DOK 2021

Kurzfilme auf dem DOK Leipzig 2021

Von zwei Minuten bis zu über einer halben Stunde ist alles drin in der Kategorie Kurzfilme beim DOK Leipzig. Unsere Filmredakteure haben sich die Kurzfilmrolle "Aufsässige Gestalten" angeschaut und besprechen einige Filme, die hervorstechen.
"Scum Mutation" und "Anxious Body" sind zwei der Filme, die in "Aufsässige Gestalten" gezeigt wurden.
"Scum Mutation" und "Anxious Body" sind zwei der Filme, die in "Aufsässige Gestalten" gezeigt wurden.

Das internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm bietet jedes Jahr Kurzfilmen die Chance, auf der großen Leinwand präsentiert zu werden und ein großes Publikum zu erreichen. Auch dieses Jahr waren viele verschiedene Kurzfilme aus aller Welt auf dem DOK vertreten und zeigten auf unterschiedlichste Weisen, welche Ansätze es in dieser Kunstform geben kann und wie vielseitig die Themen und Visualisierungen umgesetzt werden können. Um den Aufwand, diese kurzen Filme im Kino zu zeigen, lohnenswert zu machen, wurden diese unter Oberthemen zusammengefasst und zu mehreren hintereinander als sogenannte Kurzfilmrolle präsentiert.

Die Filme

Eines dieser Kurzfilm-Features war die „Aufsässige Gestalten“-Reihe, welche die Filme „In Nature“, „Crumbs of Life“, „Steakhouse“, „Open One’s Mouth“, „Squish!“, „Anxious Body“, „The Fourth Wall“ und „Scum Mutation“ beinhaltet. Eine Zusammenstellung an Kurzfilmen, die inhaltlich von kindlich animierten Erklärfilmen im Stil der Sendung mit der Maus („In Nature“) bis hin zu computergenerierten Alptraum-Figuren mit aktivistischen Inhalten („Scum Mutations“) reichten. Der iranische Film „The Fourth Wall“ war zudem der Gewinner des mephisto 97.6 Kurzfilmpreises und konnte durch seinen einzigartigen Stil aus 2D- und 3D-Elementen sowie seine Geschichte über die Hoffnungen eines kleinen Jungen in seinen zerrütteten Familienverhältnissen begeistern.

Die Faszination des Menschlichen Körpers…

"Anxious Body" von Yoriko Mizushiri
"Anxious Body" von Yoriko Mizushiri

Der japanisch-französische Animationsfilm „Anxious Body (Fuan na karada)“ von Yoriko Mizushiri ist von den Filmen dieser Reihe wohl der sanfteste. Und das, obwohl sich dieser Film vor allem durch das wiederholte abziehen, neu verbinden und rekonstruieren von Haut mit diversen anderen Elementen auszeichnet. Dies geschieht jedoch nicht auf eine blutige oder groteske Art, wie man es vielleicht aus Horrorfilmen kennt, sondern in einem künstlich Raum und mit kalten Pastelltönen, in denen stilistisch reduzierte Elemente immer wieder miteinander verbunden werden. Es ist wie ein Kammerspiel, in dem ein visueller Dialog mit Fokus auf den Verbindungen und der Beschaffenheit von Dingen erzählt wird und gegen Ende eine Einheit bildet. Dieser Kurzfilm ist ein in sich synchronisiertes Gesamtwerk, das am Ende eine kleine Geschichte von Zerstörung und Schöpfung erzählen zu vermag, ohne ein Wort zu sagen.

„Anxious Body (Fuan na karada)“ von Yoriko Mizushiri lief auf dem DOK Leipzig 2021 im Internationalen Wettbewerb Kurzfilm und hatte dort seine deutsche Premiere. Vom 1.11. bis zum 14.11.2021 kann er online gestreamt werden.

"Scum Mutation" von Ov
"Scum Mutation" von Ov

…Und die Abgründe der Seele

Eine ganz andere Richtung schlägt der bereits erwähnte Film „Scum Mutation“ ein. In diesem bewegen sich in einer sterilen und leeren Umgebung verschiedene Figuren, deren Form und Anordnung der Gliedmaßen nicht exakt zu definieren ist. Diese Bilder allein lösen schon enormes Unwohlsein aus, dass sich allerdings recht diffus anfühlt, da im Prinzip nichts Schlimmes zu sehen ist. Die den Film begleitende Soundkulisse ist dafür um so konkreter und bestärkt das Gefühl, dass die animierten Bilder in den Zusehenden auslösen. Bei den Tönen handelt es sich um Ausschnitte von Großdemonstrationen in Frankreich, die bei Zusammenstößen zwischen der Polizei und Demonstrierenden aufgenommen wurden. Im zweiten Teil des Films weichen diese verständlichen Töne dann unverständlichem Geschrei, das zusätzlich noch verzerrt wurde. In Kombination mit den eindringlichen Fragen, die in geschriebener Form auf der Leinwand auftauchen, wird bei den Zusehenden ein hohes Stresslevel ausgelöst. Die dazu immer schneller werdende Choreografie der Figuren macht das Zuschauen zu einem wahren Alptraumerlebnis.

„Scum Mutation“ von Ov lief auf dem DOK Leipzig 2021 im Internationalen Wettbewerb Kurzfilm und hatte dort seine deutsche Premiere. Vom 1.11. bis zum 14.11.2021 kann er online gestreamt werden.

Bis an die Grenze der Aufnahmefähigkeit

Allerdings zeigt sich an dieser Stelle auch ein großer Nachteil der Zusammensetzung von acht Filmen zu einem Feature. Viele der gezeigten Filme waren für sich genommen schon sehr beeindruckend, aber auch belastend und regten zum Nachdenken oder Diskutieren an. Leider ist die Zeit dazu nicht gegeben, wenn direkt nach dem Abspann ein neuer Film beginnt. So litt vor allem „Scum Mutation“ darunter als letzter Film der Reihe zu laufen, da weder die kognitive noch emotionale Kapazität gegeben war, den Film vollends zu erfassen. Dass dieser Film, wie so viele andere Kurzfilme des DOK, eine sehr persönliche und politische Note hatte, wurde im Anschluss im Gespräch mit Macher:in Ov deutlich. Sichtlich bewegt von den Emotionen, die das Anschauen des Films immer noch bei Ov auslösen, war Ov gar nicht in der Lage, auf Fragen aus dem Publikum einzugehen. Diese großartige Möglichkeit der individuellen Entfaltung können in dieser Form im Kino nur Kurzfilme bieten, die glücklicherweise durch Förderung nicht auf Einspielergebnisse angewiesen sind und so große Freiheiten ermöglichen.

Aber dennoch gern gesehen

Kurzfilme auf dem DOK bedeuten Freiheit und Revolution. Wer die wahre Vielseitigkeit von Film erleben möchte, sollte sich die vielen einzelnen Kurzfilme anzuschauen, die von Regisseur:innen aus der ganzen Welt geschaffen werden. In ihnen werden kleine Welten geschaffen, Visualisierungsstile ausprobiert und sehr persönliche Elemente eingewoben. Nicht zuletzt sind es oft diese Werke, die den Durchbruch ermöglichen.

Ohne großen Dokumentationen oder langen Spielfilmen ihre Vorteile und Reize absprechen zu wollen, ist man das ein oder andere Mal sicher gut damit beraten, seinen eigenen Horizont zu erweitern und sich durch das Angebot an Kurfilmen zu wühlen. Dabei wird einem nicht immer alles gefallen, aber in solchen Fällen hat man dann auch zum Glück nur mal zehn Minuten darauf verschwendet und die besonderen Filme die man findet, wiegen im Vergleich so unfassbar viel mehr.

Diese und weitere Kurzfilme besprechen wir in unserer Gretchen schaut DOK-Podcastfolge:

 

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Alexander Böhle, Nils Wilken
08.11.2021 - 15:37
  Kultur

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