Rezension zu "Queens of Comedy"

Sketche von Frauen für...wen eigentlich?

Das ZDF bringt einige der bekanntesten deutschen Schauspielerinnen für ihre neue Sketchshow zusammen und will mit einem "female first" Konzept für mehr Sichbarkeit von Frauen in der Comedy sorgen. Aber geht das auf und ist es überhaupt lustig?
Frauen in rosa Kleidung stoßen mit Sekt an
Thumbnail Queens of Comedy

Unlängst wollte ich mal nachsehen, ob ich in den Mediatheken der gebührenfinanzierten Sender nicht doch ein frisches Angebot für junge Menschen finden könnte. In der ZDF-Mediathek blieb ich nach ein wenig Scrollen auf der Startseite am Titel Queens of Comedy hängen. "Die 'Queens of Comedy' schlüpfen in die Rollen unterschiedlichster Frauentypen in allen Lebenssituationen.", war in der Beschreibung zu lesen. Da ich wenige weibliche Vertreterinnen der deutschen Comedy-Szene kenne, war ich ehrlich interessiert - schon nach einem Bruchteil der sechs Folgen à 30 Minuten entwickelte sich das Sketch-Format aber zum absoluten hate-watch, das ich mehr aus masochistischen Gründen beendete.

In jeder Folge wechseln sich einmalige Sketche und wiederkehrende Sketch-Formate mit festen Figuren ab (z.B. "Frau Göttin & ihre Assistentin"; "Das Tiermedium"; eine Forscherin, die die erste Zeitmaschine ausprobiert; etc.). In den Hauptrollen sieht man bekannte Schauspielerinnen wie Annette Frier, Cordula Stratmann oder Diana Amft neben eher unbekannten Gesichtern wie Dela Dabulamanzi. Dazu kommen noch YouTube-Stars wie Phil Laude und Joyce Ilg, diese stechen zumindest nicht unangenehm heraus.

Neben dem Fokus auf Frauen achten die Autor:innen offensichtlich darauf, ein ethnisch diverses Bild zu zeigen. Dazu wurden jedoch nur eine handvoll Darsteller:innen mit Migrationshintergrund verpflichtet, stattdessen setzte man hier eher auf die Statist:innen. Dadurch ergeben sich äußerst merkwürdige Bilder; wenn zum Beispiel eine Schlagersängerin während eines Nervenzusammenbruchs die Unveränderlichkeit und den starren Konservatismus der Volksmusikszene beklagt, sieht man im Hintergrund in der ersten Reihe des Publikums hauptsächlich PoC in den Zwanzigern.

Nur Frauen, außer...

„Bei dem ganzen Projekt gilt ja das Prinzip 'female first', das heißt, alle Positionen vor und auch hinter den Kulissen wurden ganz bewusst nur mit Frauen besetzt – bis auf die Kamera.“, leitet Caroline Frier die erste Folge ein. Den anschließenden Gag über sexistische Kameraführung mal beiseite gelegt, kann man sich schon fragen, ob es in ganz Deutschland tatsächlich keine qualifizierte Kamerafrau gibt, die (während einer Krise der Unterhaltungsbranche zudem) an dem Projekt hätte mitwirken wollen? Wie dem Abspann zu entnehmen ist, wurde auch das Szenenbild ausschließlich, sowie Ton und Schnitt zumindest zur Hälfte mit Männern besetzt. So wenig Bekenntnis zu den selbst gesetzten Zielen ist schon fast wieder beeindruckend. Wenn man absolute Schlüsselpositionen wie Kamera und Schnitt bei diesem Format mit Männern besetzt, lässt man Geschichten von Frauen für Frauen durch ein männliches Auge erzählen. Glücklicherweise konnte man für Regie und Drehbuch doch noch Frauen auftreiben. Mit welchen Intentionen und welcher Zielgruppe im Kopf Regisseurin Suki Maria Roessel und Head Autorin Tanja Sawitzki allerdings diese Serie konzipierten, ist mir schleierhaft.

Die bessere Hälfte

Raffinierten Humor, detaillierte Beobachtungen, clevere Twists sucht man hier vergeblich. Die Gags sind maximal stumpf und kommen stets mit dem Holzhammer daher. Die Welt kann so einfach sein: Männer sind Schweine, die Frauen alle Gemeinheiten antun, die sie nur können. Und Frauen bilden das unterdrückte Geschlecht, das zwar von Natur aus die besseren Menschen darstellt, nur leider sieht das niemand. Kostprobe gefällig? Frau Göttin beschwert sich, dass man die Menschen nicht mal aus den Augen lassen kann, ohne, dass die den dritten Weltkrieg anzetteln. Ihre Assistentin: „Sie setzen da unten einfach mal Frauen in alle Führungspositionen. […] Das ist nicht ganz so lustig, aber ich sag Ihnen eins, da haben Sie dann Ruhe im Karton da unten!“ Nachschlag gefällig? In der "Superhelden-Registrationsstelle" will sich die Vollzeit arbeitende, alleinerziehende Mutter als neue Superheldin anmelden. Antwort: „Sie sind überqualifiziert. Neben Ihnen würden ja alle anderen aussehen wie totale Versager! Das wär‘ total peinlich für Batman oder Spiderman.“ Immer noch nicht genug? Mein Lieblingszitat:

Zwei Frauen dürfen auf keinen Fall zusammen eine Tochter großziehen. Stell dir doch mal die geballte Brainpower vor, die du da hättest! Nee, da braucht es ein männliches Gehirn, um das so bisschen runterzuregeln.

Wer hat einen solchen Humor? Wer empfindet das als relatable? Ich denke an frustrierte Hausfrauen, die ihr Leben für Familie und Haushalt gegeben, aber nie Dank bekommen haben. Aber diese Zielgruppe versteht wohl kaum die betont aktuellen Anspielungen mit Witzen über Billie Eilish und NFTs. Und eigentlich möchte ich überhaupt keiner Zielgruppe unterstellen, ein derart unreflektiertes, simplizistisches und unentwickeltes Weltbild zu haben. In ihren Schwarz-Weiß-Zeichnungen und Karikaturen - die reale Probleme wie sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz eher ins Lächerliche ziehen, als sie aufzudecken - erinnert die Show an den Oscargewinner Shape of Water. Die eigentliche Rolle des Laborleiters in diesem Film ist es, die geheimnisvolle Kreatur herzlos zu bedrohen. Aber natürlich ist er nebenbei auch noch Sexist und wäscht sich nach dem Toilettengang nicht die Hände, damit das Publikum auch verstehen kann, dass er kein guter Mensch ist. So muss ein Sexist in Queens of Comedy auch noch wahnsinnig eitel sein, da es ja nicht ausreicht, dass er seine Kollegin nicht als beruflich ebenbürtig akzeptiert. Man denke auch an 9 to 5, einer locker-lustige Komödie, in der drei unterdrückte und belästigte Frauen als Rache mal eben ihren Chef entführen und tagelang misshandeln. Meiner Meinung nach kann ein:e Drehbuchautor:in nur Feind:in der feministischen Bewegung sein, wenn unter dem Deckmantel der Komik suggeriert wird, Frauen seien vom Männerhass zerfressen und würden nur auf die feindliche Machtübernahme warten.

Dabei hätte man spätestens aus der MeToo-Bewegung lernen müssen, dass Sexismus, Diskriminierung und (sexuelle) Belästigung ein schleichendes Gift sind, dass Täter durchaus charmant und vor allem hochgradig manipulativ auftreten. Unter diesen Bedingungen schreibt sich eine Sketch-Comedy-Show sicherlich nicht leicht, aber das vorliegende Drehbuch ist feige, dumm und schädlich für alle tatsächlich Betroffenen.

Pastellblaue Langeweile

Genug Geld, um ein bisschen mehr Arbeit und Talent ins Drehbuch zu stecken, wäre übrigens scheinbar da gewesen. Set-Design und Kulissen sehen sehr hochwertig aus, immer wieder fallen die neuesten trendy Rattan-Möbel ins Auge. Ein kreativer Vorspann wurde auch extra entwickelt. Wenn man allerdings annimmt, dass das Budget nicht das Problem war, wirken viele Dinge noch absurder, da sie als bewusste Design-Entscheidungen interpretiert werden müssen. Die meisten Szenen, die in Privatwohnungen spielen, wirken, als ob sie in der gleichen Wohnung gedreht wurden, deren kahle Wände mit Neonlicht nachtclubartig angestrahlt werden.

Alle Charaktere tragen in allen Szenen vollständig monochrome Outfits. Während ich noch überlegte, ob man die Figuren so als besonders stilsicher präsentieren wollte, zeigte Caroline Friers Charakter in der nächsten Szene plötzlich ihren gesamten Kleiderschrank - ausschließlich eine Farbe, pastellblau. Wenn jemand einen geheimen Farbcode in dieser Serie entschlüsselt hat oder den metaphorischen Zusammenhang zwischen den Farben und den Charakteren versteht, so möge er:sie sich bitte bei mir melden. Andernfalls ist die Garderobe einfach nur irritierend und lässt die Figuren umso mehr als abwegige Karikaturen ohne reale Grundlage erscheinen.

Ausschnitt aus der ZDF-Show Queens of Comedy
Phil Laude und Maria Clara Groppler als Influencerpärchen

Dabei hätte hier ein wirklich interessanter Moment entstehen können! Phil Laude und Maria Clara Groppler spielen Josef und Maria als moderne Patchwork-Familie. (Und man kann nur sagen, dafür, dass die zwei laut Instagram seit Monaten ein Paar sind, haben die Szenen auffällig wenig Chemie.) Josef trägt dann einen hellrosa Pullover, Maria eine Art großes blaues Kopftuch. Und tatsächlich hat blau eine lange Tradition als Marienfarbe, rot (purpur) dagegen ist als Farbe der Könige bekannt. Die "Verkindlichungen" dieser Farben, hellblau und rosa, wurden zu den beliebten Farben für Kinderbekleidung. Natürlich wurden entsprechend die kleinen Kronprinzen in rosa und die Mädchen, in der Nachfolge Marias, in hellblau präsentiert. Erst in den 1940er-Jahren vertauschte sich die Zuordnung und scheint heute nicht mehr anders denkbar. Eine Steilvorlage für einen Sketch über die Absurdität der Gender-Rollen! Was fällt Queens of Comedy dazu ein? Josef ist ein verweichlichter gehörnter Ehemann, dessen Beziehung in der Krise steckt, weil seine Frau eigentlich mehr vom heiligen Geist angetörnt ist.

Was Frauen wollen…?

Maria ist in diesen Sketchen übrigens eine affektierte Influencerin, die ihr ganzes Leben faket. Und auf diesem Niveau bewegen sich auch die restlichen stereotypen Frauenrollen, die ständig perpetuiert werden. Helikoptermutter oder scheinheilige Hippie-Tussi. Darf man einer Frau mal direkt beim Denken zuhören, erfährt man, dass sie so unprofessionell ist, dass sie sich noch nicht mal beim Vorstellungsgespräch konzentrieren kann. Oder, dass sie nach dem ersten Nippen am Wein dem Kellner auf den Arsch hauen möchte. Unabhängig von Männern existieren Frauen sowieso nicht wirklich. In einem Format, dass sich "unterschiedlichsten Frauentypen in allen Lebenssituationen" widmen möchte, gibt es keinen Sketch zu Frauenfreundschaften. Eine ältere Frau. Keine Frauen, die Hobbys ausüben, Sport treiben, Familie treffen. Die meisten Frauenfiguren sind inkompetent und leicht dümmlich und folgen den absurdesten Storylines. Ein Sketch über Frauen-Klischees im Film? Klar: Mitten während des Drehs eines Rosamunde Pilcher-Films fällt der Hauptdarstellerin auf, wie konservativ das Drehbuch ist, und sie fordert einen Rewrite: „Die Mutter deiner Figur, die hat doch nen Weinberg? Ja, da könnte ich doch ein reines Frauenunternehmen draus machen! Für Frauen mit Migrationshintergrund, finanziert durch Mikrokredite. Ja, so klimaneutraler Fairtrade-Wein in Bio-Qualität.“ (Als alter Rosamunde Pilcher-Fan muss ich übrigens anmerken, dass Pilcher schon #girlboss und #bossbabe geschrieben und gelebt hat, als Diana zur Löwen noch nicht mal geboren war.) In dieser Serie wird kaum ein Vorurteil über Frauen ausgelassen. Wenn so eine Serie aussieht, die von öffentlichen Geldern, von Frauen für Frauen produziert wird, muss man doch alle Erwartungen an die deutsche Medienlandschaft fahren lassen.

Natürlich ist es unfair, ein Frauenteam für alle stehen zu lassen. Niemand würde das bei einer der vielen fast ausschließlich von Männern produzierten, gefloppten Serien tun. Trotzdem, wir waren doch schon weiter - Knallerfrauen ist voller detailreicher Beobachtungen. Für Edin Hasanović und Annette Frier, die brilliant spielen, tut es mir leid. Aber das ZDF wusste wohl, wie misslungen dieses Projekt war und hat es deshalb praktisch nicht beworben. Leute, schaut euch stattdessen einfach A Black Lady Sketch Show an. Gibt's auch kostenfrei auf YouTube.

 

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Chantal Awassi
10.09.2021 - 13:56
  Kultur

Hier geht's zur Serie:

Queens of Comedy

Hier gibt's die Alternativen:

Knallerfrauen

A Black Lady Sketch Show