Frisch Gepresst: Injury Reserve

Phönix in der Asche

Injury Reserves „By The Time I Get To Phoenix“ ist der emotionale Tief- und gleichzeitig der künstlerische Höhepunkt des Hip-Hop-Trios aus Phoenix.
Injury Reserve sind Parker Corey, Ritchie with a T und Stepa J. Groggs [†]
Injury Reserve sind Parker Corey, Ritchie with a T und Stepa J. Groggs [†]

Als die ersten Mixtapes von Injury Reserve erstmals durch die Kopfhörer der Musikwelt klangen, zeichnete sich schnell ein Bild. Injury Reserve sind experimentell, ja, nicht sehr, aber eben experimentell. Mit persönlichen Texten, ja, aber eben auch nicht zu belastend. Vor allem aber macht das Trio Musik, die Spaß macht. Die man auf dem Basketballcourt hören kann, im Auto mit Freud*innen. Doch so sehr Injury Reserve sich diesem Ruf verschrieben hatten – der Spaß am Musik machen schrumpfte, während die Verzweiflung darüber wuchs, mit und von der Musik nicht so wirklich leben zu können. Als 2019 das self-titled Debütalbum erschien, klang dieser Zwiespalt durch. „Injury Reserve“ war ein guter, aber dennoch seltsam gehemmter Mix aus Easy-Listening-Tracks („Gravy’n’Biscuits“), futuristischen Bangern („Jailbreak the Tesla“, „Koruna & Lime“) und ersten leisen, resignierenden Tönen – unter anderem das einengende „What a Year It’s Been“ inklusive Silver-Mt.-Zion-Sample.

What a Year It’s Been

Und was für Jahre noch kommen sollten. 2019 gehen Injury Reserve auf Welttournee, hören dabei erstmals die englische Post-Punk-Band Black Country, New Road, croonen während einer Liveperformance über das melancholisch-hypnotische Sample der Band und sind begeistert über den überfordernden, dichten und noch nie zuvor dagewesenen Sound („Superman That“). 

Trotzdem ist die Bandsituation miserabel. Die beiden Frontmänner Ritchie with a T und Groggs kämpfen an existenziellen Fronten. Groggs windet sich durch Depressionen und Alkoholismus, Ritchie trauert um den Tod seines Stiefvaters. Die Texte der neuen Platte entwickeln sich zu niederschlagenden Zeilen voller Trauer und Ausweglosigkeit – von der Gute-Laune-Haltung aus den frühen Tagen der Band ist nichts mehr geblieben.

And that's a tough pill to swallow
Because I'm not getting taller
Please, is there any way I can grow, please?
My knees hurt when I grow

Injury Reserve in „Knees“

Und dann kommt der 29.06.2020. Frontmann Groggs verstirbt und verleiht der nahezu fertig gestellten, sowieso schon dystopischen Platte einen neuen, noch deprimiererenden Kontext. Ritchie with a T und Produzent Parker Corey entschließen sich dennoch nach einiger Pause, „By The Time I Get To Phoenix“ fertigzustellen.

Pushing the Boundaries

Und so unglücklich die Umstände sind, desto glücklicher sollte man für dieses Album sein. „By The Time I Get To Phoenix“ ist das Revolutionärste im Hip-Hop seit Death Grips. Die Instrumentals sind überlagert, dicht, samplelastig, übersteuert, teilweise arhythmisch. Und teils ist nicht mal so richtig klar, ob hier überhaupt gerappt oder gesungen wird. „Knees“ beispielsweise samplet die Windmill-Lieblinge black midi, Frontmann Ritchie with a T singt die Hook wie ein R&B- und Rocksänger gleichzeitig. Die Verse sind nicht wirklich gerappt, eher gestolpert, vor sich hingemurmelt. Und die Texte sind hochgradig deprimierend.

Und diese Reizüberflutung zieht sich durch die gesamte Platte. Bei allen 11 Tracks des Albums bleibt das Gefühl, gar nicht so wirklich benennen zu können, was da eben gehört wurde. Der Opener „Outside“ klingt außerirdisch und zerfallen, ehe sich ein marschartiger Drumloop in der Hälfte des Songs dazugesellt und plötzlich Rhythmus verleiht. „SS San Francisco“ (mit einem großartigen Zelooperz-Feature) klingt grungig, bedrohlich und verzweifelt. „Footwork in a Forest Fire“ ist der Höhepunkt der kollektiven Klaustrophobie, die das Album verkörpert. Es geht irgendwie nicht weiter, there is nowhere to hide. Und gleichzeitig schwingt die ganze Zeit die verstörende Trauer mit, wenn der verstorbene Frontmann Groggs ins Mikro schreit, wie wir alle nur vielleicht am Leben bleiben.

Manic in the skies
There's panic in the sky
Even when it's down below
There's nowhere to go
You better run and hide
Take yo' ass inside
If you don't go, breathe the air
You might just stay alive
We might just stay alive

Groggs in "Footwork in a Forest Fire"

When it rains it pours

„By the Time I Get to Phoenix“ zerrt an den Hörenden. Hier ist nichts leicht verdaulich – aber wie soll auch nur eine Sekunde des Albums leicht verdaulich sein, wenn man die musikalischen Grundelemente vorher nie probiert hat. Und als wäre die musikalische Innovation nicht schon herausfordernd genug, kommt da noch die ausweglose Grundstimmung dazu, die Ritchie und Groggs beschwören. Und so sehr der Closer „Bye Storm“ nochmal das Mantra „The Show Must Go On“ vermitteln will – so wirklich glauben will man das nicht. Zu sehr liegen 41 dystopische Minuten im Magen, zu gering ist der Glaube daran, dass Injury Reserve trotz des Fehlens ihres Bandkollegen Groggs einfach so weitermachen können. Doch genau das ist die bittere Wahrheit, die das Album letztlich ausspricht. Die Show geht eben weiter, trotz aller Trauer, trotz aller musikalischen Widerstände der Platte, und Injury Reserve werden mitgezerrt. Im Oktober beginnt die Amerika-Tour der Band. The Show Must Go On. And that’s a tough pill to swallow.

 

 

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Injury Reserve: By the Way I Get to Phoenix

Tracklist:

1. Outside*

2. Superman That*

3. SS San Francisco (feat. Zelooperz)*

4. Footwork in a Forest Fire

5. Ground Zero

6. Smoke Don't Clear

7. Top Picks for You

8. Wild Wild West

9. Postpostpartum*

10. Knees*

11. Bye Storm*

 

*Anspieltipps der Redaktion

Das Album könnt ihr hier nachhören: