DOK 2021: Der Schnitt macht den Film

ODORIKO & NUDE AT HEART: Zusammen anders

Dokumentationen erlauben auf eine Art in Welten einzutauchen, wie man es sonst nie könnte. Diese beiden Filme nehmen einen in die Welt des japanischen Nackttanzes mit und zeigen, was und wer hinter dieser Kunstform eigentlich steckt.
Eine Collage aus zwei Bildern, die die japanischen Nackttänzerinnen zeigen
Aus einmal Filmmaterial wurden mit "Odoriko" und "Nude at Heart" zwei Filme gemacht.

Das DOK Leipzig 2021 präsentierte zwei Filme, die auf den ersten Blick gleich scheinen: Die Geschichte der Odoriko (japanische Nackttänzerinnen), gefilmt von Regisseur Yoichiro Okutani. Unter der Rubrik "Der Schnitt macht den Film" wurden auf dem Festival zwei Schnittfassungen desselben Rohmaterials gezeigt, denn die Filme „Odoriko“ und "Nude at Heart" teilen sich zwar eine gemeinsame Grundlage, haben jedoch zwei verschiedene Filme daraus geschaffen. Die erste Version "Odoriko" entstand ganz nach den Absichten des Regisseurs, während die zweite Version, welche für arte produziert wurde, von der Filmeditorin Mary Stephen geschnitten wurde.

Odoriko – Der ursprüngliche Ansatz

Odoriko
Odoriko

Der Film "Odoriko" ist die Schnittfassung von Regisseur Yoichiro Okutani, in welcher er uns seinen Blick auf die Welt der japanischen Nackttänzerinnen und ihr Leben aufzeigt. Im Fokus dieser Version steht weniger eine stringente Hauptgeschichte als fragmentarische Ausschnitte von Tanzperformances, Backstageaufnahmen und einzelnen private Momenten der Tänzerinnen.

Die Kamera hält dabei sehr lange statisch auf eine Szene und gibt einem so das Gefühl, als Beobachter dazustehen und die Momente wirklich so zu beobachten und ein Teil der Situation zu sein - oft einfach nur passiv, manchmal aber auch als real interagierende Person, weil dann die Kamera im Weg stand oder mit dem Filmteam direkt gesprochen wurde.

Inhaltlich bleibt der Film, neben den persönlichen Einblicken in die Leben von verschiedenen Tänzerinnen, jedoch eher auf einer oberflächlicheren Ebene und richtet den Fokus auf die Ästhetik der Branche und wie diese in ihrem Schein wahrgenommen wird. Dadurch ist es ein leicht verständlicher erster Eindruck in eine Welt, die vielen außerhalb von Japan unbekannt sein dürfte. Ein Eindruck, der uns die Kunst und die Menschen dahinter zeigt, der einen an die Hand nimmt und in diese Welt mitnimmt.

Nude at Heart
Nude at Heart

Nude at Heart – Die weibliche Perspektive

Mary Stephens Schnittfassung "Nude at Heart" ist ihr Blick auf das Rohmaterial von Yoichiro Okutani und der Anspruch, durch eine eigene Schwerpunktsetzung neue Perspektiven herauszustellen und einen eigenständigen Film zu schaffen. Dieser Film arbeitet von Anfang an mit einem stringenten Erzählfaden, der die Odoriko als reisende Tänzerinnen einführt, die von Lokalität zu Lokalität ziehen, um dort jeweils ihre Shows zu präsentieren. Dabei wird jedoch kein großer Wert daraufgelegt, wo man jetzt tatsächlich genau ist, sondern viel mehr, wie dieses Leben als reisende Tänzerin funktioniert, welche Hoffnungen und Träume, Sorgen und Ängste sie haben. Ist "Odoriko" in seinen Ansätzen ein ästhetischer, aber oberflächlicher Blick auf die Welt dieser Tänzerinnen, stellt "Nude at Heart" die Menschen, Beziehungen und Umstände in den Mittelpunkt. Mary Stephen bezeichnete es als eine weibliche Perspektive auf die privaten Geschichten, die sie im Rohmaterial gefunden hatte und die in "Odoriko" nicht auserzählt wurden.

Zwei Filme oder zweimal der gleiche Film?

Die elementare Frage dieser beiden Filme ist, ob es sich letztendendes nur um zwei verschiedene Versionen aber quasi gleiche Filme handelt, oder ob die beiden Versionen zwei eigenständige Werke mit Unterschieden sind, die sie zu eigenständige Werken machen. Mary Stephen bezeichnete die Filme als (Zwillings-)Schwestern: Beide hätten trotz ihres gemeinsamen Ursprungs und den Gemeinsamkeiten eine eigene Persönlichkeit.

Doch wichtiger als die gemeinsamen Videosegmente sind die Segmente, in denen sich die Filme unterscheiden. Denn die Persönlichkeit und die individuelle Schwerpunktsetzung entwickelt sich in den Momenten, die exklusiv für die jeweilige Version sind. Aber auch in den vielen Szenen, die sich in beiden Versionen wiederfinden lassen, gibt es deutliche Unterschiede. Denn die gleichen Szenen werden an verschiedenen Stellen der jeweiligen Filme verwendet und dienen so eigenen Narrativen und erfüllen jeweils unterschiedliche Aufgaben in der Erzählstruktur.

Zusammen einzigartig

Und genau hier arbeiten sich die Elemente der einzelnen Filme heraus, die man ohne die andere Version nicht erkenne könnte. Erst durch den Vergleich mit einer anderen Version kann man die getroffenen Entscheidungen wirklich einordnen und ein Gefühl für die Auswirkungen vom Schnitt entwickeln.

Vielen ist klar, dass eine Entscheidung für oder gegen gewisses Videomaterial und das Festlegen einer Erzählstruktur das Endprodukt maßgeblich definiert. Aber wirklich zu sehen, wie unterschiedlich die Ergebnisse dann doch sein können ist unglaublich beeindruckend.

Natürlich kommen einem beim Anschauen der jeweils anderen Version einzelne Stellen und Geschichten bekannt vor. Inhaltlich ist es kein komplett neuer Film. Aber eine andere Perspektive auf die gleichen Grundlagen kann ausreichen, um eine neue Geschichte zu erzählen, neue Facetten aufzuzeigen und ganz andere Gefühle und Zugänge bei Zuschauer*innen zu erreichen.

"Odoriko" und "Nude at Heart" funktionieren als Filme für sich. Wer nur einen davon sehen kann oder möchte, hat mit beiden Filmen einen interessanten Einblick in diese Welt. Ist man jedoch bereit einen extra Schritt zu gehen und beide Filme zu schauen, so gewinnt man nicht nur mehr und andere Einblicke auf dieses Thema, sondern man erfährt wirklich, wie groß die kreative Vision von Videoediting ist und wie diese ein elementarer Grundpfeiler von filmischer Schöpfungskraft, aber auch der filmischen Realität sind.

Über die beiden Schnittfassungen haben wir unter anderem auch mit der Editorin Mary Stephen in unserem Gretchen schaut-Spezial gesprochen. Hört mal rein!

 

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ODORIKO feierte deutsche Premiere auf dem 64. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm.

Regie: Yoichiro Okutani; Schnitt: Yoichiro Okutani, Keiko Okawa

Laufzeit: 114 Minuten

Land: Japan, USA, Frankreich

NUDE AT HEART feierte internationale Premiere auf dem 64. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm.

Regie: Yoichiro Okutani; Schnitt: Mary Stephen

Laufzeit: 109 Minuten

Land: Japan, Frankreich

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