Geschlechterrollen

Veraltete Rollenbilder in Kinderbüchern

Starke Jungs und schwache Mädchen - in den Kinderbuchklassikern stößt man häufig auf veraltete Rollenbilder. Das kann Kindern eine falsche Vorstellung von ihrer Rolle in der Gesellschaft geben. Wie gehen wir damit um? Die Klassiker nicht mehr lesen?
Kind bei Buchauswahl

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Sexismus in alten Büchern - Ein Beitrag von Merle Bach.
Sexismus in alten Büchern: Ein Beitrag von Merle Bach.

In einer Studie aus den 80er Jahren zu den Darstellungen von Geschlechterrollen in den damals beliebten Bilderbüchern fand die Hamburger Autorin Astrid Matthiae zusammen mit anderen Autor:innen und Wissenschaftler:innen heraus, dass Mädchen und Frauen dort meist unterrepräsentiert waren. Außerdem besetzten weibliche Figuren oft nur Nebenrollen oder wurden sogar als minderbegabt dargestellt. 

Auch in alten Kinderbuchklassikern ist das ein häufig vorkommendes Problem. Wenn weibliche Figuren überhaupt vorkommen, sind diese meist mit Kindererziehung oder Hand- und Hausarbeit beschäftigt, anstatt wie die Männer Abenteuer zu erleben. Beispielsweise Tom Sawyer und Huckleberry Finn, aber auch Märchen bedienen sich einer solchen Darstellung. 

Hinzukommt das überhöhte Ideal des starken Jungen, der keine Gefühle zeigen darf und alles, ohne Hilfe zu holen, alleine schaffen muss. Frau Ganguin, Professorin für Medienpädagogik an der Uni Leipzig, betont deswegen auch die Relevanz des Themas für Jungen.

Was es zum Beispiel ganz wenig gibt und wir schauen halt immer auf die weiblichen Protagonisten und sagen, da ist eine Diskrepanz was das angeht, in der Diversität. Aber man findet auch in Klassikern oder in Büchern den Jungen, der mit Puppen spielt. Da muss man auch drüber nachdenken, auch was Jungs angeht.

Sonja Ganguin, Professorin für Medienpädagogik an der Uni Leipzig

Erzählungen mit veralteten Rollenbildern sind besonders für Kinder problematisch, da diese ihre eigene geschlechtliche Identität erst noch entwickeln und sich mit den Figuren identifizieren. Ein unkritischer Umgang mit der Thematik kann so zu einer falschen Vorstellung von ihrer Position in der Welt führen.

Wie sollte man damit umgehen?

Ich habe in meiner Kindheit zusammen mit meiner Mutter viele Kinderbuchklassiker gelesen, trotz der veralteten Rollenbilder. Teilweise hat sie Stellen übersprungen und den Rest mit mir besprochen und erklärt. Genau so einen Umgang empfiehlt auch Professorin Ganguin:

Wenn man Kindern Bücher vorliest und man ist mit einer Sache nicht einverstanden, wie beispielsweise, dass es ein zu klischeehaftes stereotypisches Rollenbild in den Büchern gibt, dann würde ich das an den Stellen eben auch ansprechen und auch Fragen: “Wie siehst du das?” Oder auch sagen: “Ich sehe das nicht so, ich bin damit nicht einverstanden, wie hier der Junge oder das Mädchen dargestellt wird.”

Das bloße Lesen von Klassikern ist demnach kein Fehler. Entscheidend ist es nur, problematische Darstellungen nicht unkommentiert stehen zu lassen. Stattdessen sollte die Thematik zusammen mit den Kindern kritisch hinterfragt werden. Professorin Ganguin empfiehlt jedoch ausdrücklich, zusätzlich  ein breites, progressives Leseangebot zur Verfügung zu stellen, damit Kinder sich an positiven Beispielen orientieren können. 

Neuere Literatur nicht automatisch progressiv

Doch auch in neueren Kinderbüchern gibt es Rollenstereotype. Christine Rietzke von der Frauenkultur, einem soziokulturellen Zentrum in Leipzig, fehlt es beispielsweise auch in heutiger Kinderbuchliteratur häufig an Diversität.

Es gibt wenige Kinderbücher, die sehr divers unterwegs sind, also die tatsächlich verschiedene Formen von Rollenverhalten thematisieren oder alle Formen von Diversität überhaupt erst mal aufzeigen.

Christine Rietzke, Frauenkultur

Trotzdem ist es möglich, für Kinder ein progressives Leseangebot zusammenzustellen. Laut Christine Rietzke gibt es explizit feministische Kinderbücher, die man allerdings selbst aktiv heraussuchen muss. Eine Hilfe, um emanzipierte Literatur zu finden, können beispielsweise Leseempfehlungen, wie der Lesekompass der Stiftung Lesen bieten. Hier kann nachgeguckt werden, welche Werke Expert:innen als pädagogisch wertvoll einschätzen. Aber auch in der klassischen Literatur kann man fündig werden. Hier gibt es auch fortschrittliche Werke, wie beispielsweise Momo, mit einer starken weiblichen Protagonistin. 

Veraltete Rollenbilder als Chance? 

Am wichtigsten bleibt der bewusste Umgang mit veralteten Rollenbildern in Kinderbüchern. Wenn zusätzlich für ein breites, progressives Leseangebot gesorgt wird, können die problematische Rollenbilder sogar eine Chance sein. Sie bieten die Möglichkeit, mit Kindern in ein Gespräch zu kommen und Rollenklischees sowohl zu reflektieren als auch aufzubrechen.

 
 

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