Berlinale Log #3

Nebenan

Schauspieler Daniel Brühl feierte auf der Berlinale sein Debut als Regisseur. Das Kammerspiel "Nebenan" bedient sich thematisch bei Meisterwerken wie "Parasite" und "Birdman", droht dabei aber oft in die Richtung von „Malcolm und Marie“ abzurutschen.
Nebenan
Nebenan

Berlinale Logbuch #3

Zum ersten Mal ist am dritten Abend der Berlinale die Anwesenheit von Stars zu erleben. Bisher hatten viele Schauspieler:innen und Regisseur:innen aus Corona-Gründen nicht in persona erscheinen können.

Daniel Brühl freilich ist es nicht, der an diesem Samstagabend vor der Leinwand des Freilichtkinos Friedrichshain auftritt. Der deutsch-spanische Schauspieler (Good Bye Lenin; Captain America – Civil War) wird per Videogruß aus Spanien auf die Leinwand übertragen – er kann bei der Premiere seines Debuts als Regisseur leider nicht persönlich anwesend sein.

Stattdessen darf das Publikum Peter Kurth mit lautem Applaus willkommen heißen. Der Schauspieler ist in den letzten Jahren mit Filmen wie „In den Gängen“ oder der Serie „Babylon Berlin“ immer mehr ins Rampenlicht gerutscht und darf sich zusammen mit dem Produzenten des Films vor dem Publikum interviewen lassen. Es wird nicht das letzte Mal an diesem Abend sein, dass Peter Kurth Daniel Brühl erfolgreich die Show stiehlt.

Dieser inszeniert sich in seinem Debutfilm selbst als erfolgreichen Schauspieler, der passenderweise ebenfalls Daniel heißt. Kein Zufall, denn schnell wird durch biografische Parallelen der Figur zu Daniel Brühls Karriere klar, dass hier mit dem Starbild des Schauspielers selbst gespielt wird.

Nebenan

Film-Daniel wohnt in einer Luxuswohnung in Berlin-Mitte und ist auf dem Sprung zu einem wichtigen Vorsprechen für einen Hollywood-Superheldenblockbuster, als er einen Abstecher in seine Stammkneipe wagt. Dort wartet Bruno (Peter Kurth) auf ihn, der ihn um ein Autogramm bittet und in ein Gespräch verwickelt.

Hinter Bruno verbirgt sich niemand geringeres als Daniels Nachbar, dessen Vater einst im Zuge der Gentrifizierung weichen musste, um Platz in Daniels neuer Wohnung zu machen. Bald wird klar, dass Bruno nicht so unschuldig ist, wie er scheint. Er will Rache nehmen – und die hat er lange und ausgetüftelt vorbereitet.

Nebenan
Peter Kurth, Aenne Schwarz, Daniel Brühl

Was in diesem circa 90-minütigen Kammerspiel folgt, ist ein unterhaltsames Schauspiel-Duell der beiden gegensätzlichen Figuren, das immer wieder eine neue Wendung und Überraschung parat hat und deshalb nicht langweilig wird. Dafür sorgt neben dem guten Schauspiel das pointierte Drehbuch von Daniel Kehlmann, das einige unterhaltsame Dialoge parat hat.

Auf der Meta-Ebene siedelt sich Daniel Brühls Regiedebut irgendwo zwischen „Parasite“ und „Birdman“ an. Während sich auf der einen Seite arm und reich, Gewinner und Verlierer, Ost gegen West, abgehoben gegen bodenständig, Weltbürger gegen Urberliner ein Duell liefern, das immer intensiver wird, hinterfragt Brühl auch immer die Kunst des Schauspielens selbst. Da gibt es eine Szene, in der Brühl und Kurth gemeinsam das Drehbuch einer lächerlichen Superhelden-Szene lesen. Am Ende ist die Frage auch, wer der beiden Schauspieler seine Rolle besser spielt – Kurth oder Brühl?

Peter Kurth schneidet in diesem Kampf auch deswegen besser ab, da seine Figur von vornherein deutlich interessanter und irgendwie auch sympathischer ist. Schon früh tut Daniel Brühl alles, um sich selbst als so arrogant wie möglich darzustellen.

Selbstinszenierung

Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Daniel Brühl hier im Kern einen Film über sich selbst gedreht hat. Der Schauspieler verarbeitet offensichtlich persönliche Erfahrungen in seinem Film und durch die klar autobiographischen Anleihen wirkt diese Selbstinszenierung mitunter befremdlich. Eine neutrale Instanz auf dem Regiestuhl hätte dem Duell mehr Raum zum Atmen gegeben. Jegliche Ambivalenz muss sich hier zwangsläufig auflösen in Selbstironie. So gerät „Nebenan“ mitunter zum Zynismus – es bleibt kein Raum für eine ehrliche Perspektive.

Da kommen düstere Erinnerungen hoch an „Malcolm und Marie“, das Netflix Kammerspiel in Schwarz-Weiß, das uns Anfang des Jahres ebenfalls mit den ausufernden individuellen Sinnkrisen privilegierter Künstlerseelen quälte.

Im Vergleich dazu ist „Nebenan“ immerhin ein unterhaltsamer Film geworden, dem ein gewisser Charakter nicht abzusprechen ist. Innovative Regie-Einfälle hat Daniel Brühl darüber hinaus nicht zu bieten, das hat aber wohl auch niemand erwartet.

So fügt sich „Nebenan“ irgendwie ein in diesen Berlinale Wettbewerb und beschert einen unterhaltsamen Kinoabend. Er kreist aber zu sehr um sich selbst, verliert sich in Spielereien und hat letztendlich nicht viel Neues zu sagen.

Am Ende des Abends darf ich für den „Publikumspreis“ der Berlinale in Schulnoten abstimmen. Ich gebe „Nebenan“ die Note 3.

Nebenan (DE 2021; R: Daniel Brühl mit: Daniel Brühl, Peter Kurth, Aenne Schwarz) 

 

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Weitere Infos:

  • Programm des Summer Specials 2021 der Berlinale
  • Nebenan (DE 2021; R: Daniel Brühl mit: Daniel Brühl, Peter Kurth, Aenne Schwarz)