Gretchen #21

Warum sind wir einsam?

Aufstehen, Kaffee machen, Zoom Meeting, Netflix, schlafen – Gerade im Lockdown fühlt man sich schneller einsam, als einem lieb ist. Und das, obwohl man auf Instagram so viele bekannte Gesichter sieht. Doch woher kommt Einsamkeit?
Gretchen Einsamkeit
Gretchen #21: Einsamkeit

Studien darüber, dass bestimmte Teile unserer Gesellschaft sich immer öfter einsam fühlen, gibt es zur Genüge. In Großbritannien gibt es sogar ein Einsamkeitsministerium. Besonders betroffen sind einschlägiger Forschung nach junge Menschen und Frauen. Trotzdem scheint es, als zieme es sich besonders für junge Menschen nicht, sich isoliert oder abgeschnitten von seiner Umgebung zu fühlen. In einer so vernetzten Welt wie der heutigen, bei so vielen Möglichkeiten zur Nähe, scheint es absurd, sich einsam zu fühlen und das auch zuzugeben.

Verwechseln darf man dabei die Einsamkeit nicht mit dem Alleinsein. Die meisten von uns kennen das erleichternde Gefühl, endlich mal die WG für sich zu haben oder nach ein paar Tagen mit vielen Gesprächen den sozialen Akku aufzuladen. Mit sich selbst freiwillig Zeit allein zu verbringen ist nicht das Gleiche wie Einsamkeit. Die kann man auch spüren, wenn man im Club zwischen 100 Menschen steht oder mit Freund:innen Zeit verbringt. Ausschlaggebend ist, dass man nicht so viele erfüllende soziale Interaktionen hat, wie man eigentlich möchte.

An die Substanz

Seit die Menschheit sich entwickelt, lebt sie in Gruppen zusammen. In der Steinzeit war es überlebenswichtig, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die zusammen jagte und sich vor Gefahren beschützte. Seitdem ist unser Körper getrimmt auf emotionale und körperliche Nähe. Bekommen wir diese nicht, reagiert unser Körper darauf schon in den ersten Lebensmonaten. Und auch später setzt es uns gesundheitlich zu, einsam zu sein. Es werden Stresshormone ausgeschüttet und man wird leichter krank.

Egal wie weit sich die Welt und die Technik weiterentwickelt haben — unser Gehirn braucht immer noch die Nähe, auf die es sich vor 300.000 Jahren eingestellt hat. Warum kümmern wir uns dann so selten um dieses Gefühl, das so viele betrifft und so viel in uns auslöst?

Anspruch: Unabhängig

Unsere moderne Gesellschaft ist zunehmend auf Individualität ausgerichtet und ruft uns tagein tagaus zu: „Sei selbstständig!“, „Du bist verantwortlich für dein eigenes Glück!“. Nicht selten bekommt man zu spüren, dass es oftmals als Schwäche gesehen wird, sich und anderen einzugestehen, dass man sich einsam fühlt und dringend Kontakt mit Menschen braucht.

Auf der anderen Seite laufen wir auch schnell Gefahr uns in Beziehungen und Freundeskreise zu stürzen, die auf den zweiten Blick gar nicht zu uns passen. Wieso? Weil die gleiche Welt, die unsere Selbstverantwortung hoch hält, gleichzeitig das Ziel vermittelt, so viele Leute wie möglich zu kennen und sie Freund:innen nennen zu dürfen. Ein großes soziales Netzwerk ist Teil des gängigen Rezeptes für ein erfolgreiches Leben. Es ist also allein deshalb nicht einfach, einsam zu sein.

Dabei ist es für einige sogar noch schwerer als für andere: So manche Studie stellte fest, dass Frauen sich einsamer fühlen als Männer. Andere Studien, die Einsamkeit nicht explizit ansprachen, sondern zum Beispiel nach Traurigkeit und Stress fragten, fanden heraus, dass Männer öfter einsam seien. Hier spielen also vermutlich auch gesellschaftliche Erwartungen eine Rolle.

Zu Geschlechterrollen und gesellschaftlichen Konventionen kommen noch einige Faktoren dazu: Man studiert, zieht in eine neue Stadt, verliert Freund:innen aus der Heimat aus den Augen und verliert so intime soziale Bindungen. Das Gleiche passiert vielleicht ein paar Jahre später, wenn der nächste Umzug für den Job ansteht.

Soziale Medien sind keine Lösung

Die Journalistin und Co-Moderatorin des Podcasts „Allein zu sein“, Yara Hoffmann, erzählt uns, beim Austausch im Netz sei zu wenig Echtheit möglich, als dass Einsamkeit tatsächlich bekämpft werden könne. Stehen wir einer Person gegenüber, können wir ihre Gesichtszüge lesen und spüren, wie sie sich tatsächlich fühlt. In den sozialen Medien bekäme man dagegen oft den falschen Eindruck, bei anderen sei alles perfekt, es sei immer viel los. Über Instagram am Leben der Leute teilzunehmen ist also keine nachhaltige Lösung. Was dann?

Der Umgang mit Einsamkeit liegt laut Hoffmann sowohl in individueller als auch politischer Hand. Eine Therapie als Möglichkeit, hinter die eigene Fassade zu blicken ist für sie eine empfehlenswerte Sache. Aber Einsamkeit sei auch politisch geworden, nicht erst seit der Pandemie. Politik setze den grundlegenden Rahmen für den Umgang mit diesem Phänomen. Dabei gibt es positive Beispiele: In Großbritannien hat die Regierung angefangen, Verantwortung zu übernehmen. Dort ist es Ärzt:innen zum Beispiel möglich, gemeinschaftliche Aktivitäten zu verschreiben, wenn sie erkennen, dass ihre Patient:innen unter Leute müssen.

Im Studiogespräch unterhalten sich Julia, Moritz und Leonie über die vielen Faktoren, die Einsamkeit auslösen und bestimmen, wie wir mit ihr umgehen. Yara Hoffmann berichtet von dankbarem Feedback zu ihrem Podcast, der mit dem Sprechen über Einsamkeit wohl eine Marktlücke gefüllt hat.

Die ganze Folge zum Nachhören gibt’s hier:

"Gretchen - der Kulturpodcast von mephisto 97.6" erscheint alle zwei Wochen überall, wo es Podcasts gibt.

 

 

 

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Wenn ihr euch einsam fühlt oder ihr bemerkt, dass es einer Person in eurem Umfeld nicht gut geht, könnt ihr hier Hilfe erhalten:

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@mephisto976

"Allein zu sein"

Der Einsamkeits-Podcast von Diana Kinnert und Yara Hoffmann