Filmkritik: "Eine einsame Stadt"

Verloren im Meer der Großstadt

Ruhig und nachdenklich beleuchtet "Eine einsame Stadt" die Schattenseiten des Großstadtlebens aus der Perspektive all jener, die sich nicht an den schnellen Rhythmus anpassen können. Ob der Film einen Blick wert ist, lest ihr hier.
Verloren in der Großstadt
Allein unter Vielen

Es ist der Traum eines jeden jungen Menschen: Raus zu kommen, in eine große Stadt zu ziehen, dort allein zu Leben und sein Leben so selbstbestimmt und unabhängig genau so zu gestalten, wie man es sich schon immer erträumt hat; frei von jeglichen Normen und Autoritäten. 

Mit vielfältigen Freizeitangeboten, vielversprechenden Jobmöglichkeiten, einem florierenden Nachtleben und einer unbeschreiblichen Menge an individuellen Menschen aus komplett unterschiedlichen Kulturen und Ethnien lockt die Großstadt jedes Jahr unzählige Singles an, in ein buntes Meer der Reize und Möglichkeiten einzutauchen, sich von der Dynamik dieser Gezeiten mitreißen zu lassen und dabei den eigenen Traum zu verwirklichen. Doch was, wenn dieser Traum sich zum Albtraum verkehrt und man wie ein Tropfen Öl auf der Wasseroberfläche hängen bleibt, unfähig sich jemals damit zu vermischen und richtig in das Leben dort einzutauchen; was, wenn man all die Partys, Kulturangebote und Zusammenkünfte immer nur durch das Fenster beobachten kann, während man selbst draußen in der Kälte steht, ohne jede Chance jemals Anschluss zu finden und hineingelassen zu werden; was, wenn man allein unter vielen ist? Genau mit dieser Frage beschäftigt sich der neue Film von Regisseurin Nicola Graef: „Eine einsame Stadt“. 

 

Isoliert und Allein
Tessa_Bett   

Berlin en solitaire

90 Minuten lang schenkt die Dokumentation verschiedenen Menschen genau das, was ihnen im Großstadtdschungel am meisten fehlt: Eine Person, die ihnen zuhört, wenn sie am Abend nach Hause kommen und mit der sie ihre Erlebnisse und Emotionen teilen können. Hierbei nimmt sich die Regisseurin besonders viel Zeit, um den individuellen Geschichten Raum zur Entfaltung zu geben und den Zuschauer:innen so ein echtes Gefühl für die individuellen Lebensrealitäten der Portraitierten zu geben.  

Zeit für individuelle Geschichten und Persönlichkeiten

Dies gelingt besonders gut über den atmosphärischen Einstieg, mit dem zu Beginn jeder neue Charakter eingeführt wird: Begleitet von ruhiger Musik oder auch einmal einer persönlich vorgetragenen Gesangseinlage, bietet sich immer erst einmal die Gelegenheit, das Lebensumfeld in langsamen Kameraschwenks kennenzulernen. Wie ein Gast betritt man diese persönlichen Kosmen und bekommt erst einmal Gelegenheit sich umzusehen und sich selbst ein Bild von der Situation zu machen. Langsam übernehmen anschließend die Protagonist:innen das Erzählen und sprechen ein paar Einstiegsworte, die die Totalen untermalen und so ein noch besseres Gesamtbild vermitteln. Erst dann wird der Name eingeblendet und nähere Informationen folgen. So gelingt ein langsamer Einstieg in die persönlichen Welten, die nach und nach im eigenen Tempo mit Farbe gefüllt werden. 

 

Allein und dennoch nicht einsam
Thomas_im_Aufzug   

Die Vielschichtigkeit des Alleinseins

Die gelungensten Stimmungsträger sind allerdings die Totalen, die zu einfacher, aber dennoch eindringlicher melancholischer Musik völlig unkommentiert Szenen aus dem Berliner Nachtleben oder eine einsame Person beim Schwimmen in unberührter Natur zeigen und so ein Gefühl der Einsamkeit vermitteln, das bis in jede Zelle des Körpers vordringt. In jeder Minute lässt der Film sein Publikum spüren, wie sich die Leere des Alleinseins wirklich anfühlt. 

Spätestens dann wird klar, dass Einsamkeit vor keinem Halt macht, sondern dass sie vielmehr ein Phänomen ist, das alle Generationen betrifft, wenn auch in völlig unterschiedlichen Formen. Aber auch hier gelingt es der Regisseurin, genau diese unterschiedlichen Nuancen einzufangen und die verschiedenen Facetten und Auswirkungen des Alleinseins zu portraitieren. Von einer Studentin, die keinen Anschluss findet und in einer Spirale aus sozialem und psychischem Druck in der auslaugenden Großstadt zu ertrinken droht, über einen alten jüdischen Mann, der im sozialen Gemeindeleben aufgeht, sich aber privat als Einzelgänger sieht, eine alleinerziehende Mutter, deren Einsamkeit sich in Notlagen auch negativ auf ihren Sohn auswirkt, bis hin zu einer Yogalehrerin, die trotz einer Familie aufgrund ihres pflegebedürftigen Ehemannes immer weiter in die Isolation abdriftet, sind alle Gesellschaftsschichten vertreten. Minutiös wird hierbei herausgearbeitet, dass „allein“ nicht gleich „einsam“ bedeutet, genauso wie die Tatsache, dass beides viele Formen kennt: Das Spektrum erstreckt sich vom bloßen fehlen eines Lebenspartners über den Verlust von Freunden bis hin zu völliger Isolation. Dabei gelingt es dem Film auch herauszuarbeiten, dass Alleinsein durchaus ein erfüllender und selbstgewählter Lebensstil sein kann, auch, wenn es das Leben für andere zum Albtraum macht.

Schwächen entpuppen sich als Stärken

In der Stärke des Films, den individuellen Geschichten Raum zur Entfaltung und den Hauptpersonen freie Hand beim Erzähltempo und der Erzählstruktur zu geben, verbirgt sich jedoch auch eine seiner größten Schwächen: So fühlen sich manche Episoden wenig zielführend an und es dauert mitunter zu lange, bis ein echte Emphatie für einen Charakter entsteht und er sich entfaltet. In diesen Momenten wirkt die eindrücklich melancholische musikalische Untermalung fast erdrückend, niederschmetternd und ausweglos. Doch auch hier gelingt der Regisseurin ein geschickter Kunstgriff, indem sie die Handlungsstränge zu einem realistischen, aber dennoch optimistischen Abschlussgedanken zusammenführt, der das Publikum beinahe motiviert in die eigenen Leben zurückkehren lässt.

 

Fazit

Insgesamt ist der Film einen Kinobesuch wert, egal, ob man sich als echte:n Großstädter:in oder aber als verlorene Seele im Großstadtdschungel versteht. Denn die vielen ruhigen Momente geben Gelegenheit dazu, einmal inne zu halten und nicht nur über das eigene Leben, sondern auch die Leben all der Menschen, an denen man jeden Tag auf der Straße im Tunnelblick vorbei läuft, aus einem neuen Blickwinkel nachzudenken.

"Eine einsame Stadt" läuft am 1. November in den Passage Kinos.

 

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Eine einsame Stadt

Erscheinungsdatum: 14. Oktober 2021

Regie: Nicola Graef

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