Interview: Jakob Nolte

Wie spricht man über ein Leben?

In den frühen Morgenstunden Berlins spricht der deutsche Schriftsteller Jakob Nolte bei Vogelgezwitscher und mittelmäßig gutem Kaffee mit mir über seinen neuen Roman "Kurzes Buch über Tobias".
Jakob Nolte
Der Autor Jakob Nolte im Interview bei mephisto 97.6

Das Interview zum Nachhören:

Ein Interview von Renn Leila mit Jakob Nolte
2605 Interview Nolte Zukunft des Buches

„Kurzes Buch über Tobias“ schildert fragmentarisch das Leben des in Berlin lebenden Tobias Becker. Er ist Literaturstudent, Schriftsteller, Pfarrer und Televangelist. Mit ungewollter Komik, einer Prise Mystik und einem Touch Religiosität erleben wir Tobias‘ verzweifelte Suche nach Sinn – und das auf eine sehr reale Art und Weise, die unsere gegenwärtige Gesellschaft unter die Lupe nimmt. 

Die aufgebrochene Form

Fragmentarisch, zeitlich durchgewürfelt und in kleinen Szenen fügt sich in unseren Köpfen langsam die Vorstellung eines Lebens zusammen. Viele empfinden die nicht chronologische Erzählform als etwas sehr Erfrischendes zu herkömmlichen linear verlaufenden Romanen. Für Jakob Nolte ist die aufgebrochene Form etwas Natürliches, das ihn sein Leben lang schon begleitet. Er ist mit Büchern, wie William S. Burroughs`s „Naked Lunch“ oder Theaterinszenierungen, wie Nicolas Stemanns „Schlachthof 5“ von Kurt Vonnegut groß geworden, die von der aufgebrochene Form und Sprüngen in der Zeit geprägt sind. Für Nolte spiegelt dieser Erzählstil sein Erleben von Zeit wider und ist für ihn in diesem Buch daher, die einzige, die Sinn macht. 

Warum Sprache?

Inspiriert vom Traum einmal als Comiczeichner zu arbeiten, wurde ein Notizheft zum ständigen Begleiter des Autors. Darin wurden Szenen des täglichen Lebens und andere Ideen in Form von kleinen Skizzen, als auch Notizen festgehalten. Sprache war für ihn lange hauptsächlich ein Mittel, um andere Kunstformen zu gestalten oder zu rahmen. Vor allem durch das Theater wurde die Frage nach dem wie? jedoch immer zentraler. Es ging also vielmehr um die Frage: Wie kann man einen Zeitraum von eineinhalb Stunden gestalten und was wird in dieser Zeit gesagt? Wie kann man über Biografie sprechen? Über Alltag? Über Dinge, die ganz nahe am persönlichen Erleben sind? Was ist daran interessant und was nicht? Diesen Fragen geht er auch in seinem neuen Roman nach. 

Spiel mit den Geschlechtern

Bücher dienen als „Empathiemaschinen“, die dabei helfen können ein Verständnis für andere Personen zu entwickeln. Schlussendlich lesen wir das, was eine andere Person sich ausgedacht hat. Dabei ist es heute mehr denn je von Bedeutung, nicht nur den weißen, heterosexuellen, deutschen Mann der oberen Mittelklasse abzubilden, sondern auch auf andere Figurentypen oder Minderheiten zurückzugreifen. So spielt Jakob Nolte mit dem Gedanken, dass das Buch als Kunstform die Aufgabe hat, eine möglichst weitreichende Abbildung von Menschen zu geben, die uns durchs Lesen nähergebracht werden – oder auch nicht.  

Wie sieht die Sprache der Zukunft aus?

Die letzten Jahre haben wir eine extreme Veränderung in unserer Gesellschaft und Umgebung erlebt. Literatur ist meist auch eine Reflexion der gegenwärtigen Umstände und gesellschaftlichen Dynamiken. Wie wird also die Zukunft der Sprache mit fortschreitender Digitalisierung und Globalisierung aussehen? 

 

 

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Jakob Nolte, geboren 1988, ist ein in Berlin lebender deutscher Schriftsteller und Autor. Seine Theaterstücke wurden mehrfach prämiert und an zahlreichen Bühnen Europas gespielt. Bisher veröffentlichte er drei Romane. Gemeinsam mit Leif Randt kuratiert er die Webseite www.tegelmedia.net.