Wir präsentieren: Vaporwave

Nostalgie aus dem Lautsprecher

Vaporwave ist ein elektronisches Musikgenre. Sein Einfluss ist weitreichend, doch im Mainstream ist es eher unbekannt. Wir geben eine Einführung in eine oftmals seltsame Musikbewegung.
Ein dreidimensionales Vektorennetz vor einer digitalen Sonne und lila Hintergrund.
Typische Vaporwave Ästhetik

Neonröhren, Arizona Eistee und japanische Werbevideos aus den Neunzigern. Wenn ihr an diese Sachen denkt, dann formt sich vermutlich ein Bild in eurem Kopf, dem ihr womöglich keinen Namen geben könnt. Es ist eine Nostalgie für eine vergangene Zeit, die wir so wahrscheinlich nie erlebt haben. Genau diese Nostalgie beschreibt das Genre Vaporwave. Das wird auch im Sound der Musik deutlich, wie bei Blank Banshees Song B:/ Infinite Login.

Das Musikvideo zu B:/ Infinite Login (Vorischt! Flimmernde Lichter!)

 

Wer da die Sounds von alten Microsoft PCs und Rihannas Song "Diamonds" heraushört, der liegt goldrichtig. Vaporwave ist ein sehr samplelastiges elektronisches Musikgenre, das vor allem mit Synths arbeitet. Die Kombination mag zunächst willkürlich erscheinen, passt aber genau zum Mantra von Vaporwave.

Entstehung des Genres

Doch, von Anfang an: Vaporwave stammt von dem Begriff Vaporware. Das bedeutet Software, die zwar angekündigt und beworben wurde, es allerdings nie auf den Markt geschafft hat. Sie hat sich also verflüchtigt – wie Dampf, englisch Vapor. Und genauso verstehen sich auch die meisten Künstler:innen von Vaporwave.

Das Genre verbreitet sich bis heute sehr dezentral und hauptsächlich online, auf Seiten wie YouTube, Bandcamp oder Soundcloud. Die Szene kam um die späten Zweitausender und frühen Zweitausendzehner auf. Bereits zuvor gab es Musikstile, wie Chillwave oder Chopped and Screwed, die in eine ähnliche Kerbe schlugen. Doch mit Macintosh Plus‘ Album Floral Shoppe von 2011 manifestierte sich Vaporwave als eigenständiges Genre. Den typischen träumerisch verwaschenen Synthsound erfasst ihr Song Lisa Frank 420 – Modern Computers aus demselben Album sehr gut.

 

 

Floral Shoppe wird als erstes echtes Vaporwave Album gewertet. Das Albumcover ist typisch für die Kunst des Genres. Die Farben und Elemente des Artworks spielen dabei mit alten Computer-Vibes. Beinahe könnte es eine CD-Rom für eine interaktive Kunstaustellung sein.

Die Motive

Vaporwave ist nicht nur ein Musikgenre. Es ist fast schon eine Bewegung, eine Ästhetik. Oft wird die Konsumgesellschaft kritisiert oder lächerlich gemacht. Das Aufzeigen von Denkweisen aus einer Zeit, die gerade einmal dreißig oder vierzig Jahre zurück liegt, dient der Kritik an Kommerz und dem Dauerfröhlichsein dieser Zeit. Deutlich wird das, wenn Blank Banshee in Teen Pregnancy das Electronica Duo Boards of Canada, Grandmaster Flash und die Jugendserie Degrassi sampelt und daraus ein melodischer aber fast unheimlicher Track entsteht.

 

 

Aber bei Vaporwave soll auch mit Nostalgie gespielt werden. Das Sehnen nach einer vermeintlich einfacheren Zeit und das Rückholen vergangener Schönheit sind ebenso Motive, wie das Aufzeigen von Fehlern der jungen Geschichte. Vaporwave grenzt beinahe an Satire, wenn Samples von Animes und aus Seinfeld mit verwaschenen Synths kombiniert werden. Das wird auch bei den Namen der Künstler:innen deutlich: SAINT PEPSI, Hong Kong Express und Macintosh Plus lassen bei ihren Namen schon einen gewissen Spott durchleuchten. Das Genre ist ein Ergebnis von Internetkultur und nimmt sich dementsprechend wenig ernst.

Bedeutend für die Szene

Vaporwave war aber auch ungemein einflussreich. Nicht nur inspirierte es zahllose andere Genres, wie Cloudrap, LoFi Hip-Hop und Techno. Manche Songs sind mittlerweile absolute Staples und einige sind sogar Memes geworden. Resonance von HOME ist dabei wohl der bekannteste Track.

 

 

Auf Spotify hat der Song über 70 Millionen Streams und auf YouTube über verschiedene Videos noch mehr Aufrufe. Hier wird dann auch die Vielseitigkeit des Genres klar. Während HOMEs Sound sehr nah an Chillwave grenzt, nutzt Blank Banshee zumeist die für Trap üblichen High Hats und Snares für seine Musik. Der Einfluss von Vaporwave erstreckt sich aber auch auf R&B, Pop und sogar Jungle. 

Außerdem half das Genre dabei neue Musikstile zu bilden. Zum Beispiel ist Futurefunk das viel mehr auf Discobeats konzentrierte Kind von Vaporwave. Hier haben Musiker wie Yung Bae mittlerweile auch großen Erfolg in der Mainstream Musikszene gefunden. Hier ein Stück aus seinem Song At Sunset, zusammen mit Parrot Jungle 95:

 

 

Mittlerweile hat der Künstler aus Los Angeles über zwei Millionen monatliche Hörer:innen bei Spotify und schon Projekte mit bbno$, Yung Gravy und Wiz Khalifa veröffentlicht.

Die Gegenwart und Zukunft

Heutzutage ist reine Vaporwave selten geworden. Ramona Ander Xavier, die Künstlerin hinter Macintosh Plus und Begründerin der Szene, macht heute unter einem anderen Pseudonym, Vektroid, eher funkige Musik. Es gibt zwar noch einige Hardcore Vaporwave Fans, aber das Genre erregt nicht mehr die Aufmerksamkeit, die es vor fünf Jahren hatte. Man nutzt die Synths heute eher als Stilmittel, anstatt daraus ganze Tracks zu bauen. George Clantons Titel Make It Forever samplet genretypische Synths und mischt sie mit Indiepop und Shoegaze, was ihm unter anderem den Namen Vaporwave David Bowie einbrachte.

 

Hier ein Video mit den Lyrics des Tracks:

 

Die Zeit von Vaporwave mag vorbei sein, aber die Musik, die aus der Bewegung entstand, wird auch in Zukunft bestehen bleiben. Große Alben, wie Blank Banshee 0, Odyssey von HOME oder SAINT PEPSIs Hit Vibes bleiben Meilensteine in der elektronischen Musikszene. Wenn ihr euch also das nächste Mal in den Synths von Cloudrap-Beats verliert, vergesst nicht die seltsamen Synthliebhaber, die den Weg geebnet haben.

Weitere Infos auch im Podcast: 

 

 

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Künstler:innen in diesem Artikel:

Blank Banshee

Vektroid (Macintosh Plus)

HOME

Yung Bae

George Clanton

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