DOK 2021

NASIM: Ein Portrait aus Moria

Ausgedehnte Marktgänge, Gespräche mit den Verwandten und das Starren in die Leere: Dinge, die für Nasim zum Alltag im Geflüchtetenlager Moria gehören. Die afghanische Mutter wird bei all dem begleitet – auch, als das Camp plötzlich Feuer fängt.
Eine Frau steht vor einem brennenden Hintergrund in der Nacht.
Nasim

Seit zwei Monaten sind die NATO-Truppen aus Afghanisten abgezogen. Das Land ist nun einer Regierung der Taliban überlassen, einer deobandisch-islamistischen Terrorgruppe. Im Zuge dieser politischen Veränderungen versuchten viele Afghan:innen ihr Land zu verlassen. Abschiebungen aus Deutschland nach Afghanistan wurden eingestellt, geflüchtete Ortskräfte verharren in europäischen und US-amerikansichen Asylunterkünften und warten auf die Mühlen der Bürokratie. Doch das ist nur ein Bruchteil von denjenigen, die dem Taliban-Regime gern entflohen wären. 

Nasim, eine Mutter von zwei Söhnen, bekam die Machtübernahme der Taliban nicht mehr vor Ort mit. Sie verließ Afghanistan schon vorher. Über den Iran ist sie mit ihrer Familie auf die griechischen Insel Lesbos gelangen, wo sie im Geflüchtetenlager Moria seitdem gemeinsam leben. Moria ist wohl das mitunter bekannteste Camp Europas, das wegen seiner Überfüllung auch den Namen "der Jungle" trägt. Von Nasims Vergangenheit bekommen die Zuschauer:innen allerdings nur aus erzählten Erinnerungsfetzen etwas mit. Grundsätzlich setzt der Film nicht auf erzählende Elemente, Rückblenden oder Interviews. Vielmehr wird von einem dokumentarischen Stil Gebrauch genommen, der versucht, den betroffenen Personen – allen voran die Protagonistin Nasim – zu begleiten und ihnen eine Bühne zu schenken.  

Der Alltag in Moria 

Nasim wird also vor allem begleitet. So, dass man als Zuschauer:in fast vergisst, dass man sie dabei überhaupt beobachtet. Wir sehen sie beim Einkaufen auf einer kleinen Passage auf dem Zeltplatz, die von Lebensmittelständen umgeben ist. Wie auf einem städtischen Markt werden die Preise der jeweiligen Gemüsesorten miteinander verglichen. Viele Sequenzen zeigen die Afghanin, wie sie an ihrer Zeltwand lehnt, Gesprächen von anwesenden Personen lauscht und gedankenverloren ins Leere blickt. Immer wieder tritt sie aber auch in Interaktion mit anderen Campbewohner:innen. Allen voran mit ihren zwei Söhnen, denen sie trotz der Umstände eine sichere Kindheit und Jugend garantieren möchte. Wir lernen auch andere ihrer Verwandten kennen, bei denen sie sich öffnen und über die Beziehungsprobleme mit ihrem Ehemann sprechen kann. Zwischendrin aber immer wieder lange und stille Szenen, die Zeltspitzen und umliegende Olivenbäume zeigen. Die detaillierte Darstellung von Nasims Alltag lässt den Film teilweise etwas langwierig erscheinen und trifft damit genau das Kernstück der Welt in Moria: das Warten auf Veränderung. 

Das Feuer

Nasim steht vor dem brennenden Lager Moria.
Der Brand in Moria stellt das Leben von Nasim nochmal auf den Kopf.

Mit dem letzten Drittel des Films beginnt ein Plottwist, den die Filmemacher nicht geplant haben können. Im September 2020 fängt das Camp Moria an zu brennen. Damit wird auch Nasims Alltag unvermeidlich in Bewegung gesetzt. Die Bilder sind einnehmend: in den dunklen Himmel empor speiende rot-gelblich leuchtende Qualmwolken, sprühende Funken, wirres Gerede und dicht aneinander gedrängte Menschenmengen in den engen Gassen des Camps, die ihr wichtigstes Hab und Gut in den Händen halten und versuchen, einander nicht zu verlieren. Sofort wird klar, dass der Brand ein Wendepunkt für die Menschen vor Ort sein wird. Noch während der Dämmerung finden sich die Obdachlosen in den äußersten Auswüchsen des Camps hinter einem Waldstrich ein, die Stimmung ist ratlos. Zwei Tage und Nächste folgt die Kamera dem Menschenzug, der einen Ort sucht, an dem man rasten und unterkommen kann. Demonstrationen von Betroffenen beginnen und wir sehen wieder Nasim, wie auch sie inbrüstig Worte in die Ferne brüllt: die Forderung nach Veränderung, auf die sie alle schon zu lange warten. 

Und ändert sich jetzt was?

Ja, phasenweise mag der Eindruck entstehen, man müsse sich als Zuschauer:in durch diesen Film beißen. Aber vielleicht ist genau das auch nur fair, wenn man "Nasim" aus der Perspektive eines weißen, westeuropäischen Menschen sieht. Während des DOK Leipzig waren sowohl die Filmemacher als auch Nasim selbst vor Ort und beantworteten nach den Vorführungen Fragen des Publikums. Ihre hauptsächliche Ambition, so erklärte Nasim in einem Interview, sei es in erster Linie gewesen, ein Bild für die Verhältnisse im Camp nach Europa zu tragen. 

Ich hatte ein Ziel und das war: der Welt zeigen, was der Zustand hier ist. Ich glaube wir konnten zumindest einen Teil, einen Überblick darüber geben. Das war für mich eine positive Erfahrung.

Nasim

Auch wenn der Brand in gewisser Hinsicht einen Neuanfang für das Camp in Moria eingeleutet haben mag, bleiben die Bedingungen weiterhin menschenunwürdig. Und da sind noch andere Lager an anderen EU-Außengrenzen, von denen es weniger Bestandsaufnahmen gibt, wie aus Lesbos. Der Dokumentarfilm "Nasim" bietet eine Möglichkeit sich mit unbequemen Wahrheiten auseinanderzusetzen, die nicht vergehen, indem man wegsieht. 

"Nasim" von Ole Jacobs und Arne Büttner lief auf dem DOK Leipzig 2021 im Deutschen Wettbewerb langer Dokumentar- und Animationsfilm um die Goldene Taube. Vom 01.11. bis zum 14.11.2021 kann er online gestreamt werden.

In unserem "Gretchen schaut DOK"-Podcast besprechen wir NASIM nochmal ausführlicher:

 

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NASIM feierte seine Weltpremiere auf dem 64. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm.

Regie: Ole Jacobs und Arne Büttner  
Laufzeit: 120 min., Farbe
Land: Deutschland
Sprachen: Dari, Persisch (Farsi), Griechisch, Französisch

Gretchen schaut DOK

In unseren Gretchen Specials sprechen wir ausführlich über die Highlights des diesjährigen DOK Festivals. 
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