlich bewertet werden, richtet sich immer noch stark nach der Vielfalt, die sie in ihren Rollen verkörpern können. Er selbst wäre als Theaterschauspieler schließlich auch nahezu arbeitslos, wenn er keine Heterorollen mehr spielen dürfte.

Die Welt der Bühnen und Bildschirme muss also letztlich stärker darauf achten, die moderne Gesellschaft realistischer und diverser Abzubilden, anstatt sich über eine übermäßige Quotierung zu sehr auf die Identitäten zu versteifen.

 

Die Interviews mit Stephen Sikder und Andreas Hammer hört ihr in der neuen Folge Gretchen:

 

Kommentieren

Alexander Böhle
31.08.2021 - 12:24
  Kultur

 

 

  • Hier geht's zu allen Folgen Gretchen.