Wissenschaftsfreiheit an der Uni Leipzig

"Man wird ja wohl noch..!"

Nur wenige Fragen wurden in den letzten Jahren kontroverser diskutiert als die, die sich um geschlechtsneutrale Sprache oder generell den Begriff "Identitätspolitik" ranken. Doch ist von diesen Debatten die Wissenschaftsfreiheit bedroht?
Bunte Flaggen vor Uni
Regenbogenflaggen vor der Uni Leipzig

Im Februar 2021 gründete sich das "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit". Die 70 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beschreiben in ihrem Manifest, dass immer mehr von Ihnen in das Visier von ideologischem Aktivismus geraten würden und ihre Tätigkeit zunehmend unter moralischen und politischen Vorbehalt gestellt werden würde.

[Es...] wird der Versuch unternommen, Forschung und Lehre weltanschaulich zu normieren und politisch zu instrumentalisieren.

Manifest des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit

Das Netzwerk erfährt große mediale Aufmerksamkeit. In konservativen Kreisen werden die Statements begrüßt. Die Formulierungen des Netzwerks gießen Öl auf das Feuer der ohnehin schon hitzig diskutierten Fragen um “Cancel Culture”, “linke Identitätspolitik” und der oft formulierten Phrase, was denn überhaupt noch gesagt werden dürfe.

 

Die Frage des “Wie”

Progressive Stimmen der Gesellschaft behaupten: alles dürfe gesagt werden, das garantiert das Grundgesetz. Die Frage sei bloß, wie man es sagt. Und gerade an Universitäten sei eben ein Umfeld wichtig, in dem sich niemand diskriminiert fühle. Rassistische Sprache oder ein binäres Geschlechtersystem gehörten nun einmal nicht dazu.

Vertreter und Vertreterinnen des “Netzwerks Wissenschaftsfreiheit” sehen darin allerdings eine Gefahr für freien Diskurs und Forschung. Auch 10 Angehörige der Universität Leipzig gehören dazu - sie sind wie Prof. Dr. Schwarz Mitglied im Netzwerk und sorgen sich über Konformitätsdruck und Diffamierungen.

Umstritten ist ein sehr beliebtes Adjektiv, welches tatsächlich bereits in die Dynamik eingreift, Personen zu diffamieren.

Prof. Dr. Matthias Schwarz, Mathematiker

Gleichzeitig gehören dem Netzwerk zu 90% männliche Wissenschaftler an. Geht es hier womöglich bloß um die Ängste einer akademischen und meist weißen Elite, die sich nicht mit Gendern und postkolonialen Strukturen befassen möchten?

Ganz so einfach ist es nicht, findet der Sozialpsychologe Prof. Dr. Oliver Decker.

Das folgt einer Dynamik in der Gesellschaft der Polarisierung in der sich die Positionen sehr früh gegenseitig abgrenzen. [...] Deswegen kann ich eine Debatte im Moment nicht wahrnehmen.

Prof. Dr. Oliver Decker, Sozialpsychologe

Bunte Flaggen vor Uni
Regenbogenflaggen vor der Uni Leipzig

 

Geht es um Einzelfälle oder ist das Problem strukturell?

Vielen Studierenden ist es ein großes Anliegen, historisch gewachsene Ungerechtigkeiten zu reflektieren und sie in Sprache und Handeln nicht weiter zu reproduzieren. Dadurch werde aber keinesfalls die wissenschaftliche Freiheit eingeschränkt. Felix Novacic engagiert sich bei den kritischen Jurist:innen, die das auch so sehen.

Umstritten finde ich ein gutes Wort [...]. Es ist einfach ein Streit und nichts anderes.

Felix Novacic, Kritische Jurist:innen Leipzig

Zwei Positionen

Gemeinsam mit Prof. Schwarz und Felix Novacic haben wir ein Gespräch geführt über Vorfälle in Leipzig, Männer im "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" und das Verhältnis von Lehrenden und Lernenden.

Gesprächsrunde mir Prof. Dr. Matthias Schwarz und Felix Novacic
Gesprächsrunde mir Prof. Dr. Matthias Schwarz und Felix Novacic

 

 

 

Kommentieren

Jan Arne Friedrich
08.12.2021 - 10:46

Zum Weiterlesen und -hören: