Frisch Gepresst: Magdalena Bay

Straight from the simulation

“Mercurial World” ist eine musikalische Zeitreise durch die letzten vier Jahrzehnte – allerdings in einer bunt-traurigen Paralleldimension.
Auf dem Bild sind Bandmitglieder Mica Tenenbaum und Matthew Lewin zu sehen
Mehr als bloße Internet-Ästhetik: Mica Tenenbaum und Matthew Lewin machen als Magdalena Bay bunten und unwiderstehlichen Pop

Auf den ersten Blick scheint die Band Magdalena Bay schnell erklärt: Sängerin Mica Tenenbaum und Produzent Matthew Lewin machen gimmickhafte Y2K-Musik. Dafür sprechen die Musikvideos vor dem Greenscreen, der bunte Tiktok-Auftritt und nicht zuletzt der durch und durch cybergespacte Internetauftritt der beiden. Ein bisschen effekthascherisch, ein bisschen random. Auf den zweiten Blick sind Magdalena Bay ein bisschen mehr. Mehr Detailverliebtheit, mehr popkulturelle Referenzen, mehr großartige Songs.

Von Prog-Rock und Prog-Pop

Dass Magdalena Bay mehr sind als nur bloße Internetästhetik, liegt nicht zuletzt am Gründungsmythos des Duos. Beide machten zunächst Musik in der Progrock-Band Tabula Rasa. Und die Tabula Rasa folgte: Durch Grimes‘ Art Angels kam den beiden die Erkenntnis, dass komplexe Arrangements und experimentelles Musizieren auch poppiger gehen. In der Folge veröffentlichen die beiden 5 EPs als Magdalena Bay, mit teils wilden Einflüssen aus Synthpop, Vaporwave und Funk. Insbesondere die „mini mix“-Serie ist bemerkenswert: Die Songs sind heruntergebrochen auf ihre absoluten Basiselemente, in kaum zwei Minuten verpackten Magdalena Bay Ohrwurmrefrains, außerweltliche Instrumentalpassagen und detailverliebte Effektspielereien.
Das Debütalbum nimmt sich genau diese großartigen Qualitäten der EPs und schafft es zugleich, diese verlustfrei auf eine längere Spieldauer zu transferieren. Nach wie vor klingen die Tracks dynamisch und verspielt, geben aber dafür den einzelnen Songparts mehr Luft zum Atmen und formulieren diese noch deutlicher aus. Hätte nach den EPs die berechtigte Befürchtung bestehen können, dass den Albumtracks jeweils in der zweiten Hälfte die Luft ausgehen könnte, machte das Duo diese bereits mit den Singles zunichte. „Secrets (Your Fire)“ ist vier statt zwei Minuten und ergänzt die schon meisterhaften Songstrukturen mit gelayerten Outros und catchigen, teils vertrackten Bridges.

Dabei muss man aber auch nicht groß um den heißen Brei herumreden: Die Einflüsse des Duos sind vielfältig, aber auch klar erkennbar. Der Titeltrack „Mercurial World“ ist eine eindeutige, aber keineswegs einfallslose Referenz an Madonnas „Material Girl“-Ära aus den 80ern, die Synths in „Secrets (Your Fire)“ erinnern an Songs der Pet Shop Boys aus den 90ern. Zusammen mit R&B-Anleihen aus denn 00er-Jahren („Prophecy“) und 2010er-Grimes-Klängen („You Lose!“) filtern Magdalena Bay das alles einmal durch den eigenen Filter, bis die Songs trotz aller Einflüsse eigenständig genug klingen, um zu faszinieren. Magdalena Bay machen Songs, bei denen man sich dreimal pro Song denkt: „Das habe ich schon mal gehört!“ – in dieser Form und Gesamtheit hat man es dann aber doch noch nie hören und erleben dürfen.

Die Depression bunt angemalt

Dennoch hat das Album Stolperfallen. Denn so bunt, poppig und fröhlich die Platte auch klingen mag, sie ist es nur bedingt. „Dawning of the Season“ ist ein solches Beispiel: Zwar midtempo, aber tanzbar bis zum geht nicht mehr – zumindest bis man merkt, dass Sängerin Mica Tenenbaum die Rückkehr einer depressiven Episode besingt.

They say I'm dancing with my demons
This is the dawning of the season
Melancholy girls and nonbelievers
This is the dawning of the season

Magdalena Bay in “Dawning of the Season”

So außerweltlich und gewissermaßen virtuell und unwirklich Magdalena Bay oft wirken, desto menschlicher und hyperrealistischer sind die Texte. Das pulsierende und mystische „Chaeri“ wirkt durch und durch wie der düstere Verwandte der Menümusik aus „Wii Sports“, Tenenbaum besingt dabei „Chaeri“, synonym mit der in „Dawning of the Season“ angedeuteten Depression. So entfernt ihre Stimme im Song auch wirkt; das Beschriebene ist bedrohlich nah.

Kein bloßes Gimmick

Die Songs der Platte zeitgenössisch einzuordnen, fühlt sich dabei fast schon falsch an, zu viele Einflüsse zieht das Duo für das Album heran. Einzig „Domino“ erinnert an Kero Kero Bonito, ansonsten könnte man etliche Bands und Künstler*innen aufzählen: Kylie Minogue, Carly Rae Jepsen, sogar Mariah Carey, King Crimson und Yes. Alle sind irgendwo auf diesem Album, verborgen unter einer virtuellen Decke. Und na klar, sind Magdalena Bay unmissverständlich mit der Internetästhetik verbunden, die sie selbst auf Social Media zelebrieren. Glücklicherweise versucht das Duo aber zu keinem Zeitpunkt, das Internet (wie schon viele vor ihnen) gimmickhaft zu vertonen und daran zu scheitern. Und eigentlich ist das auch alles egal. „Mercurial World“ ist catchige Popmusik. Und das erkennt man sowohl auf den ersten, zweiten und letzten Blick.

 

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Magdalena Bay: Mercurial World

Tracklist:

1. The End

2. Mercurial World

3. Dawning of the Season*

4. Secrets (Your Fire)*

5. You Lose!*

6. Something for 2

7. Chaeri*

8. Halfway*

9. Hysterical Us

10. Prophecy

11. Follow the Leader

12. Domino*

13. Dreamcatching

14. The Beginning*

*Anspieltipps der Redaktion

Erscheinungsdatum: 08.10.2021
Luminelle Recordings

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