Filmkritik: "Venom 2"

Let There Be Enttäuschung

Im zweiten Film der Venom-Reihe müssen sich Eddie Brock und Venom dem psychopatischen Massenmörder Cletus Kasady und seinem Symbionten Carnage entgegenstellen. Das klingt nach Gemetzel. Ob der Film hält, was er verspricht, erfahrt ihr hier.
Carnage

Der zweite Teil von Marvels Venom-Reihe erkundet wieder einmal die dysfunktionale Beziehung zwischen Eddie Brock (Tom Hardy) und seinem in ihm lebenden “Symbionten” Venom. Zum anderen erzählt Regisseur Andy Serkis die Geschichte des Serienmörders Cletus Kasady (Woody Harrelson). Dieser fühlt sich mit Eddi verbunden und kommuniziert aus dem Gefängnis heraus ausschließlich mit ihm. Mit Venoms Hilfe ermöglicht das Eddie, seiner investigativen Arbeit als Journalist weiter nachzugehen, indem er Kasadys Mordopfer findet und ihm so die Todesstrafe beschert. Doch als Kasady ebenfalls Symbiontenkräfte entwickelt, begibt dieser sich auf die Suche nach seiner geliebten Frances (Naomie Harris) und bringt dabei Tod und Verderben über San Francisco. Eddie und Venom müssen sich zusammenreißen und sich gemeinsam dem neuen Bösen stellen.

Die bewährte Marvel-Formel

Auch in diesem Venom-Film stehen ganz zentral Humor und lustige Sprüche im Fokus - zwei der Haupteigenschaften, mit denen Marvel ihre Superhelden-Blockbuster auf Massenunterhaltung und lockeres Kinofeeling auslegt. Und auch wenn das generell erstmal nicht schlecht ist und in vielen Filmen gut funktioniert, wird der Humor in diesem Film wie mit der Schrotflinte gefeuert - so groß und breit gestreut, dass natürlich einige Witze treffen (müssen) und einen abholen, aber auch vieles einfach verkrampft wirkt und mit der Zeit anstrengt und nervt. Gerade in einer Geschichte mit Carnage, der aus der Comicvorlage für Gewaltexzesse und Anarchie bekannt ist, wäre man der Figur mit etwas weniger Sinnlos-Humor und etwas mehr blutrünstigem Massakrieren gerechter geworden.

Overacting aus der Hölle

Schauspielerisch besticht der Film vor allem durch vollkommen überzogenes Overacting von Woody Harrelson und Naomie Harris als Cletus und Frances. Natürlich verlangen die Charaktere zweier psychopathischer Serienmörder nach einer etwas übertriebeneren Persona, aber das Level an unnötigem drüber-sein bringt einfach keinen Mehrwert. Das letzte mal habe ich so etwas bei Jared Letos Joker im “Suicide Squad” von 2016 gesehen. Im Vergleich dazu bringt Tom Hardys Eddie Brock kaum nennenswertes Schauspiel auf die Leinwand. Seine Performance wirkt einfach nur stumpf und klobig, verschwindet mit diesem unansprechenden Auftreten jedoch einfach im Schatten von Harrelson, Harris und den Symbionten, sodass er kaum im Gedächtnis bleibt. Die ansprechendste Charakterpräsenz haben da wirklich die computergenerierten Symbionten, welche sich auch nicht durch besondere Tiefe hervorheben, jedoch wirklich gut animiert sind und die Charaktere so zumindest oberflächlich gut abbilden. 

Venom   

Beziehungsdrama

Was einen großen Teil des Filmes im Vordergrund steht, ist die Beziehung zwischen Eddie und Venom. Die beiden, deren Dynamik mehr an Buddy-Komödien als an einen Superheldenfilm erinnert, hauen nur so mit lockeren Sprüchen um sich und scheinen zunächst in eine Beziehungskrise zu geraten, nur um wenig später doch wieder zusammenzufinden, um sich Carnage entgegenzustellen. Das kann man als Zeichen der Stärke ihrer Symbiose sehen, aber auch schlicht als gehetzte Charakterentwicklung.

Neben dieser Beziehung geht es aber auch um Cletus’ Beziehung zu Frances, welche wegen ihrer Superkräfte ins Sanatorium verlegt wurde und die er geschworen hat, eines Tages zu heiraten. Als Cletus durch Carnages Hilfe die Möglichkeit zu fliehen bekommt, setzt er alles daran, seine Liebste zu befreien, sie zu seiner Frau zu machen und Rache an denen zu nehmen, die ihnen Unrecht taten.

Was ist Carnage jetzt?

Und genau hieraus entsteht die größte Schwäche des Films: Der inkonsequente Umgang mit den Figuren Cletus Kasady bzw. Carnage: Carnage ist aus Eddies und Venoms Blut entstanden, was zwar der asexuellen Fortpflanzung der Symbionten aus den Comics entspricht, hier aber überhaupt nicht erklärt wird. Das führt dazu, dass Carnage Venom als Vater sieht. Sein Wirt Cletus wird einerseits als der skrupellose Killer schlechthin dargestellt, soll dann aber auch wieder tief im Herzen doch nur ein missverstandenes und ungeliebtes Kind sein. Mit dem Charakter des Cletus Kasady und seines Symbionten Carnage hatte man die Blaupause für einen wirklich psychopathischen Serienkiller, der Spaß am Morden und Anarchie hat und im einfachsten Sinne Boshaftigkeit und Brutalität verkörpert. Durch die ganze Liebesgeschichte und Cletus’ angedeutete Motivationen gerade auch gegenüber Eddie, wird das ganze Potential so abgeschwächt und auf ein oberflächliches Aussehen reduziert, dass man einem der simpelsten Comic-Schurken überhaupt nicht einmal die eine grundlegende Motivation erlaubt, die ihn ausmacht. Was sich nur als gescheiteter Versuch verstehen lässt, dem Charakter mehr Tiefe zu geben, nimmt ihm das, was ihn besonders macht.

Fazit

Der Film hat mich leider sehr enttäuscht. Der Charakter „Carnage“ hat für mich einen ähnlichen Charme und Reiz wie beispielsweise der des Jokers: Eine chaotische Energie, die in ihrem Wahn und dem Streben nach psychopathischer Selbstverwirklichung alles zu verschlingen droht. Nichts davon bekommt man im Film  zu sehen. Statt mehr eine morbide-humorvolle Schiene wie bei Deadpool zu fahren, die es Cletus Kasady und Carnage ermöglichen könnte, ihr Potential besser zu entfalten, setzt man auf stumpfesten Humor zwischen Eddie und Venom und schreibt Cletus eine dröge Liebesgeschichte ans Bein, die nur ausbremst. Und das bei einem Film, der eh schon genug Längen hat, die er mit hohlem Witz zu füllen probiert. Mit keiner der Figuren wird man so richtig warm und die guten Ansätze, die es gibt, werden nicht zu Ende gedacht oder verkitscht. Alles in allem bleibt der Film weit unter seinen Möglichkeiten und meinen Erwartungen zurück.

"Venom - Let There Be Carnage" läuft ab dem 21. Oktober 2021 in den deutschen Kinos.

 

 

 

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Venom 2: Let There Be Carnage

Erscheinungsdatum: 21. Oktober 2021

Regie: Andy Serkis

Mit: Tom Hardy, Woody Harrelson, Naomie Harris uva.

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