Erinnerungskultur und Neonazis

Radeln gegen Rechts

Die von "Ladenschluss. Bündnis gegen Neonazis" organisierte, antifaschistische Radtour am 9. Mai 2021 sollte aktuelle Rückzugsorte der Neonazi Szene in Leipzig sowie historische Orte des Nationalsozialismus aufzeigen - und so lief sie ab.
Demonstrant:innen versammeln sich im Rabet Park- von da aus solls losgehen
Demonstrant:innen versammeln sich im Rabet

Radeln gegen Rechts

Am Sonntag, den 9. Mai veranstaltete die Organisation „Ladenschluss. Aktionsbündnis gegen Neonazis“ eine antifaschistische Radtour. Dabei sollte auf die nationalsozialistische Vergangenheit und die aktuellen, rechtsradikalen Strukturen in Leipzig aufmerksam gemacht werden. Besonders in Form von Kampsport-Gyms scheinen sich diese immer weiter zu etablieren und ihre Netzwerke auszubauen. Dabei möchte das Ladenschlussbündnis nicht einfach zuschauen - stattdessen organisieren sie sich. In Form von Kundgebungen, Demonstrationen, Vorträgen oder eben durch das Mobilisieren von knapp 250 Menschen in Form einer Radtour, um auf solche Problematiken aufmerksam zu machen und gegen das Vergessen der nationalsozialistischen Vergangenheit anzukämpfen.

Leipzig und Rechtsradikalismus

Im Jahr 2020 wurden allein in Leipzig 208 rassistisch motivierte Übergriffe von der Opferberatung dokumentiert. Vor allem durch die Corona-Pandemie wirken Verschwörungstheorien, Antisemitismus sowie antiasiatischer Rassismus auf einmal wieder gesellschaftsfähiger. Auf "Querdenker"-Demonstrationen mischen sich mehr und mehr rechte Gruppierungen unter, wobei es auch immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt.

Für genau solche Auseinandersetzungen wird in rechten Kampfsport-Gyms trainiert. Über die Raumnahme und den Immobilienbesitz rechter Gruppierungen in Leipzig scheint relativ wenig bekannt zu sein, dabei haben sich dort über die Jahre einige Kampfsport-Gyms angesiedelt. In Sachsen zählte man im Jahr 2018 22 Objekte in rechter Hand.  

Besonders aus dem Leipziger Umland wird dort auch Nachwuchs rekrutiert, welcher in der Kampfsportszene Vorbilder findet und Teil der Gemeinschaft wird. Mitglieder der Gyms bereiten sich auf Straßenkämpfe und den sogenannten „Tag x“ vor. Dabei handelt es sich um Umsturz-Fantasien radikaler Rechte, die auf eine, nach deren Definition, gesellschaftliche Krise warten, um die Bundesrepublik Deutschland zu stürzen. 

Das Strampeln beginnt

Die Radtour startet im Rabet in Leipzigs Osten - von dort aus fahren die fast 250 Radelnden los, angeführt von einem kleinen, schwarzen Bus. Auf diesem wurden große Boxen festgeschnallt, um so besser die Kundgebungen abzuhalten, aber auch um die Straßen Leipzigs mit Musik zu füllen und die Radelnden anzufeuern.

Bilder von der Radtour seht ihr unter anderem in unserem Twitter-Beitrag:

 

Die erste Station findet sich in der Kamenzer Straße in Schönefeld. Vom Sommer 1944 bis zum April 1945 befand sich dort das größte Frauenaußenlager des KZ Buchenwalds. Die Bedeutung dieses Außenlagers wird besonders deutlich, wenn man bedenkt, dass es sich inmitten einer Stadt wie Leipzig befand.

Ich glaube die Wenigsten haben halt auch dieses weit verzweigte Netz von KZ Außenlagern und Zwangsarbeitslagern auf dem Schirm, sondern schlussendlich quasi so die großen Konzentrationslager, also Dachau, Auschwitz, Buchenwald gekannt, aber darüber hinaus hält sich glaube ich das allgemeine Wissen auch in Grenzen. Ich glaube es ist halt auch wenig Verständnis dafür da, dass es halt schlussendlich ein alltägliches Phänomen war. 

Mitglied von Ladenschluss, anonym

Bis 2020 fand man dort das Kampfsportzentrum „Imperium Fight Team“, das letztes Jahr nach Taucha umgezogen ist. Auch Taucha wird der Fahrradkonvoi später noch einen Besuch abstatten. Allerdings steht das Gebäude in der Kamenzer Straße nicht leer - vielmehr hat sich dieses Jahr erneut ein Gym mit Kontakten in die rechte Szene dort angesiedelt: das Sin City Boxgym.  

… und über Leipzigs Grenzen hinaus

Dass sich der Kampf gegen solche Strukturen nicht auf Leipzig begrenzt, zeigt sich, als die Fahrraddemo schließlich weiter nach Taucha fährt.

Wir machen uns da keine Illusionen, die werden sicherlich wieder andere Gelände finden und wo anders trainieren können, aber es geht vorallem darum, darauf aufmerksam zu machen und es denen quasi so unbequem wie möglich zu machen. Sie sind jetzt nach Taucha gezogen, jetzt fahren wir auch nach Taucha und problematisieren das dort. 

Mitglied von Ladenschluss, anonym

Fast 11 km, an Rapsfeldern, Schrebergärten und Kleinfamilienhäusern vorbei, bis in die Matthias Erzbergerstraße. Ähnlich wie in der Kamenzer Straße befand sich auch dort ein Außenlager des KZ Buchenwald. Heute reihen sich dort Solarplatten.

1939 erreichte der Rüstungskonzern Hugo Schneider AG in Taucha ein Zweigwerk in dem ab 1940 neben Kartuschenhülsen auch Granaten und Munition hergestellt wurde. Ab 1944 setzte die HASAG auch sogenannte zivile Zwangsarbeiter:innen und Kriegsgefangen aus ganz Europa in der Rüstungsproduktion ein. Ab September 1944, wurden dann zusätzlich KZ Häftlinge zur Zwangsarbeit in den Werken herangezogen. Dafür begann die HASAG mit der Errichtung eines KZ Außenlagers hier, ganz in der Nähe des Bahnhofes.

Mitglied von Ladenschluss, anonym

Es erinnert wenig an die trübe Vergangenheit des heutigen Solarfeldes. Dabei ist jedoch gerade erst 2020 das neue Trainingslager des „Imperium Fight Teams“ ein paar Häuser weiter eingezogen. Auch vor Ort wehren sich die Anwohner:innen gegen diese Entwicklungen. Die „Initiative SAfT – Solidarische Alternative für Taucha“ gründete sich 2018, um sich aktiv gegen rechtsextreme Strukturen zu engagieren und in der Öffentlichkeit Bewusstsein dafür zu schaffen.  

Als es im August 2018 in Chemnitz zu rassistischen Demonstrationen kam, aus deren Umfeld heraus auch immer wieder Angriffe auf nicht deutsch wahrgenommene Personen und politisch Andersdenkende erfolgen, war auch hier Mitglieder des “Imperium Fight Teams” anwesend.

Mitglied von Ladenschluss, anonym

Ein weiteres Kampfsport Gym findet sich in Paunsdorf - das „Bushido Free Fight Team” hat dort im September eröffnet. Mitglieder dieses Gyms finden sich auch in der Hooligan Szene wieder und werden als bundesweit bekannte, extreme Rechte bezeichnet. 

Es geht halt auch ganz massiv darum, das zu Problematisieren, dass schlussendlich diese ideologische Gemengelage dafür sorgt, dass es aufeinmal kein Problem mehr ist, wenn Neonazis die Straße frei prügeln und da ziehen diese Strukturen auch ganz viel Selbstbewusstsein raus, weil sie sich quasi als den verlängerten Arm des Volkswillens inszenieren können.

Mitglied von Ladenschluss, anonym

Schutz vor gewaltaffinen Strukturen

Kundgebungen über gewaltaffine Strukturen, Neonazis die sich für den Straßenkampf vorbereiten und das daraus resultierende, hohe Aufgebot an Polizei -  das sind beunruhigende Bilder.  Die Mitglieder des Ladenschluss- Bündnisses möchten gerne anonym bleiben. Es gehe hier nicht um Einzelpersonen, sondern die Organisation an sich. Außerdem seien dies Strukturen, denen man lieber nicht seinen Namen und sein Gesicht offenbart. Die Ambivalenz von Sicherheit durch die Polizei und Kritik an der Polizei wird bei dieser Kundgebung besonders deutlich. Vor den Kampfsport-Gyms bauen sich vereinzelt Neonazis auf, die Polizei bildet eine Kette und Polizeihunde bellen aus den Kofferräumen. Die Stimmung ist angespannt, es kommt aber zu keiner Auseinandersetzung. 

Meinungsverschiedenheiten gibt es auch, als Teilnehmende der Demo fordern, die Polizei solle nicht im Konvoi mitfahren, sondern bitte nur vorne und hinten. Das Gefühl, die Polizei sei Teil der Demo möchte man unbedingt vermeiden, empörte Rufe aus der Menge untermauern dies. Wer hier wen vor was schützt, ist da manchmal schwer festzustellen.

Zukunft, Veränderung

Dass Reichsbürger:innen, zusammen mit Esoteriker:innen und Eltern gemeinsam an den Coronapolitik-Demonstrationen teilnehmen verdeutlicht, wie sich die rechten Strukturen in den letzten Jahren noch mehr in die Öffentlichkeit gedrängt haben

Aktionen wie diese antifaschistische Fahrradtour stärken das öffentliche Gedenken an unsere nationalsozialistische Vergangenheit und betonen auch die Möglichkeiten jedes Einzelnen, aktiv zu werden. Auch wenn es in Auseinandersetzungen mit gewaltbereiten Gruppierungen schwierig ist zu handeln, ist die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ein hohes Gut, auch um Druck aufzubauen und Präsenz zu zeigen.

Die gesamte Podcastfolge hier zum Nachhören:

Podcast   

 

 

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Jana Laborenz
14.05.2021 - 14:20

Mehr Infos zum Thema...

  • auf der Webseite von "Ladenschluss. Aktionsbündnis gegen Neonazis."
  • in dieser Ausgabe von "cronic.LE": Dokumentation und Analyse faschistischer, rassistischer und diskrimierender Ereignisse in und um Leipzig
  • im Podcast der Bundeszentrale für politische Bildung: "Rechtsextreme Rückzugsräume"