Frisch Gepresst: SPIRIT OF THE BEEHIVE

Life’s a joke and then you die

Mit ihrem neuen Album ENTERTAINMENT, DEATH perfektionieren die US-Amerikaner von SPIRIT OF THE BEEHIVE ihren Sound, eine hypnotisierende Mischung aus psychedelischen lofi-Beats und Krachausbrüchen.
Plattencover SPIRIT OF THE BEEHIVE - ENTERTAINMENT, DEATH
SPIRIT OF THE BEEHIVE - ENTERTAINMENT, DEATH

Eigentlich wirkt es so, als haben sich SPIRIT OF THE BEEHIVE aus Philadelphia einen ungeschickten Zeitpunkt für die Veröffentlichung ihres vierten Albums rausgesucht. Während ihre US-amerikanische Heimat gerade dank erfolgreicher Impfkampagne erste Schritte zurück zur Normalität unternimmt, zelebriert das Trio auf ENTERTAINMENT, DEATH einen Sound, wie geschaffen für einsame Stunden in schlecht belüfteten Zimmern. Vielleicht spekulieren die drei aber auch darauf, dass das Zeitalter der Antriebslosigkeit auch nach Corona noch anhalten wird.

Sound zum Wegdriften

Auf der Höhe der Zeit klingen SPIRIT OF THE BEEHIVE in jedem Fall. Nachdem ihre ersten Veröffentlichungen noch einen klar von Shoegaze beeinflussten, verzerrten Rock-Sound aufwiesen, hat sich die Band über die letzten Jahre hinweg ihre ganz eigene musikalische Identität erspielt. Ihr Sound wirkt wie aus einer Dampfwolke, so hallig und Reverb-lastig klingen ihre Tonspuren. Indem sie ENTERTAINMENT, DEATH digital eingespielt und aufgenommen, das Mastering aber auf Tonband vorgenommen haben, hat die Band einen verführerisch widersprüchlichen Klang zwischen analog und elektronisch gefunden. Dazu trägt auch die instrumentale Mischung aus unverzerrten und verzerrten Gitarren, Synthies, Keyboard-Streichern und schichtenweise Overdubs. Schnell fühlt man sich beim Hören vernebelt, wie in einem betäubenden Rausch oder in einem  schlafwandlerischen Zustand. Immer dann aber, wenn die Wahrnehmung der Musik auf „ENTERTAINMENT, DEATH“ zu sehr in die hinteren Regionen des Gehirns zu rutschen droht, holt die Band wieder mit einem lauten Gitarren-Donner in die Realität zurück. Durchweg lebhaft wirkt da als einziger Song gleich der zweite Track THERE’S NOTHING YOU CAN’T DO. In diesem nimmt ein mechanischer Drum-Rhythmus schnell Fahrt auf, bis der Song in Schreien und Noise-Gewitter endet.

Die darauffolgenden Songs pegeln sich dann aber bei einem gleichbleibend entspannten Tempo ein. ENTERTAINMENT, DEATH ließe sich in vielen Momenten gut in eine der zahlreichen lofi- oder Vaporwave-Playlisten auf Youtube oder Spotify einbauen, wären da nicht die dissonanten Momente, die SPIRIT OF THE BEEHIVE immer wieder in ihre teils zusammengeflickt wirkenden Kompositionen einbauen. Wo die gemeinsame Sound-Ästhetik der meisten Vaporwave-Stücke außerdem auf den 80ern fußt, greifen SPIRIT OF THE BEEHIVE auch deutlicher den Psychedelic-Rock der 60er und 70er auf. So klingen unter dem Hall und der depressiven Atmosphäre immer wieder Beatles-Harmonien durch, die durch den zweistimmigen Gesang der beiden kreativen Köpfe Zack Schwartz und Rivka Ravede gut zur Geltung kommen.

„Retro“ klingt das Ganze aber dennoch nicht, eher nach postmodernem Zitatespiel. Dazu passt auch die kaputte Röhrenfernseher-Ästhetik der Musikvideos, ebenso wie die zahlreichen Samples von Tonspuren aus amerikanischen TV-Werbungen, die nicht nur Schmuckwerk sind, sondern auch in das Songwriting eingebaut werden. Der Sinn dahinter spiegelt sich wohl auch im Albumtitel wieder, der sich aus dem ersten Track ENTERTAINMENT und dem letzten Track DEATH zusammensetzt. So ergibt sich ein thematischer roter Faden, der sich als zynischer Kommentar lesen lässt: „Life’s a joke and then you die“, sozusagen. Die meisten Lyrics der Platte verhallen zwar fast nur im Unterbewusstsein, im Schlusstrack prägt sich jedoch eine Zeile ein, die im Kontrast zu den traurigen Streichern steht:

This life is a party
So sweet it’s like candy
Melts in your head

SPIRIT OF THE BEEHIVE - DEATH

Fazit:

SPIRIT OF THE BEEHIVE schaffen mit ENTERTAINMENT, DEATH ein zeitgemäßes Update psychedelischer Rockmusik. Zwischen entspanntem Vaporwave und lautem Krach, klingt die Band manchmal wie der rotzige, schlechtgelaunte Cousin poppiger Acts wie Tame Impala oder Unknown Mortal Orchestra. Dabei ist das Album auch ideales Futter für späte Stunden im Lockdown. Trotz düsterer Grundstimmung klingt es einladend und schafft eine alles verschlingende Atmosphäre, die Zuhörerinnen und Zuhörer immer wieder aufsaugt, nur um sie dann wieder abzustoßen. Das Plattencover mit dem Eingang zu einem Gruselkabinett ist dabei gut gewählt. Wer sich auf die Fahrt einlässt, kann mit ENTERTAINMENT, DEATH ein morbides Vergnügen haben.

 

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SPIRIT OF THE BEEHIVE: ENTERTAINMENT, DEATH

Tracklist:

1. ENTERTAINMENT

2. THERE’S NOTHING YOU CAN’T DO*

3. WRONG CIRCLE

4. BAD SON

5. GIVE UP YOUR LIFE

6. RAPID & COMPLETE RECOVERY*

7. THE SERVER IS IMMERSED*

8. IT MIGHT TAKE SOME TIME

9. WAKE UP (IN ROTATION)

10. I SUCK THE DEVIL’S COCK

11. DEATH

 

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 09.04.2021
Saddle Creek