Frisch Gepresst: Disarstar

Systemkritik in die Fresse

Der Hamburger Rapper Disarstar hat es wieder getan: auf seinem neuen Album „Deutscher Oktober“ geht es gegen das System, gegen andere Rapper und Richtung ganz große Emotionen.
Disarstar
Hamburger Rapper Disarstar

„Dein Balenciaga Pulli … ist mir egal du Dulli!“

Mit dieser Ansage begrüßt uns Disarstar auf dem ersten Track „Intro (Balenciaga)“ und klärt damit definitiv erst mal die Fronten.
Doch jetzt mal ganz von vorne. Mit elf Jahren begann der Hamburger Junge Gerrit Falius aka Disarstar schon damit, Texte zu schreiben. Sein weiterer Werdegang klingt ein bisschen wie ein Copy-Paste des klassischen Rappers von der Straße. Drogen, Alkohol, Kriminalität. Und natürlich könnte er jetzt auch darüber rappen, wie es ist, Koks zu ticken und damit ganz viel Para zu machen, um sich dann für einen Videodreh einen Lambo zu leasen.
Doch Disarstar hat sich gegen diesen Stil entschieden und genau das macht auch das neue Album so gut.
Denn wie man eben auf dem ersten Track schon hört, wird hier nicht einfach nur gegen Rapper geschossen, um irgendwie Beef zu produzieren oder um zu zeigen, dass man selber besser ist. Stattdessen wird vor allem die unpolitische und Sei-deines-Glückes-Schmied Haltung kritisiert.

„Sprichst aber nicht über die Begebenheiten und Umständen, in denen die Leute leben
Sondern redest nur Scheiße und Müll in deiner Musik
Und machst als einer von hunderttausend, der neben 'n bisschen Fleiß auch noch Glück hatte
Dein Glück zum Maßstab und erzählst irgendwelchen kleinen Kids da draußen
Dass sie nichts wert sind, wenn sie nicht so leben wie du“

Disarstar auf  "Intro (Balenciaga)"

Klassen- statt Straßenkampf

Disarstar positioniert sich auf „Deutscher Oktober“ ganz klar links und schafft es politisch zu sein, ohne aber mit dem erhobenen Zeigefinger zu kommen. Besonders seine klaren, wütenden Aussagen sorgen dafür, dass er eben nicht in diese Studenten-Rap Schublade gesteckt werden kann, in der man sich einfach nur sarkastisch über Missstände lustig macht. 

„Leude wollen seh'n, wie beschissen wir leben
Gentrifizierer bauen Zäune, sie wollen keinen Kontakt
Sie steh'n voyeuristisch daneben
Und machen dann einen auf schockiert
Wenn es mal scheppert und einer kassiert
Wenn, wenn Mal 'ne Scheibe kaputtgeht“

Disarstar auf „Verloren“

Gerade durch diese unzensierten Formulierungen, die Disarstar hier benutzt, wirkt seine Musik sehr authentisch.Doch er hat nicht nur ganz viel Wut gegen die Gesellschaft, sondern zeigt in seiner Musik auch Schwäche, wie zum Beispiel mit dem Song „Trauma“. Auch Nura erzählt auf der Single viel von sich und ihrer Vergangenheit.

„Das Mädel ist schwer erziehbar, sie ist verlor'n
Neben Junkies und Dealern, ohne goldenen Löffel gebor'n
Früher war es mir peinlich, doch dann kam die Einsicht
Jetzt verdiene ich reichlich
Und sage stolz: Ich bin ein Heimkind.“

Nura auf “Trauma”

Disarstar bewegt sich also auch auf seinem neuen Album „Deutscher Oktober“ thematisch zwischen Klassenkampf und Kitsch, allerdings ganz ohne abgedroschene Metaphern.

Ein urbanes Erlebnis vom Land

In einem Interview mit dem ehemaligen Royal Bunker Chef Markus Staiger erzählt Disarstar, dass er das Album ganz auf dem Land, beziehungsweise außerhalb der Großstadt, aufgenommen hat. Das überrascht vor allem, weil das Album noch urbaner und moderner klingt als seine vorherige Musik. Auch die Beats klingen einfach zeitgemäßer und fresher. So steigt er mit dem Song „Intro“ mit einem harten Straßensound-Beat ein. Und auch sonst bewegen sich die Beats zwischen Gangster- und Sommeratmosphäre.
Der einzige Song der hier aus dem Raster fällt ist der letzte Song, „La Fin“, der mit einer ganz ruhigen, fast schon melancholischen Hook von ESO.ES und einem sanften Gitarrensample daher kommt.

Für Aktivist:innen mit Herz

„Deutscher Oktober“ ist definitiv ein Album mit Aussage. Für Leute, die mit Politik in der Musik ein Problem haben, ist dieses Album definitiv nichts. Stattdessen eignet sich das Album ganz gut als Soundtrack für die nächste Revolution, in der man aber auch mal Schwäche zeigen darf. Da Disarstar nie wirklich lange still bleiben kann und jedes Jahr ein Album releaset, schauen wir jetzt schon gespannt auf 2022.

 

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Disarstar: Deutscher Oktober

Tracklist:
  1.  Intro (Balenciaga) *
  2.  Sick (feat. DAZZIT)
  3.  Australien
  4.  24/7 (feat. ESO.ES) *
  5.  Trauma (feat. Nura) *
  6.  Großstadtfieber (feat. DAZZIT) *
  7. Verloren (feat. Nura)
  8.  Nachbarstadt
  9.  Touchdown
  10.  Tyler (feat. Boz)
  11.  Tsunami
  12.  La Fin (feat. ESO.ES) *

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 12.03.2021
Warner Music