Interview: Lukas Rietzschel

Inneres über äußere Bilder zeichnen

Lukas Rietzschel wird auch als die junge Stimme des Ostens bezeichnet. Zwei Romane, ein Theaterstück, ein Online-Tagebuch und journalistische Texte machen ihn zu einem ausgezeichneten Gesprächspartner über die verschiedenen Formen der Literatur.
Thema: Form, Lukas Rietzschel im Interview
Der Autor Lukas Rietzschel im Interview bei mephisto 97.6.

Das Interview zum Nachhören:  

Carla Geiger im Gespräch mit Lukas Rietzschel
Interview mit Lukas Rietzschel

„Tobi fragte sich, wo die Bierflasche herkam. Sie hatte so schnell und leicht auf dem Kopf des Sorben nachgegeben. Danach wieder die Schreie und Rufe. Junge Männer, die andere zurückhielten oder schubsten. Das Stillstehen und Stillliegen der Menschen auf ihren Badetüchern. Mutter unter ihnen.“

Lukas Rietzschels Debütroman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ geht unter die Haut. Der Autor erzählt darin auf einfühlsame Weise die Geschichte zweier Brüder, die in der sächsischen Provinz aufwachsen. Dabei ist die Verortung auf dem Land bewusst gewählt, denn Lukas Rietzschel ist selbst in der Oberlausitz aufgewachsen. 1994 in Räckelwitz geboren, ist er dem Osten Deutschlands treu geblieben und lebt heute in Görlitz.

Schreiben für die Bühne

Im digitalen Interview spricht Lukas Rietzschel über seine neuen und auch seine älteren Texte. Denn er hat nicht nur einen Roman geschrieben, vor zwei Wochen feierte sein Stück „Widerstand“ Premiere am Schauspiel hier in Leipzig. In grellen und ab und zu auch trüben Farben wird die Rückkehr der Protagonistin Isabelle in ihren provinziellen Heimatort inszeniert. Dabei treten die Risse zwischen Großstadtleben und Dorfexistenz deutlich zutage. Isabelles Vater versinkt in seiner Politikverdrossenheit und entgleitet der Gesellschaft mehr und mehr. „Wen man umbringen müsste, das ist der Staat“, sagt er. Wie und warum ein solcher Frust in Gewalt umschlägt, das verhandelt Lukas Rietzschel in seinem Text.

Wer brauchte schon Städte? Da hat sich etwas verschoben. Ist ein Mensch in der Stadt doppelt so viel wert? […] Auf einmal ist das die Norm. Und ringsherum veröden die Orte.

Der Vater in "Widerstand"

Das Schreiben für die Bühne war eine ganz neue Erfahrung, erzählt Lukas Rietzschel. Im dramatischen Text erzeugt er die Atmosphäre nicht wie im Roman über sensible Beschreibungen. Ihm bleiben nur die Dialoge und Regieanweisungen um die Gefühle zu transportieren. Über die tatsächlichen Bilder der Inszenierung entscheiden dann die Regie und die Kostüm- und Bühnenbildner:innen. Das mache den Prozess spannend, weil ein ganzes Team von Akteur:innen die Umsetzung gestaltet. Ganz anders, als beim Romanschreiben, wo allein der:die Autor:in den Text und die atmosphärischen Beschreibungen entwickelt.

Beim Theater ist es so, ich geb’ [den Text] weg und die arbeiten damit und erschaffen eigentlich eine Landschaft, die sie darin sehen. Und das ist für mich total spannend, weil das, was beim Roman nicht möglich ist – in die Köpfe zu schauen – auf eine Art dann auf der Bühne transportiert ist.

Im ersten Lockdown, also im März letzten Jahres, hat Lukas Rietzschel außerdem ein Tagebuch auf ZEIT Online veröffentlicht. Seine Einträge sind sehr persönlich, er beschreibt darin die ungewissen Entwicklungen in Görlitz an der Grenze zu Polen. Von einem Tag auf den anderen wurden die Übergänge geschlossen, die Menschen mussten sich plötzlich entscheiden auf welcher Seite sie die kommende Zeit verbringen wollen. 

Roman – das Medium seiner Wahl

Für Lukas Rietzschel war das Schreiben eines öffentlichen Tagebuches eine Herausforderung, denn er sagt, wie bei allen Menschen passiere in seinem Leben nicht jeden Tag etwas Besonderes. Das habe ihn animiert in seinem Alltag genauer hinzuschauen und auch für weniger Offensichtliches Worte zu finden. Als Darstellungsform findet Lukas Rietzschel ein Tagebuch aber vor allem als subjektive Dokumentation historischer Erlebnisse interessant und weniger aus literarischer Sicht. Bei all den literarischen Ausdrucksformen, bleibe der Roman für längere Texte Medium seiner Wahl. 

Das Medium Roman heißt nicht: Da ist eine Form und die muss bedient werden, sondern da wird immer wieder Neues entdeckt und […] daran zu arbeiten, finde ich reizvoll.

Der Roman lasse so viel Spielraum, vor allem auch für die Entwicklung von Atmosphären. Passend dazu erscheint Ende Juli Lukas Rietzschels neuer Roman „Raumfahrer“.

 

Kommentieren

Lukas Rietzschel, 1994 geboren, wuchs in der sächsischen Oberlausitz auf.

In seinem Debütroman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ erzählt er die Geschichte zweier Brüder, die nach der Wende in der ostdeutschen Provinz aufwachsen. Vor zwei Wochen feierte sein Stück „Widerstand“ Premiere am Schauspiel Leipzig, Ende Juli erscheint sein zweiter Roman „Raumfahrer“.

Lukas Rietzschel lebt in Görlitz.