Frisch gepresst: Emma Ruth Rundle

A Return to Hell

Wer die Singer und Songwriterin Emma Ruth Rundle kennt, weiß vielleicht, dass ihre Musik nicht unbedingt für beschwingte Leichtigkeit sorgt. Mit ihrer neuen Platte „Engine of Hell“ gräbt sie allerdings noch tiefer in ihre Trickkiste der Schwermut.
Emma Ruth Rundle

Wie wandelbar der Stil der US-amerikanischen Sängerin Emma Ruth Rundle ist, hat sie bereits mit zahlreichen Projekten unter Beweis gestellt und wie man es bereits erahnen könnte, hat sie sich dabei nicht nur auf ein Genre begrenzt. So hat sie sich beispielsweise mit The Nocturnes an rockigen Dreampop gewagt oder mit Marriages und Red Sparrows grandiose Experimental Rock Alben produziert. Dann, nach langjährigen Banderfahrungen und erfolgreichen Kollaborationen, traute sich Emma Ruth Rundle endlich allein Musik zu machen und veröffentlicht 2014 ihre erste Platte „Some Heavy Ocean“, die Rundles Solo Karriere ins Rollen bringt.  

Sieben Jahre und vier Studioalben später präsentiert sich die Künstlerin auf ihrer neuen Platte verändert. Obwohl sie bereits auf Alben wie „Marked for Death“ auf großen Sound - Schnick Schnack verzichtet hat, klingt „Engine of Hell“ nochmal eine ganze Ecke roher. Denn die Tracks setzen sich lediglich aus drei Elementen zusammen: einer Akustikgitarre, einem Piano und Emma Ruth Rundles Stimme. Kann ein Studioalbum mit so wenig Einsatz funktionieren? Auf jeden Fall.

Der Zauber steckt im Detail

Denn mit den wenigen Mitteln, die sich Emma Ruth Rundle zur Verfügung gestellt hat, schafft sie eine atmosphärische und spannende Mischung von acht Songs, die zwar alle ähnlich konzipiert sind, sich aber dann doch durch feine Details unterscheiden. Der Fokus bei „Engine of Hell“ liegt bei der Schaffung von Kontrasten. In Songs wie „Dancing Man“ beschreibt die Sängerin eine ausnahmsweise positive Erinnerung, welche eingebettet ist in Chaos und Schmerz.

Time sweeps
Remembering you
Spin in the garden, in roses not red
Peach were the petals there instead

Poised in perfumes, anointed in blue
The orphans can smile for an afternoon
Keeps a balance, my gentlest friend
I know you from Adam, I’ve known you

All I’ve known of love, all love
All I’ve known of love, all love

Lyrics - "Dancing Man"

Die Instrumentierung greift diese positive Erinnerung allerdings nicht auf, im Gegenteil, sie schmettert sie regelrecht auf den Boden: das Klavierspiel ist schleppend und einsam und die Stimme Emma Ruth Rundles zart, fast zerbrechlich. Im Song „Razor´s Edge“ setzt sie das Spiel mit Kontrasten fort und dreht den Spieß einmal um: diesmal sind die Lyrics, welche von schmerzdurchdrungener innerer Zerrissenheit erzählen, qualvoll düster, die Instrumentierung ist jedoch durch dynamisches Fingerpicking an der Gitarre fast erhellend und sorgt neben spannenden Gegensätzen für einen nötigen Aufweckmoment.

Ein besonderes, quasi viertes Element der Platte, das für die Dramatik auf „Engine of Hell“ sorgt, sind Geräusche wie Atempausen, Schmatzer oder das Knarzen vom Griffwechsel auf dem Gitarrenhals, die so auf Studioalben eher selten zu hören sind. Emma Ruth Rundle lässt all diese Geräusche drin und das macht den Sound der Platte so roh und intim, perfekt unperfekt und fast so, als säße sie mit Gitarre im selben Zimmer.

Auch einen Blick wert sind die Visualisierungen der Platte. Die sind im Gegensatz zum Sound von „Engine of Hell“ alles andere als einfach gehalten. Emma Ruth Rundle greift das Thema der Platte, nämlich Kontraste, noch einmal auf und spielt mit den Gegensätzen schwarz/weiß; gut/böse; hell/dunkel. Im Clip zu „Return“ beispielsweise tanzt sie in verschiedenen Kostümierungen ekstatisch durch verlassene Ruinen, alles wirkt surreal und erinnert an die Ästhetik des Films „Meshes oft the Afternoon“. Das Tanzen ist dabei nicht nur ein stilistisches Mittel, es bedeutet für Emma Ruth Rundle noch mehr, wie sie in einem Interview mit The Guardian erklärt:

I’ve spent my whole life numbing my body [...] Dance gave me permission to experience my own physicality in a more lighthearted, creative, playful way.

https://www.theguardian.com/music/2021/nov/09/musician-emma-ruth-rundle-what-i-have-to-offer-is-the-ugliness-of-things

Fazit

Emma Ruth Rundles neue Platte „Engine of Hell“ sprudelt fast über vor Schwermut und Kummer, nicht nur instrumental, sondern auch thematisch und damit ist dieses „stripped – down“ Album das Privateste und Ehrlichste der Sängerin, das schonungslos ihre Traumata abgrast. Gekonnt setzt Emma Ruth Rundle Akzente und dosiert alle Elemente so, dass man beim Hören von dieser Schwere regelrecht eingenebelt und so schnell nicht mehr losgelassen wird.

 

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Emma Ruth Rundle : Engine of Hell

Tracklist:
  1. Return
  2. Blooms of Oblivion
  3. Body
  4. The Company
  5. Dancing Man
  6. Razor´s Edge
  7. Citadel
  8. In My Afterlife
Erscheinungsdatum: 05.11.2021
Sargent House