Serienkritik: "Star Wars: Visions"

Unerwartete Freiheiten für Star Wars

Mit "Star Wars: Visions" startet auf Disney+ eine neue Miniserie aus einer weit entfernten Galaxis. Ob diese sehenswert ist und wie sie sich in das Star Wars Universum eingliedert, erfahrt ihr in dieser Serienkritik.
Star Wars Visions Force Clash

Nach der Eingliederung von Star Wars in das Disney-Portfolio gab es viele Änderungen und Einschnitte an der Marke und im Star Wars Universum. Neben den typischen Vermarktungsstrategien von Disney mit einem breit aufgestellten Angebot an Merch- und Lizenzprodukten und der fokussierten Vermarktung an Familien und Kinder wurde mit der neuen Trilogie auch der Star Wars Kanon, die offizielle Chronologie aller Star Wars Geschichten, umgeschrieben. Viele Erzählungen und Mythen der Star Wars Welt aus Büchern, Videospielen und Zusatzmaterialien wurden in die sogenannten „Legends“ abgeschoben, eine Bezeichnung für alle nicht kanonischen Inhalte der Star Wars Geschichte. Daher überraschte es umso mehr, dass mit dem Projekt “Star Wars: Visions” sieben Anime-Studios die Möglichkeit gegeben wurde, eigene Kurzgeschichten außerhalb des offiziellen Star Wars Universums von Disney zu erzählen. 

Die Vision

Im Stil der Netflix-Erfolgsserie „Love, Death & Robots“ handelt es sich hierbei um eine Anthologieserie. Als Exklusivinhalt des Streamingdienstes Disney+ hat die erste Staffel von “Star Wars: Visions” neun Folgen mit einer durchschnittlichen Länge von etwa 17 Minuten. Die Folgen zeichnen sich dabei jedoch nicht nur durch ihre eigens kreierten Erzählungen im Star Wars Universum aus. Besonders auffällig sind auch die unterschiedlichen Animationsstile, in denen die Folgen umgesetzt wurden. Keine Folge gleicht der anderen – weder inhaltlich noch stilistisch. Alles, was diese Folgen verbindet, ist ein Grundverständnis für klassische Star Wars Motive wie Jedi und Sith, gut und böse, aber auch ikonische Elemente wie das Lichtschwert, Droiden oder das “Outer-Rim” als Sammelbecken von Kriminellen, Kopfgeldjägern und kleinen Zivilisationen.

 

Star Wars Visions Ronin   

Geschichten aus einer weit entfernten Galaxis

Inhaltlich sind die neun Folgen mit ihren unterschiedlichen Prämissen und Geschichten so vielfältig, wie noch in keiner Star Wars Serie 

Sie reichen von traditionell angehauchten Samuraigeschichten und klassischen Shonen-Anime über eher einfache und kindlich animierte Geschichten von Freundschaft, Zusammenhalt und die Suche nach der eigenen Bestimmung im Universum hin zu klassischen Star Wars Geschichten von machtsensitiven Zwillingen, dem Kampf der hellen gegen die dunkle Seite und wie die Bestrebungen von Jedi und Sith die Galaxis beeinflussen. Dabei merkt man, dass manche Folgen mehr Wert auf eine kleine, in sich geschlossenen Geschichte legen, während andere völlig neue geschichtliche Ereignisse in der Star Wars Welt aufmachen, und so einen Teil einer neuen Welt mit anderen Grundprämissen eröffnen.

Zu den Studios, die an diesem Projekt beteiligt sind, gehören unter anderem „Production IG“, die Macher der Erfolgsserien „Attack on Titan“, „Vinland Saga“ und „Kuroko no Basket“, Studio „Kamikaze Douga“, welches bekannt für die Animation der ersten drei „JoJo’s Bizarre Adventure“-Teile oder des „Ninja Batman“ -Films von 2018 ist und viele andere, deren Handschrift Fans ihrer Werke den Star Wars Adaptionen wiederfinden könnten. Dabei wurde den Studios „Science SARU“ und „Trigger“ die Ehre zu teil, sogar zwei Folgen für Star Wars Visions umzusetzen.

An Animationsstilen ist auch alles vertreten. Von klassisch japanisch inspirierten Animationen im Stile Akira Kurosawas und retro wirkenden Sci-Fi Ästhetiken der 1990er Jahre, vergleichbar mit z.B. "Cowboy Bebop", über eher kindlich erscheinende oder stilistisch einfach gehaltene Animationen, bis hin zu sehr farbenfrohen und schon fast überladen wirkenden Animationen, ist wirklich alles vertreten und für jeden Geschmack etwas dabei.

 

Star Wars Visions The Elder   

Best Of Both Worlds

"Star Wars: Visions" mag auf dem Papier wie ein Kulturclash wirken, der mögliche Star Wars Fans ohne Bezug zu Animes abschrecken könnte. Und natürlich ist es ungewohnt, das altbekannte Star Wars Universum auf einmal in dieser Vielfalt an Animationsstilen zu sehen und Geschichten von Charakteren erzählt zu bekommen, von denen man noch nie etwas gehört hat. Wer aber nur ein bisschen tiefer im Thema Star Wars drinnen steckt, weiß, dass die Welt im Star Wars Kanon und besonders in den “Legends” so viel größer und facettenreicher ist, als es der Ausschnitt zwischen „Star Wars: Episode 1 – Die dunkle Bedrohung“ und „Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers“ erahnen lässt. Mit Serien wie „Clone Wars“, „Rebels“, „The Mandalorian“ oder „The Bad Batch“ wird diese Welt bereits seit langem erweitert, jedoch noch nie auf eine so freie und fantasievolle Art und Weise wie in “Visions”. Und wer den Mix aus japanischem Anime und Star Wars unpassend findet, sollte sich daran erinnern, dass für George Lucas selbst Filme von u.a. Akira Kurosawa, maßgeblich „The Hidden Fortress“ (1958) und Ästhetiken und Themen des japanischen Films, Inspiration in der Schaffung von Star Wars waren.

Fazit

Star Wars: Visions war das Crossover, von dem ich nicht wusste, dass ich es brauche. Als Fan von Animes und von Star Wars war ich hellauf begeistert, als erste Verlautbarungen und später Trailer zu einer Star Wars Anthologie von japanischen Anime-Studios bekanntgegeben und veröffentlicht wurden. Nicht jede Folge konnte mich gleichermaßen mitreißen, aber besonders „The Duell“, „The Ninth Jedi“, „The Elder“ und „Lop and Ocho“ führen für mich die Elemente, welche ich an beiden Welten so liebe, auf besondere Weise zusammen. Immer wieder zeigt sich, dass Star Wars eben auch Wurzeln im japanischen Film hat, weswegen Themen und Ästhetiken des Samuraikampfes und eine Kriegerkultur rund um ein Schwert, sei es das Katana (Samuraischwert) oder Lichtschwert, so perfekt in Animethemen und -ästhetiken überführbar sind. Und auch wenn einen nicht jeder Stil oder jede Geschichte gleichermaßen ansprechen dürfte, so sollte doch für jeden etwas dabei sein und es gibt einen wunderbaren Überblick darüber, was im Animationsbereich alles möglich ist. Gleichermaßen zeigt es auch, was Star Wars sein könnte, wenn man es außerhalb der klassischen Strukturen denkt, den Visionen von Künstlern vertraut und sie Geschichten in diesem riesigen Universum erzählen lässt.

Für jeden, der Star Wars, Anime oder generell animierten Content mag ist “Star Wars: Visions” eine unbedingte Sehempfehlung wert: Eine der besten Sachen, die im Bereich Star Wars seit langem gemacht wurde. Nicht zuletzt, um ein Zeichen zu setzten, dass Star Wars mehr sein darf als die Hauptreihe und man den Visionen von Studios auch in Zukunft einfach mal vertrauen sollte und kann, wünsche ich “Star Wars: Visions” viel Erfolg.

 

"Star Wars: Visions" ist im Abo von Disney+ enthalten.

 

 

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Nils Wilken
06.10.2021 - 16:31
  Kultur

Star Wars: Visions

Disney+ Exklusivinhalt

Animationsstudios: Kamikaze Douga, Studio Colorido, Trigger, Kinema Citrus, Production IG, Science SARU, Geno Studio

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