DOK 2021

REALITY MUST BE ADDRESSED

Am Anfang stand ein scherzhaftes „Let’s make a movie”. Nun ist daraus ein Dokumentarfilm geworden, der sich mit fiktiven Coming-of-Age-Geschichten messen kann.
Eine junge Frau schaut in die Kamera, während sie raucht.
Reality Must Be Addressed.

Jugend in Homevideo-Ästhetik

Verwackelte Camcorder Aufnahmen eines Roadtrips, Jahre später wiederentdeckt. Damit beginnt die filmkünstlerische Arbeit an „Reality Must Be Addressed“, einer sehr persönlichen Erzählung aus dem Leben der Regisseurin Johanna Seggelke selbst. Beim Zuschauen hat man nicht selten das Gefühl (unerlaubterweise?) Einblick in die Festplatteninhalte einer Fremden zu nehmen, so intim ist die Dokumentation. Und ein bisschen ist es ja auch tatsächlich so.

Der zum Großteil aus privatem Archivmaterial zusammengeschnittene Film dokumentiert vor allem eines: das Lebensgefühl der späten Teenie- und frühen Zwanzigerjahre. Alltagsbanalitäten wechseln sich mit Schlüsselmomenten dieser Zeit ab, Soundtrack und Voiceover-Narration sorgen dafür, dass das Publikum einen Einblick in die Gedanken und Gefühle der jungen Regisseurin bekommt. Einzelne Fotos und gestoppte Videosequenzen sollen Momente verdeutlichen, die besonders präsent im Gedächtnis geblieben sind; Erinnerungen, die aus dem Bilderfluss klar hervortreten. Diese Stilisierung der Wirklichkeit macht das Gezeigte nachempfindbar und fängt sowohl die jugendliche Unbeschwertheit als auch Ungewissheit ein.

Ode an Sky

Die Kamera ist dabei stets auf eine bestimmte Person gerichtet: Sky. Johanna Seggelke lernt sie in Südafrika kennen, später steht die Freundin unverhofft vor ihrer Wohnungstür und bleibt eine Weile, bevor es sie wieder in die USA, ihre Heimat, zurückzieht. Sky nimmt einen großen Platz im Herzen der Regisseurin ein, fasziniert sie. Durch die Linse ist diese Bewunderung für die Zuschauer:innen spürbar und dadurch umso mehr auch die Subjektivität des Films. Denn so vertraut die Protagonistin ihrer filmenden Gefährtin ist, so wenig greifbar bleibt sie für das nicht involvierte Publikum. So entsteht ein Porträt, das keinen Anspruch auf Vollkommenheit erhebt und sich stattdessen der Darstellung einer Muse verschreibt.

Eng mit der Person Sky verknüpft ist auch die zugrundeliegende Dramaturgie des Films. Während im ersten Drittel lediglich Johanna die Filmende ist, gibt es später Momente, in denen Sky selbst kurz zur Kamera greift. Am Ende, als sich die Wege der beiden – zumindest räumlich – bereits wieder getrennt haben, dokumentiert Sky schließlich ihre Wirklichkeit und lässt an ihrer Weltsicht teilhaben, ist also aktiver als bisher an der Verwirklichung des Filmprojekts beteiligt. Durch diese Dreiteiligkeit ergibt sich eine stimmungsvolle Komposition des Videomaterials.

Was ist und was bleibt

Der Film entlässt die Zuschauenden mit einem wohligen Gefühl und der Frage danach, welche Personen man ähnlich romantisierte und welche Beziehungen einen ähnlich stark prägten wie Sky die Regisseurin. Während andere Dokumentationen durch Geschichten bestechen, die zwar fern von der eigenen Realität, doch umso ergreifender sind, berührt „Reality Must Be Addressed“ durch sein Identifikationspotential.

"Reality Must Be Addressed" von Johanna Seggelke lief auf dem DOK Leipzig und gewann den Partnerpreis „Young Eyes Film Award“. Vom 1.11. bis zum 14.11.2021 kann er online gestreamt werden.

Wir besprechen den Film außerdem in der ersten Folge unseres Podcasts „Gretchen schaut DOK“.

 

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REALITY MUST BE ADDRESSED feierte Weltpremiere auf dem 64. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm.

Regie: Johanna Seggelke

Laufzeit: 53 Minuten

Land: Deutschland

Gretchen schaut DOK

In unseren Gretchen-Specials sprechen wir ausführlich über die Highlights des diesjährigen DOK Festivals.

Die Folgen könnt ihr auf Spotify und überall, wo es Podcasts gibt, nachhören.

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