Frisch Gepresst: Crystal F

Intensive Therapiestunden

Der Rapper Crystal F portraitiert auf seiner neuen Platte „Das Leben danach“ seine düstersten Züge und eine erdrückend schwere mentale Phase.
Crystal F

Triggerwarnung: In diesem Artikel geht es um Depression und Suizidgedanken. Betroffene oder Menschen, die solche Inhalte belasten, sollten gegebenenfalls nicht weiterlesen.

„Alle Videos sind abgedreht, das Album ist abgegeben und morgen habe ich Geburtstag. Vor nem Jahr hätte ich nicht drauf gewettet, dass ich diesen Tag erlebe.“

– Crystal F via Instagram

Wenn Crystal F auf Social Media über sein Album spricht, zeigt er sich vor allem erleichtert darüber, dass er es bis dahin geschafft hat. Speziell im letzten Jahr befand er sich wohl in einem extrem tiefen Loch. Was sich darin so angestaut hat legt er auf „Das Leben danach“ erbarmungslos offen. Laut eigener Aussage hat er das Album ausschließlich für sich produziert, aber beim Hören kriegt man eher den Eindruck es wäre gegen ihn. Der Rapper (bürgerlich Hauke) beschreibt hier, was während seiner schlechtesten Gemütslagen in seinem Hirn vor sich ging: Den Selbsthass, die Verzweiflung, die Erschöpfung, die alle Teil einer Depression sein können. Dazu außerdem noch die Abneigung gegen sich selbst, die aufkommt, wenn man sich als den Schuldigen an der eigenen emotionalen Lage sieht. Dabei kommt ihm seine Erfahrung im Horror-Core Genre zugute, die ihm erlaubt, grausig konkrete Bilder zu malen mit denen er seine Verfassung und sein Leben beschreibt. Was er sich dabei lyrisch selber antut, geht bis zum äußersten. Über Trauer ist Crystal F hier hinaus, die Texte sind geprägt von Verzweiflung. Es sticht öfter hervor, wie sehr er das Leiden leid ist. Umso schöner, dass er einen musikalischen Ausweg gefunden hat.

„Muss alles ausmachen, will nicht mehr aufwachen.

Kann nicht mehr ausatmen, doch atme Rauchschwaden

Hab rote Augen, die Ohren rauschen

Bin ohne Glauben, totes Vertrauen"

-Crystal F auf „Rote Augen“

Emotionales Auf und Ab

Wie schafft man es also, sich als Hörer:in nicht völlig runterziehen zu lassen? Kurz: Man schafft es nicht. Das Album ist so brachial gestaltet, dass man es schon mit sehr gutem Gemüt an einem sehr sonnigen Tag hören muss um komplett von dem emotionalen Taifun verschont zu bleiben. Trotzdem wird auch neben der miesen Laune einiges geboten. Die Beats, die vor allem von John ODMGDIA oder Ikarus produziert wurden, sind extrem vielfältig. Nachdem mit einem klassichen Boom-Bap Beat eröffnet wird folgen Trap, Drill und Anleihen aus einigen Elektro-Genres. Auch wenn das erstmal durcheinander klingt, zieht sich trotzdem ein roter Faden durch und kein Song stellt einen Stilbruch dar. Crystal F hat sich im Verlauf seines Werdegangs schon häufiger an bzw. auf verschiedenen Styles probiert, sodass auch nicht der Eindruck aufkommt hier mit etwas komplett Neuem konfrontiert zu sein. Was es treffen würde wäre „moderner“. Vieles am Sound des Albums erinnert an seine vorherige Musik, nur einen Schritt weitergedacht. 

Von düster zu unterhaltsam

Bei der emotionalen Verarbeitung hilft außerdem der Aufbau der Tracklist. Nachdem man zu Beginn mit den düstersten Songs konfrontiert wird (die man über die restliche Laufzeit verarbeiten kann), nimmt das Album für vier Songs eine unterhaltsame Wendung. Hier finden dann auch gleich sieben Features statt. Es geht zwar immer noch um Schmerz und Konsum, allerdings deutlich lockerer. Den Hörer:innen soll hier sichtlich eine Erholungspause gegönnt werden. Die letzten Songs gehen dann wieder in eine ernsthaftere Richtung, jedoch ruhiger als am Anfang der Platte. Schließlich geht es hier mit Hauke auch schon fast wieder bergauf. Der Abschlusssong „Schlechtes Essen“ markiert auch für ihn persönlich „den Punkt, ab dem es bergauf gehen konnte“. Und einem der Gründe dafür widmet er mit „Katzen“ einen ganzen Song, auf dem mit seinen zwei Katzenbabys das eigentliche Feature-Highlight vertreten ist.

Beeindruckend bedrückend

„Das Leben danach“ ist nichts für schwache Nerven. Wer allerdings mit dem Thema zurechtkommt, kann die Finesse genießen, mit der es lyrisch und musikalisch umgesetzt wurde. Die Texte portraitieren Hauke zwar gespenstisch verzerrt, aber auch sehr deutlich. Obwohl sich der rote Faden der Stimmung konstant durch das Album zieht, behandelt jeder Song etwas anderes und die Produktion gestaltet daraus eine individuelle Geschichte. Ob die Gänsehaut sich lohnt, muss jede/r selbst entscheiden, aber sie ist auf jeden Fall hochqualitativ.

 

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Crystal F: Das Leben danach

Tracklist:

1. Abgesägte Schrotflinte
2. Schockschwerenot
3. Genug *
4. Du willst mit mir gehen
5. Komm wir tun mir weh
6. S4distentreff 4
7. Stehen geblieben
8. Blau, Grün, Gelb
9. Was fühlst du noch
10. Katzen *
11. Wach sein *
12. Rote Augen
13. Schlechtes Essen

*Anspieltipps der Redaktion

 

 

 

Erscheinungsdatum: 11.06.2021
Ruffiction Productions