Interview: Lara Rüter

"Lyrik ist radikaler als Prosa"

Die Leipziger Autorin Lara Rüter über ihren Weg zur Lyrik, moderne Merkmale von Gedichten und einer ausgeprägten Faszination für antike Mythologie und Mensch-Sein in der heutigen Zeit.
Thema: Form, Lara Rüter im Interview
Die Lyrikerin Lara Rüter im Interview bei mephisto 97.6.

Hier der Beitrag zum Nachhören (mit Rezitation eines ihrer Gedichte): 

Interview Lara Rüter, Autorin: Miriam Wüst
Interview Lara Rüter   

Lara Rüter schreibt Geschichten seit sie ein Kind war. Den Weg zur Lyrik fand sie über Umwege während des Studiums der Kulturwissenschaft in Hildesheim. Nach und nach verfestigte sich der Traum, Schriftstellerin zu werden und sie begann erneut zu studieren - am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, bekannt für die Lehre der Schriftsprache. Währenddessen fing sie an, eigene Gedichte zu veröffentlichen in Zeitschriften wie dem Literaturmagazin Bella Triste. Heute schreibt sie an ihrem ersten eigenen Gedichtband und hat bereits mehrere Preise gewonnen, wie 2020 den Caroline-Schlegel-Förderpreis. Dabei brauchte es erst die Erkenntnis, dass die Prosa sie in ihrer Form zu sehr einschränkt, um überhaupt zur Lyrik zu gelangen. 

Die Lyrik ist für mich ein viel radikalerer Raum als die Prosa, weil man genauer sein muss, weil man musikalischer sein muss, weil man konzentrierter arbeiten muss. Und weil man den Raum auf dem Papier anders erobern muss als mit einem Fließtext. 

Für Lara Rüter war das jedoch kein bewusster Schritt, von der Prosa Abstand zu nehmen, sondern das hat sich einfach so entwickelt. Denn Lyrik kann allein durch die Form einen Raum bieten, indem viel mehr erzählt werden kann als bloß Alliterationen oder Metaphern. 

Mythologie und Moderne

Die Gedichte von Lara Rüter handeln von alltäglichen Themen wie Liebe und suchen Antworten nach der Frage, was es eigentlich bedeutet, ein Mensch in der heutigen Zeit zu sein. Dabei werden diese vermischt mit Motiven aus der antiken römischen und griechischen Mythologie. Eine Faszination dafür hat sie ebenfalls seit Kindheitstagen. Für sie ist die Einarbeitung von Mythen ein Weg, um die Welt besser verstehen zu können und Gemeinsamkeiten in ihr zu finden. Ihre Gedichte beinhalten also eine Verschmelzung von gegensätzlichen Motiven der Antike und Moderne, wodurch man als Leser:in mitunter das Gefühl hat, in einer Fantasiewelt zu stecken. 

Das Kombinieren von [Mythologie und Computersprache] kommt eher aus den Fragen, die ich mir stelle. In was für einer Welt leben wir? Wie versuchen wir unsere Welt wahrzunehmen? Und diese Reizüberflutung, diese unglaublich vielen verschiedenen Facetten des Lebens versuch ich irgendwie so zu kombinieren. Diese Gleichzeitigkeit von allem so zu verstehen.

Ein besonderes sprachliches Merkmal ist die Verwendung von "Computer-Jugendsprache", wie der kreuzer im April 2021 sehr passend titelte. Das äußert sich vor allem durch das Verwenden von Anglizismen und Verszeilen, die sich wie Textnachrichten lesen. In der einen Zeile spielt sie mit griechischen Begriffen, in der Nächsten schreibt das lyrische Ich eine Nachricht in sein Handy. Zudem schreibt sie in ihren Gedichten alles klein. Merkmale für die moderne Lyrik? Laut Lara Rüter auf jeden Fall ein Merkmal für moderne Sprache.

Sprache verändert sich ja andauernd und es wäre glaube ich auch gelogen, so zu tun als würde unsere Alltagssprache keinen Einzug in die moderne Literatur haben. 

Sprachliche Formen wie Anglizismen können also als Begleiterscheinung des Sprachwandels betrachtet werden und sind dadurch auch ein Teil der modernen Lyrik. 

Hat die Lyrik eine Zukunft?

Die Lyrik hat oft den Ruf, ein verstaubtes Genre zu sein. Besonders, weil man meistens zuerst an die Klassiker von Goethe und Schiller denkt und daher eher mit festen Versformen und Rhythmen in Verbindung bringt. Da tut sich die Frage auf, ob sie im Laufe der Zeit nicht immer weiter an Bedeutung verlieren und letztendlich vollkommen irrelevant werden könnte. Doch gerade in den letzten Jahren scheinen sich immer mehr junge Menschen für Gedichte zu interessieren, zum Beispiel in Form von Poetry Slams. Bei diesen werden lyrische Texte, die wie eine Mischung aus Liedtext und Gedicht wirken (Reime, wiederkehrender Refrain), einem Publikum vorgetragen.

Lara Rüter meint dazu, dass die Lyrik schon immer eine Nische war und es wohl auch immer bleiben wird. Ein Gedichteband gilt als Bestseller, wenn er 500 Bücher verkauft. Doch das Genre hat vor allem eines: eine feste Leserschaft. Auch dank dieser wird die Lyrik wohl immer einen festen Platz in der Literatur haben.     

 

 

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