Gretchen #19

Was macht gute Erinnerungskultur aus?

Der 9. November als Erinnerungstag ist eng verbunden mit der deutschen Kultur. Doch wie erinnert man sich richtig an Ereignisse wie den Mauerfall oder die Reichspogromnacht? Gretchen macht sich auf die Suche nach der deutschen Erinnerungskultur...
Gretchen Erinnerung
Gretchen Erinnerung

Der 9. November gilt als "Schicksalstag" der Deutschen. So viele einschneidende Ereignisse sind an diesem Tag geschehen: Der Mauerfall, die Reichspogromnacht - aber auch viele andere Ereignisse, an die man sich heute vielleicht nicht mehr ganz so gut erinnert. Ein Grund für Gretchen, der Frage auf den Grund zu gehen, was eine gute Erinnerungskultur eigentlich ausmacht. Dafür spricht Alex mit der Historikerin und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann. Moritz und Viktoria diskutieren ihre Erfahrungen mit Erinnerung in Schule und Familie und Clara macht sich in einer Reportage auf die Suche nach Leipzigs Denkmälern - und nach Orten des Gedenkens, an denen vielleicht noch gar keine stehen. Dabei stellt sie sich die Frage, was ein gutes Denkmal eigentlich auszeichnet.
Mehr dazu im Podcast:

 

 

Was ist Erinnerungskultur?

Erinnerungskultur bezeichnet die Verankerung von Erinnerung an die Vergangenheit in der Kultur der Gegenwart. Sie ist Ausdruck eines kollektiven Gedächtnisses einer Gesellschaft. Das heißt, die Art und Weise, wie und ob sich Einzelne oder Gruppen an historische Ereignisse erinnern, bringt die Erinnerungskultur hervor. Erinnerungskultur findet statt in Denkmälern, Straßennamen, Museen, im Theater, in Filmen - überall, wo Menschen oder Orte Erinnerungen teilen und weitergeben.

Die Historikerin und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann beschreibt die Erinnerungskultur in Deutschland nach 1989 folgendermaßen:

Mit dem neuen Wort [Erinnerungskultur] kam auch eine neue Einstellung in die Welt, die das bislang gültige Verhältnis zwischen Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart grundsätzlich verändert hat. (...) Mit der neuen Erinnerungskultur haben sich die traditionellen Formen des Erinnerns radikal verschoben. Zum ersten Mal sind es nicht mehr die eigenen Opfer der Kriege, derer heroisch gedacht und die trauernd beklagt werden, sondern auch die Opfer der eigenen Verbrechen, die in die Verantwortung der Staaten und nachwachsenden Generationen mit einbezogen werden.

 

Diese selbstkritische Erinnerungskultur ist in Deutschland relativ einzigartig und speist sich vor allem aus der großen Last der Schuld und Verantwortung für die Verbrechen der Shoah und des zweiten Weltkriegs. Erinnerungskultur funktioniert besonders gut, wenn Zeitzeugen sie am Leben halten, die unmittelbar die Erinnerung weitertragen. Jetzt, da die letzten Zeitzeugen aus der Nazizeit verschwinden, stellt sich die Frage, wie man Erinnerung anders erhalten kann.

Erinnerung muss kollektiv etabliert werden. Das jedoch geht nur über Vereinfachung und Auswahl. Entscheidungen müssen getroffen werden, an was man sich erinnern möchte und was man vergisst. Die Diskussionen um ein Denkmal an die deutsche Einheit, das in Berlin errichtet werden soll, zeigen, dass das ein komplizierter Prozess ist. Gerade beim Gedenken an ein Ereignis wie den 9.11.1989 besteht die Gefahr, die Komplexität eines Ereignisses wie der Wiedervereinigung zu Gunsten eines unkritischen Feierns auszublenden. Auch hier lohnt es sich, den Menschen zuzuhören. Nur so kann eine gute Erinnerungskultur entstehen.

Der Erinnerung in Leipzig auf der Spur 

Die Redakteurinnen Clara und Jasmin waren in Leipzig unterwegs und haben Orte der Erinnerung aufgesucht. Auch hier zeigt sich, wie Erinnerung mal mehr und mal weniger gut funktioniert: 

 

Demokratieglocke
Die "Demokratieglocke" am Augustusplatz   

Etwas unscheinbar findet man in Leipzig am Augustusplatz zwischen der Straßenbahnhaltestelle und dem Eingang zur Grimmaischen Straße die Demokratieglocke, im Volksmund auch „das goldene Ei“ genannt. Sie soll im Gedenken an die friedliche Revolution für das buchstäbliche „Einläuten“ der Demokratie stehen. Stündlich machen einige Glockenschläge im Innern auf sie aufmerksam. Von den Passanten wird die nur 1,50 Meter hohe Glocke allerdings leicht übersehen. 

 

Wilhelm-Leuschner-Platz
Der Wilhelm-Leuschner-Platz - doch von einem Denkmal fehlt jede Spur.   

Den Wilhelm-Leuschner-Platz hatte der Stadtrat vor zehn Jahren als Standort für das Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal bestimmt. 2014 sollte es dort eingeweiht werden - doch zu sehen ist bis heute nichts. Nur der alternative Name des Ortes als "Platz der friedlichen Revolution" verweist noch auf seine Bestimmung als Gedenkort. Im Rahmen eines internationalen Wettbewerbs wurde die Denkmalgestaltung vergeben. Die drei finalen Entwürfe sahen vor, den Platz auf jeweils ganz eigene Weise umzugestalten. Aktuell arbeitet die Stiftung Friedliche Revolution an einer Wiederaufnahme des Projekts. 

 

Holocaust-Mahnmal
Das Holocaust-Mahnmal in der Gottschedstraße   

Seit 2001 befindet sich in der Gottschedstraße ein Holocaust-Mahnmal an Stelle der großen Gemeindesynagoge, die dort in der Pogromnacht 1938 zerstört wurde. Das Mahnmal bildet den Raum der Synagoge ab. 140 Stühle sind dort aufgestellt - im Gedenken an den zerstörten Gebetsort. Den Weg zum eigentlichen Monument muss man bewusst über eine Rampe gehen, um Bepflanzungen zu überwinden. Auf der wenige Meter entfernten Gedenktafel finden sich Informationen zur Geschichte der Synagoge in deutscher, englischer und hebräischer Sprache.   

 

Ehemalige Ez-Chaim Synagoge
Wo früher die Ez-Chaim Synagoge stand, ist heute ein Parkplatz.   

Nur wenige Meter entfernt zeigt ein Wegweiser in die Richtung der ehemaligen Ez-Chaim-Synagoge. Folgt man dem Weg, landet man jedoch nur auf einem aus Parkplätzen und eingezäunten Bereichen bestehenden Hinterhof. Nichts informiert über die zweitgrößte Synagoge Leipzigs, die an diesem Ort bis zum 9.11.1938 stand. Michael Schönherr vom Bürgerverein Kolonnadenviertel erzählt im Podcast, was ein Denkmal an diesem Ort so schwierig macht und wie der Verein versucht, dennoch für eine Erinnerungskultur zu sorgen.

"Gretchen - der Kulturpodcast von mephisto 97.6" erscheint alle zwei Wochen überall wo es Podcasts gibt.

 
 

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Bürgerverein Kolonnadenviertel

Mehr zum Gedenkort Ez-Chaim Synagoge findet ihr hier.

Stiftung Friedliche Revolution

Mehr zum Freiheits- und Einheitsdenkmal in Leipzig