Filmkritik: "The Ice Road"

Liam Neeson On Ice

Der neue Actionfilm mit Liam Neeson zeigt uns waschechte Ice Road Trucker auf einer gefährlichen Mission über die zugefrorenen Gewässer Kanadas. Ob der Film bei all der Action auch eine gute Geschichte zu erzählen weiß, erfahrt ihr in dieser Kritik.
Liam Neeson als Ice Road Trucker
Schauspieler und Hauptrolle Liam Neeson

Liam Neeson durften wir bereits dabei zuschauen, wie er sich mit Fäusten, Schusswaffen oder einem Lichtschwert über die Leinwände kämpft. Stets verkörperte er dabei das Bild eines Mannes, mit dem nicht zu spaßen ist und der seinen Weg bis zum bitteren Ende geht. In „The Ice Road“ führt dieser Weg über die Straßen auf den vereisten Gewässern Kanadas, welche unter den richtigen Temperaturbedingungen den schnellsten Weg für Transporte über Land gewährleisten. 

Der neue Film von Regisseur Jonathan Hensleigh erzählt die Geschichte des Truckfahrers Mike (Liam Neeson) und seines Bruders Gurty (Marcus Thomas). Die Brüder bekommen nach dem Verlust ihrer Anstellung in North-Dakota die Möglichkeit, einen riskanten, aber lukrativen Job unter Jim Goldenrod (Laurence Fishburne), einer lokalen Truckergröße, zu fahren, um sich den Traum von einem eigenen Truck und damit einem selbstbestimmten Leben zu erfüllen. Der Auftrag ist, Bohrköpfe in den hohen Norden Kanadas zu einer Mine zu fahren, in welcher es zu einer Explosion gekommen ist. Die Bohrköpfe sind die einzige Hoffnung auf Rettung für die verschütteten Bergleute. 

Eine Crew, die sich aus den Brüdern Mike und Gurty, Goldenrod, der rebellischen Jung-Truckerin Tantoo (Amber Midthunder) und dem Versicherungsvertreter Tom Varney (Benjamin Walker) zusammensetzt, macht sich trotz schwieriger Wetterbedingungen zu dieser Lieferung/Rettungsmission in der Hoffnung auf, dass mindestens einer der drei Trucks mit dem lebensrettenden Bohrkopf sein Ziel erreichen wird. Es beginnt eine Fahrt voller Gefahren und gegen die Uhr, denn die Luft in der Mine ist knapp, das Eis ist dünn und jede:r scheint seine ganz eigenen Motive zu haben, an diesem wahnwitzigen Unterfangen teilzunehmen.

Bekannte Prämisse in neuem Gewand

Wem diese Ausgangssituation bekannt vorkommt, der hat vielleicht schon einmal die Doku-Serie „Ice Road Trucker“ auf DMAX oder Pro7Maxx gesehen. Dieser Ableger einer Reihe verschiedener „Härtester-Job“-Reportagen erfreut sich bei mittlerweile 11 Staffeln anscheinend einer großen Beliebtheit. „The Ice Road“ greift die Prämisse der Serie auf: Ein harter Job für kernige Männer und toughe Frauen, bei dem das Wetter noch rauer ist als der Umgangston miteinander, und die Natur der große, unbarmherzige Gegenspieler für den Mensch und seine Maschine ist. Ein Beruf, in dem mit immer größerem Profit auch das Risiko wächst und es keine Gewissheit gibt, heil ans Ziel zu kommen. Der Film ergänzt das Serienformat nun um eine Geschichte über das harte Truckerleben zweier Brüder, Kameradschaft und Intrigen innerhalb der Bergbaubranche. 

Liam Neeson auf der Ice Road
The Ice Road

Das Truck-Rad neu erfinden...

...tut der Film dabei nicht. Stattdessen wird hier das altbekannte Roadmovie-Genre in einem neuen Look präsentiert. Anstatt auf den ewig selben Highways Amerikas riesige Trucks durch staubiges Niemandsland fahren zu lassen, greift dieser Film eben das reale Phänomen der Ice Trucker auf. Weit genug im Norden sind die Temperaturen phasenweise konstant tief genug, dass sich völlig neue Wege für den Landtransport erschließen. Diese temporären Ice Roads sind dabei stark reglementiert und die im Film geschilderten Gefahren sind in ihren Grundprämissen echte Hindernisse in dieser Branche. Es macht Spaß, die Protagonisten durch diese wirklich surreale Landschaft über fast unwirklich scheinende Straßen aus Eis zu begleiten. Das Phänomen der Eisstraßen wird eindrücklich und nachvollziehbar präsentiert und was Landschaft und die Natur als unbarmherzigen Gegenspieler angeht, wird ein zugleich schönes und bedrohliches Bild vom Norden Kanadas gezeichnet.

Kaltes Storytelling

So schön manche Eindrücke der gefrorenen Landschaft sein mögen und so mitreißend dieser Trucker-Spirit sein kann, so ist die Story im großen Ganzen jedoch eher so wie die Ice Roads im Film auch: eintönig und sehr geradlinig. Die Grundstruktur des Films wird sehr schnell klar und weicht wenig von den zu erwartenden Plot-Points ab: Eine Crew mit unterschiedlichen Charakteren macht sich trotz offensichtlicher Gefahren auf, um eine Mission zu bestreiten, von deren Gelingen Menschenleben abhängen. Neben den vorhersehbaren, naturgegebenen Hindernissen treten zwischen den auf verschiedene Arten persönlich involvierten Charakteren natürlich auch zwischenmenschliche Probleme auf. Über allem schwebt eine große, mysteriöse - und dann irgendwie doch nicht so mysteriöse - Verschwörung.  Es wirkt streckenweise so, als könne man sich nicht entscheiden, ob die Bedrohung von menschlicher Seite jetzt eine professionelle Verschwörung à la Mission Impossible oder Bond ist, oder doch nur ein verzweifelter Versuch einiger Amateure, die etwas zu viele Actionfilme geguckt haben, ihre Vorbilder nachzuahmen. 

Insgesamt fühlen sich die Probleme und Hindernisse mehr wie - zugegebenermaßen lebensgefährliche - Minispiele bei erzwungenen Boxenstopps an. Denn auch wenn die Gefahren hier definitiv nicht folgenlos sind und somit durchaus Gewicht für die Story haben, werden in der ersten Hälfte des Films die Charaktere und ihre Mission nicht stark genug eingeführt, als dass man bei Gefahren und in tragischen Szenen wirklich mit ihnen mitfiebern könnte. Dafür bekommen einzelnen Mitglieder der Crew einfach zu wenig Zuwendung der Geschichte. Die Charaktere wirken hier sehr schnell langweilig: Aus ihrer ersichtlichen Funktion für die Story herauswachsen und das Publikum überraschen dürfen sie leider nicht.

Herz aus Eis?

Trotz der mehrheitlich generischen Storyline und der typischen Charaktere bedeutet das jedoch nicht, den Film deswegen abschreiben zu müssen. Denn selbst wenn hier der Actionfilm nicht neu erfunden wird, macht es durchaus Spaß dabei zuzugucken und mitzufiebern, welche Möglichkeiten sich durch die Gegebenheiten der Ice Road für Auto-Action und miese Tricks bieten. Die Charaktere wachsen mit dem Film und besonders im letzten Drittel spitzt sich das persönliche Drama zusammen mit den Erlebnissen im Chaos der Mission so zu, dass die bis dahin eher schwachen Charaktere eine starke Dynamik entwickeln und der ganzen Situation den nötigen Nachdruck verleihen können. Einzelschicksale fügen sich zu einem großen Ganzen zusammen und schaffen eine solide und unterhaltsame Geschichte mit actionreichen, aber auch emotionalen Auf und Abs.

Fazit

Wer sich vor dem Kinobesuch den Trailer angeschaut hat, weiß, was man mit “The Ice Road” bekommt: Actionkino mit großen Trucks auf viel Eis und das Versprechen, dass Liam Neeson einen Grund haben wird, jemandem so richtig schön aufs Maul zu hauen. Wer ein Fan von „XY – Der gefährlichste Job der Welt“-Serien ist, generell auf Autos und Trucks steht oder einfach gerne Liam Neeson sieht, wird hier nicht enttäuscht. Und auch sonst kann man mit dem Film Spaß haben. Besonders Marcus Thomas in seiner Rolle als Gurty, habe ich sehr früh ins Herz geschlossen. Seine Leistung und Liam Neesons Präsenz lassen die Brüder-Dynamik eine unglaubliche Kraft gewinnen, die den Film in vielen schwachen Momenten aufwerten kann. Ab der zweiten Hälfte und gerade gegen Ende nimmt der Film auf eine überraschend subtile Weise emotional doch so viel Fahrt auf, dass er mich tatsächlich berühren konnte, was ich bis dahin nicht für möglich gehalten hätte. “The Ice Road” ist solides Popcorn-Kino mit Liam Neeson, das genau das einhält, was es verspricht und in ein paar Momenten sogar ein bisschen mehr bietet.

The Ice Road startet am 14. Oktober 2021 in den deutschen Kinos.

 
 

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Nils Wilken
09.09.2021 - 10:54
  Kultur

"The Ice Road"

mit: Liam Neeson, Marcus Thomas, Laurence Fishburne
Regie: Jonathan Hensleigh

Ab 14. Oktober 2021 in den deutschen Kinos.

 

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