Zwischen Diskrimierung und Kunst

Newcomerinnen im HipHop

Sowohl in Amerika, als auch in Deutschland ist HipHop mittlerweile eines der beliebtesten Genres. Und dabei längst nicht mehr so männlich wie vor einigen Jahren. Deswegen stellen wir euch vier der vielversprechendsten Newcomerinnen der Szene vor.
Auf dem Bild sieht man die vier Hiphop-Künstlerinnen Jamila Woods, Ebow, Moor Mother und KeKe
Die Newcomerinnen Jamila Woods, Ebow, Moor Mother und KeKe

KeKe

Vom klassischen Jazz zum Deutsch-Rap: Die Österreicherin KeKe, mit bürgerlichen Namen Kiara Hollatko, stellt sich seit 2018 in der Rap-Szene unter Beweis und sticht besonders durch ihre Wandelbarkeit hervor.

Die Sängerin war nämlich für sieben Jahre in der Jazz-Band The Common Blue und begann nach ihrem Abitur sogar Jazz-Gesang zu studieren. Sie wandte sich aber der Musikrichtung erstmal ab und veröffentlichte 2018 ihre erste Single „Donna Selvaggia“ (ital.: Wilde Frauen). KeKe kann aber nicht nur düsteren Trap mit zittrigen Beats sondern auch Autotune-verliebten Rap mit beach-vibes, wie sie in ihrer Single „Malibu“ zeigt.

Höre das Rauschen der Brandung
Laufe die Küste entlang und
Verlier' die Spannung

KeKe auf "Malibu"

Musikalisch geprägt ist KeKe u. A. durch die New Yorkerin Princess Nokia, aber auch durch Travis Scott oder Florence and the Machine. Das lässt sich auch in ihrem letzten Song „Kinda Cute“ heraushören: Mit ihrer ehrlichen und frechen Art bricht sie Stereotypen und setzt sich für Body-Positivity ein:

Ich bin messy, sassy, love my belly
Boobs saggy, Outfit classy
Body heavy, sexy, sweaty

KeKe auf "Kinda Cute"

KeKe verkörpert ein modernes Frauenbild und möchte mit ihrer Musik besonders ihre Zuhörerinnen inspirieren. Sie hat größtenteils Frauen in ihren Musikvideos und singt über und für sie – Damit bringt sie den Feminismus auch in den Rap. Besonders deutlich wird das in ihrem neuen Song „Ladies“, in dem sie sich für  Female Empowerment einsetzt und Opfern von Gewalt eine Stimme gibt:

Kennst du die Girls, die sich für das, was sie tun in Gefahr begeben?
Und nicht aufhören für sich einzusteh'n jeden Tag im Leben?
Kennst du die Girls, die sich nich' mehr trauen mit kurzem Rock rauszugeh'n?
Kennst du die Girls, die schweigen, weil man die Täter und Opfer verdreht?

KeKe auf "Ladies"

KeKe lässt ihre Persönlichkeit direkt in ihre Musik einfließen und trifft mit ihrer offenen und ehrlichen Art den Puls der Zeit. Deswegen thematisiert sie in ihrer Musik auch Mental-Health-Probleme, wie sich in ihrer Single „Paradox“ erkennen lässt:

Bin in einem ständigen Kampf mit der Angst
Mit der Angst, mit der Angst
Halte sie zwar auf Distanz, doch bleibe im Kampf mit der Angst
Mit der Angst, mit der Angst

KeKe auf "Paradox"

Die Österreicherin hat also eine große Bandbreite an musikalischen Talent zu bieten, probiert sich selbst viel aus und lässt sich deswegen auch kaum in eine Kategorie stecken. Und genau das ist es, was KeKe auch mit ihrer Musik ausdrücken möchte.

Alexia Lautenschläger

Moor Mother

„Everything Ain’t Okay“ – So kann man die Musik der US-amerikanischen Rapperin, Producerin und politischen Aktivistin Moor Mother treffend zusammenfassen. Mit ihrem düsteren, kalten und dystopischen Sound hinterlässt die Musikerin, die mit bürgerlichem Namen Camae Ayewa heißt, seit 2016 einen tiefen Eindruck in der Hip-Hop-Szene. Die Texte von Moor Mother, was so viel wie „Maurische Mutter“ bedeutet, legen gezielt den Finger in die Wunden der US-amerikanischen Geschichte und adressiert die systematische Diskriminierung der Black Community. 

Oft nimmt sie in ihren Lyrics Bezug zum Konzept des „Afrofuturismus“: Dieser setzt sich kritisch mit der Geschichte des Rassismus gegen Afroamerikaner:innen auseinander, aus der Lehren für eine gesellschaftliche Zukunft der Black Community gezogen werden sollen. Moor Mother fängt diese Idee des Afrofuturismus auf und betont in ihren Songs, wie düster es um die Black Community stand, steht, und vermutlich stehen wird.

Trying to save my black life
By fetishizing my dead life
Fuck, get away from me
You can see my dead body at the protest

Moor Mother auf „Deadbeat Protest“

Die Dystopie und Kälte ihrer Texte untermalt Moor Mother mit einem Mix aus Hip-Hop, Industrial, Noise und Voice-Samples indigener Musik. Diese Instrumentals begleitet sie wie eine Geschichtenerzählerin, mit oft symbolträchtigen und fast schon hermetisch verriegelten Zeilen. Dadurch schafft sie eine unvergleichbar drückende, kühle und vor allem mystische Stimmung in ihren Songs. Was man bei Moor Mother hört, ist der Soundtrack zu den Tragödien der Black Community.

The friar cried out
Before they're all together loud
And the guns and the machetes out
And the white academics to write about
And the Uncle Toms to hashtag and blog about
What you waitin for?
For them to lynch our naked body live on Channel 4?
Burn the live remains left on the dance floor?

Moor Mother auf „KBGK“

Alexander Aßmann

Ebow

Politische Themen und Rap - sie kombiniert es. Spätestens nach ihrem Song „Kanak for Life“ wird von vielen Rap-Liebhaber:innen über sie gesprochen. Die Rede ist von Ebow oder mit bürgerlichen Namen Ebru Düzgün. Schon in jungen Jahren fing sie an zu rappen, anfänglich in öffentlichen Orten des Münchner Bahnhofsviertels, wie zum Beispiel in der Straßenbahn, bis sie dann 2011 erstmals auf einem Festival auftrat. Ebows Musik dreht sich rund um den Feminismus, Antirassismus und queeren Lifestyle. Sie hat bis jetzt drei Alben publiziert. In ihrem Song „K4L“ stellt Ebow die elendige Situation für Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland dar und weist damit auf deren Diskriminierung hin. Sie kommt diesbezüglich auf den ehemaligen SPD-Politiker Sarrazin zu sprechen, der mit seinem rechtsextremen Buch „Deutschland schafft sich ab“ für kontroverse Diskussionen gesorgt hat.

Ihr seid sauer wenn
Die Straßen schlauer klingen
Als all eure Magazine
All eure Sarrazine
Alles nur Parasiten
Sauer wenn ich Para kriege
Als wär ich die Katalyse
Eures fucking Problems
Lest am Sonntag die Bild
Als wär es die Bibel des fucking Problems

Ebow auf "K4L"

Mittels aussagekräftigen Lines und eingängigen Beats, schafft es Ebow in dem männerdominierten Genre des Raps über Gleichberechtigung aufzuklären. Sie bewegt sich allerdings nicht nur in der deutschen Musikszene - als „Blaqtea“ tritt sie in dem englischsprachigen HipHop und R&B Trio „Gaddafi Gals“ auf. Im Gegensatz zu Ebow als Solokünstlerin, sind die Sounds von Gaddafi Gals etwas ruhiger aber auch abgefahrener. 

Ebow aka. Blaqtea ist eine vielseitige, immer bekannter werdende Künstlerin, die nicht nur auf wahnsinnig gefällige Beats achtet, sondern in ihren Texten auch für eine gerechtere Welt kämpft. An dieser Stelle würde ich gerne eine Ohrwurmwarnung aussprechen und darauf hinweisen, dass ihre Musik an alle zu empfehlen ist, die gerne Musik hören. Bei ihren Sounds ist garantiert für jeden etwas dabei!

Carlotta Sohns

Jamila Woods

 Melodische Beats vor dem Hintergrund inhaltlicher Tiefe: Davon ist die Musik der US-amerikanischen Rapperin und R’n’B-Künstlerin Jamila Woods geprägt. Ihr sanfter Flow und die lyrischen Texte, die auf ihre zusätzliche Beschäftigung als Poetin hinweisen, stehen dabei in starkem Kontrast zu den ernsten Themen, die sie übermitteln will.

Woods künstlerische Karriere startete nach ihrem Studium an der Brown University, als sie mit einer ehemaligen Kommilitonin die Soul-Pop-Band Milo&Otis gründete. Nach zwei veröffentlichten Alben trennte sich das Duo schlussendlich 2014. Im selben Jahr erschien ihr Debütalbum „Heavn“, in dem sie offen das Leid und die Probleme der Black Community thematisiert, und dabei vor allem das von weiblichen PoC.

 The camera loves us, Oscar doesn't
Ain't nobody checkin' for us
Ain't nobody checkin' for us
They want us in kitchen
Kill our sons with lynchings
We get loud about it
Oh now we're the bitches
Look at what they did to my sisters
(Last century last week)

Jamila Woods auf „Blk Girl Soldier“

In diesen Lines kritisiert Woods die Ausbeutung und Aneignung der Kunst von BIPoC, während diese weiterhin bei Preisverleihungen wie dem Oscar unterrepräsentiert sind.  Außerdem nimmt sie Bezug auf den strukturellen Rassismus, Polizeigewalt und dessen langjährige Geschichte. 

 Die Schicksale der Black Community und dabei insbesondere auch der Frauen ist prägend für ihre Kunst, so ist auf ihrem zweiten, 2019 erschienenen Album „Legacy! Legacy!“  jeder Track eine Hommage an eine:n BIPoC Künstler:in, und dabei auch nach diesen benannt. Bei den durch die Tracks repräsentierten Personen sind unter anderem die Malerin Frida Kahlo und der Schriftsteller James Baldwin. Dass Woods Inspiration durch das Werk anderer Künstler:innen aus der Black Community zieht, zeigt sich auch auf einem Track ihres ersten Albums, in dem sie Freiheitskämpferinnen würdigt:

 Assata was a freedom fighter
And she taught us how to fight
Rosa was a freedom fighter
And she taught us how to fight

Jamila Woods auf „Blk Girl Soldier”

 Größere Bekanntheit erlangte Woods unter anderem durch das Feature von Chance The Rapper auf ihrem 2014 erschienenen Track „LSD“, mit dem sie bereits zuvor zusammengearbeitet hatte. Außerdem erschien sie 2016 als Feature auf „White Privilege 2“, auf dem Macklemore und Ryan Lewis ihre Privilegien reflektieren und dabei von Woods im Outro begleitet werden.

Durch ihre tiefgehenden Texte und ihre emotional geladene Musik, die auch den Stolz auf die Black Community ausdrücken, wurde Woods zu einem der Sprachrohre der „Black Lives Matter“-Bewegung und zu dem junger Frauen in der BIPoC-Community.

Eva Heiligensetzer

 

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Alexander Aßmann, Carlotta Sohns, Alexia Lautenschläger, Eva Heiligensetzer
28.03.2021 - 23:22
  Kultur