Frisch Gepresst: The Weather Station

So schön klingt die Klimakrise

Mit ihrem fünften Studioalbum „Ignorance“ wendet sich The Weather Station vom Folk ab und vertont auf einem eindrucksvollen Pop-Album ihre Gefühle zur Klimakrise.
The Weather Station mit ihrem neuen Album "Ignorance".
Auf ihrem neuen Album "Ignorance" verarbeitet The Weather Station musikalisch ihre Gefühle zur Klimakrise.

Es ist ein lauwarmer Spätsommerabend, man sitzt im Wohnzimmer und diskutiert bei einem Glas Wein über den Klimawandel. So oder so ähnlich könnten die Szenen aussehen, die einem beim Hören von „Ignorance“, dem neuen Album von The Weather Station, in den Kopf schießen. Lauwarme Sommerabende mögen zwar noch in weiter Ferne sein, aber der Klimawandel ist schon längst da. Und mit ihm einher gehen die Sorgen über das was kommt und die Trauer darüber, dass wir es überhaupt soweit haben kommen lassen. Dieses Gefühl, den sogenannten „Climate Grief“ (frei übersetzt: Klimakummer), spürt auch die kanadische Musikerin Tamara Lindeman alias The Weather Station. Daraus entstanden ist ihr fünftes Album „Ignorance“. 

Während The Weather Station bisher vor allem in der Kategorie Folk zu Hause war, kann ihre neue Platte eher als Neuausrichtung zum Pop verbucht werden. Dass „Ignorance“ so anders klingt, mag auch daran liegen, dass Lindeman eine neue Perspektive auf ihren Schreibprozess gefunden hat, indem sie die Songs erstmals auf Klavier statt auf der Gitarre geschrieben hat. 

Pop mit einer Prise Jazz 

Hi-Hats, Percussions, ein zartes Saxophon, punktuell einsetzende Streicher und einzelne Pianoanschläge schaukeln sich langsam aber sicher immer weiter nach oben. Der jazzige Opener „Robber“ ist ein beeindruckendes Bauwerk aus diesen vielen Elementen, die im Laufe von „Ignorance“ immer wieder auftauchen werden. Vor allem sind es aber Percussions, die auf diesem sehr rhythmischen Album in den Vordergrund treten. Daneben begeistert Tamara Lindemans sanfte, aber eindrucksvolle Stimme. So zum Beispiel im Titel „Wear“, in dem sie, insbesondere im Outro, die emotionalen Lyrics kraftvoll über ihre Stimme transportiert. Auch das klimpernde Klavier des Openers wird in „Wear“ wiedergebracht.

I tried to wear each word that you had ever said to me
Even as careless as it turns out you have been with me 

"Wear"

Mal eher langsam und dramatisch („Trust“, „Subdivisions“), mal Upbeat bis beinahe rockig („Atlantic“, „Tried To Tell You“): „Ignorance“ ist eine Fusion aus Jazz-Schnipseln und elektronischen Elementen, begleitet von klassischen Instrumenten zu einem runden Pop-Album.

Oh du schöne Unwissenheit

 „It just kills me and I don’t know why“ singt Lindeman in „Parking Lot“, einem, wie sie es nennt, „Liebeslied für einen Vogel“. Manchmal sind ihre Formulierungen banal, manchmal poetisch und zwischendurch auch beides zugleich. Damit erzeugt sie eindrückliche Bilder:

I’ll feel as useless as a tree in a city park, standing as a symbol of what we have blown apart. 

"Tried to tell you"

In der Konfrontation mit der meist unschönen Wahrheit gibt es häufig einen Moment, an dem man sich in die frühere Unbekümmertheit zurücksehnt. Ob es nicht einfacher gewesen wäre, die Nachrichten zu ignorieren, das hat sich auch Lindeman gefragt („Atlantic“). Denn mit ihrem jetzigen Wissen, nachdem sie sich umfangreich über den Klimawandel informiert hat, lösen selbst unbekümmerte Vögel („Parking Lot“) und schöne Sonnenuntergänge („Atlantic“) ein Gefühl von Trauer und Ohnmacht bei ihr aus.

Fazit

The Weather Station schafft es auf „Ignorance“ die eigenen Emotionen zur Klimakrise eindrücklich zu vermitteln, ohne dabei in Klischeehaftigkeit abzudriften oder einfach alles Schwarz zu malen. „Ignorance“ ist ein Album, dem man gerne zuhört. Und auch wenn Lindeman für viele ihrer Fragen (noch) keine Antworten gefunden hat, können sich wenigstens Zuhörende schnell in ihren Texten wiederfinden.

 

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The Weather Station : Ignorance

Tracklist:
  1. Robber*
  2. Atlantic* 
  3. Tried To Tell You 
  4. Parking Lot*
  5. Loss 
  6. Separated 
  7. Wear*
  8. Trust
  9. Heart 
  10. Subdivisions

*Anspieltipps der Redaktion 

Erscheinungsdatum: 05.02.2021
Fat Possum Records