Filmkritik: "Supernova"

Wie mit dem Unausweichlichen umgehen?

Wie ist es, mit dem Wissen zu leben, man könnte seine Liebsten am nächsten Tag schon nicht mehr erkennen? Was, wenn ein geliebter Mensch Tag für Tag ein anderer wird? Die innere Zerrissenheit beim Thema Demenz arbeitet "Supernova" auf.
Supernova Wohnwagen

Harry Macqueens romantisches Drama „Supernova“ erzählt die Geschichte des Autoren Tusker (Stanley Tucci) und des Konzertpianisten Sam (Colin Firth), die probieren, sich mit Tuskers fortschreitender Demenz zu arrangieren. Das Paar, das seit über 20 Jahren zusammen ist, hat seit der Demenzdiagnose von vor zwei Jahren mit Zukunftssorgen und Sicherheiten im Alltag zu kämpfen. Trotz des sich verschlechternden Zustandes machen sich die beiden auf eine Wohnwagentour durch England, um Orte ihrer gemeinsamen Vergangenheit sowie Familie und Freunde zu besuchen. Doch mit jedem Tag und mit jedem demenzbedingten Vorfall, fangen beide an sich immer mehr Sorgen zu machen und suchen ihre ganz eigenen Wege, mit der Situation umzugehen und Zukunftspläne zu schmieden.

 

Supernova Sam & Tusker   

Aus dem Leben gerissen

Die Beziehung von Tusker und Sam ist eine sehr erwachsene und liebevolle. Tusker ist ein erfolgreicher Schriftsteller und Sam ein begabter Musiker und zusammen schaffen sie es, das Beste ineinander hervorzubringen und sich in ihren Leidenschaften zu bestärken und wertzuschätzen. Doch die Demenzdiagnose reißt beide aus ihrem geregelten Alltag. Auf einmal scheint die Unbeschwertheit früherer Tage ständigen Sorgen und einer über allem stehenden ungewissen Zukunft gewichen zu sein. Schöne Momente und Zukunftspläne werden immer wieder von Momenten des körperlichen und geistigen Verfalls unterbrochen und setzen die beiden unter Druck. So schön sie es sich auch probieren zu machen und so gefasst sie nach außen wirken wollen, ist es seit der Diagnose ein Thema, dass nicht nur jeden Bereich ihrer Beziehung maßgeblich prägt, sondern auch Ballast ist, an dem sie sich für sich allein abkämpfen.

 

Supernova Tusker erklärt die Sterne   

Das Leid des einen...

Obwohl sie sich unglaublich nahestehen und eigentlich über alles reden können, begann mit der Demenz eine gewisse Eigenbrötlerei in ihren Plänen. Sam grübelt tagtäglich darüber nach, wie er es Tusker möglichst angenehm gestalten kann und ihn gleichzeitig nicht ständig mit seiner fortschreitenden Unselbstständigkeit konfrontiert. Er nimmt sich mehr Zeit, plant Aktivitäten und ist bereit, sich ein Leben unter diesen neuen Umständen aufzubauen. Ein Haus auf dem Land, viel Ruhe und die Bereitschaft, aus tiefstem Herzen bis zum Ende für Tusker da zu sein, sich um ihn zu kümmern und ihm das Gefühl zu geben, geliebt zu werden. Tusker hingegen sorgt sich weniger darum, was die Krankheit mit ihm macht als vielmehr, wie seine Veränderungen auf sein Umfeld wirken werden. Er möchte es seinen Liebsten nicht antun, sie nicht mehr zu erkennen und von ständiger Betreuung abhängig zu sein. In den zwei Jahren seit der Diagnose haben sein Gedächtnis, seine motorischen Fähigkeiten und die Möglichkeit zu schreiben so weit abgebaut, dass er unter der ständigen Angst leidet, die Kontrolle zu verlieren. So möchte er niemandem in Erinnerung bleiben.

Demenz

Diese zwei Positionen stehen sinnbildlich für die große Tragik von Erkrankungen wie Demenz: Natürlich ist es eine Krankheit, die den eigenen Körper und die eigenen Fähigkeiten angreift und man dabei zusehen muss, wie man von Tag zu Tag weniger man selbst ist - weniger die Person, die man war und sein möchte. Gleichzeitig ist es auch für die Nächsten und geliebte Menschen ein unglaublicher Leidensdruck und ein Gefühl von Verantwortung und Hilflosigkeit gegenüber der Person gleichermaßen. Zu sehen, wie ein geliebter Mensch verschwindet und zu erleben, was es heißt, die Kontrolle über sich zu verlieren und durch das eigene Leiden auch noch seinen wichtigsten Menschen Schmerzen zu bereiten, ist die große Ungerechtigkeit in so einem Fall. Und im Fall von Sam und Tusker lässt es eine Beziehung nochmal auf eine ganz besonders intime Art entflammen und zeigt Motive, getragen von selbstloser Liebe, bevor das Licht zu erlöschen droht.

 

Supernova Tusker und Sam schlafen   

Fazit

Mit „Supernova“ hat Harry Macqueen ein emotionales Drama geschaffen, voller Schmerz über die große Ungerechtigkeit der Welt. Auf eine langsame, ruhige Weise und anhand einer liebevollen Beziehung wird das Leiden von Menschen und ihren Nächsten im Falle einer Demenzerkrankung abgebildet. Damit geht der Film stark in die Richtung des jüngst oscar-gekrönten Films „The Father“, welcher nochmal ein anderes Level an Tiefe und filmischer Finesse aufweist. Jedoch mindert das nicht den Wert und die Emotionalität von „Supernova” - einem Film, der durch gute schauspielerische Leistung von Stanley Tucci und Colin Firth besticht und gerade am Ende einige Fragen aufwirft, die nicht nur emotional berühren, sondern auch zur Selbstreflexion anregen, wie man sich selbst in so einer Situation verhalten würde. Denn ein klares Richtig oder Falsch, so mein Gefühl, gibt es in solchen Fällen leider nicht.

 

"Supernova" läuft seit dem 14. Oktober in den deutschen Kinos.

 

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Nils Wilken
15.10.2021 - 11:57
  Kultur

Supernova

Erscheinungsdatum: 14. Oktober 2021

Regie: Harry Macqueen

Mit: Stanley Tucci und Colin Firth

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