Medien und queere Themen

Individuelle Erfahrungen ernst nehmen

Am 26. Juli organisierte die neue Leipziger Gruppe “Queering Defaults” eine Demonstration in Leipzig. MDR aktuell berichtete über die Demo und erntete dafür Kritik. Unsensible Berichterstattung zu queeren Themen ist ein grundlegendes Problem.
Queering Defaults Demonstration am Augustusplatz
Die Demo von Queering Defaults in Leipzig

 

Studiogespräch "Individuelle Erfahrungen ernst nehmen" Jakob Ahlke, Johanna Stolz
Individuelle Erfahrungen ernst nehmen   

In einem 20-sekündigen Beitrag berichtete MDR aktuell über eine Demonstration der Gruppe Queering Defaults am 26. Juli . Die Demonstration stand unter dem Motto „The future is intersectional. Queer perspectives“. In dem MDR aktuell Beitrag wurden die Teilnehmer*innen als „Homo- und Transsexuelle“ bezeichnet, die „gleiche Rechte für Menschen verschiedener sexueller Orientierungen [forderten]“. Die noch junge Leipziger Gruppe übte auf Instagram öffentlich Kritik an dem Beitrag.

Im Interview mit mephisto 97.6 erzählt Max von Queering Defaults noch einmal persönlich, was die Gruppe kritisiert:

Zum einen wurden direkt im ersten Satz die Demo-Teilnehmenden auf Homo- und Transsexuelle reduziert. Das kommt unserer Meinung nach nicht der Selbstbezeichnung von Personen und der Vielfalt von Identitäten, die vertreten waren, zu Gute. Und ist auch ein Wording, das wir so nicht ganz korrekt fanden.

Max, Queering Defaults

Darüber hinaus bezeichnete der MDR die Demonstration als Ersatz für die Christopher-Street-Day-Parade. Das, so Max, sei eine falsche Darstellung, da sie als Gruppe starke Kritik an dem unpolitischen Charakter der CSD-Paraden üben. 

MDR aktuell nimmt die Kritik ernst

Max berichtet aber auch, dass MDR aktuell sich auf die Kritik hin mit Queering Defaults in Verbindung gesetzt hat. Ein Mitarbeiter entschuldigte sich im Namen von MDR aktuell telefonisch bei der Gruppe. Darüber hinaus wurde gemeinsam erörtert, wie es zu diesem Beitrag gekommen war und in welcher Hinsicht er als problematisch empfunden wurde. Für Max war es ein “sehr kooperatives” Gespräch.

Auf Nachfrage von mephisto sagt Denise Peikert von MDR aktuell:

Für uns bei MDR aktuell sind die Anliegen queerer Menschen ein wichtiges Thema. Deswegen nehmen wir die Kritik auch sehr ernst. Aber man muss das eben auch sagen, es geht hier um Themen, die erst nach und nach von größeren gesellschaftlichen Gruppen wahrgenommen werden. Zu recht wahrgenommen werden natürlich. Aber es ist ein Lernprozess auch für uns. Gerade was sensible Sprache anbelangt, was das richtige Wording anbelangt.

Denise Peikert, MDR aktuell

Sie betont aber auch, dass insbesondere bei einem Nachrichtenformat, wie MDR aktuell, Themen verkürzt dargestellt werden müssen, um verständlich zu bleiben.

Medienberichterstattung über queere Themen – ein grundlegendes Problem

Berichterstattung zu queeren Themen ist laut Maria Bühner ein generelles Problem. Sie ist Doktorandin in der Kulturwissenschaft an der Universität Leipzig und betont den Mangel an Repräsentation:

Queere Themen sind einfach noch viel zu unsichtbar und werden dann auch zum Teil sehr undifferenziert dargestellt. Im Grunde genommen gehen da auch die individuellen Erfahrungen so ein bisschen unter. Es sind halt einfach so Schablonen, in die Menschen und ihre Erfahrungen reingepresst werden.

Maria Bühner, Doktorandin der Kulturwissenschaften an der Universität Leipzig

Außerdem betont sie die mangelnde Darstellung unterschiedlicher queerer Positionen und Identitäten. Queere Menschen in den Medien seien meistens weiß und ohne sichtbare Behinderung.

Mediale Darstellung sei aber wichtig, um zur Normalisierung von queeren Lebensrealitäten in der Gesellschaft beizutragen. Für queere Menschen selbst sei die Sichtbarkeit in den Medien wichtig, um sich repräsentiert zu fühlen, denn als Menschen brauchen wir Vorbilder. “Es kann glaube ich enorm empowern, zu sehen: Ich bin hier nicht alleine”, so Maria. 

Besser machen! Aber wie?

Max von Queering Defaults fordert Medienmacher*innen auf, die Begriffe zu verwenden, die aus queeren Communities selbst kommen, also die Selbstbezeichnungen zu übernehmen. Die Bezeichnung “Transsexuelle” aus dem MDR aktuell Beitrag  verwenden zum Beispiel nur sehr wenige Menschen als Selbstbezeichnung. Viele Trans*-Personen kritisieren den Begriff, weil er aus der medizinischen Diagnostik stammt. Der Begriff wird zwar bis heute verwendet, bewertet allerdings die Empfindungen und Erfahrungen von Trans*-Personen als krankhaft. Die hier verwendet Bezeichnung “Trans*-Personen” findet sich als Selbstbezeichnung in queeren Communities wieder. Um sensiblere Berichterstattung zu machen, können sich Medien auch an Formaten orientieren, an denen queere Personen selbst beteiligt sind, so Max. Als Positivbeispiele nennt er das YouTube-Format “Auf Klo” und den Moderator, Youtuber und Aktivisten Tarek Tesfu.

Maria fordert Medienschaffende auf, sich zu diesen Themen selbst zu bilden und zu sensibilisieren. Sie wünscht sich eine bessere Auseinandersetzung mit der Berichterstattung über gesellschaftliche Minderheiten generell und betont, dass die Vermittlung dieser Kompetenzen Teil der journalistischen Ausbildung sein sollte. Außerdem müssten queere Personen, insbesondere BIPoC (s. Infobox rechts), und ihre Expertise auch besser in die Produktion von Medienbeiträgen eingebunden werden.

“Am Ende sollte die Repräsentation genau so vielfältig sein, wie es auch die Menschen und ihre Erfahrungen sind”.

 

 

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Jakob Ahlke, Lissy Kleer
19.08.2020 - 18:10

Queering Defaults ist eine Gruppe, die sich vor kurzem in Leipzig gegründet hat. Sie bezeichnen sich als" selbstorganisierte Gruppe, die queerpolitische Arbeit leistet, zum Beispiel in Form von Workshops, Panels, Demonstrationen und über Social Media". 

Zu ihrem Instagram-Account kommt ihr hier:

https://www.instagram.com/queeringdefaults/

 

"People of Color (PoC) ist eine Selbstbezeichnung von Menschen mit Rassismuserfahrung, die nicht als weiß, deutsch und westlich wahrgenommen werden und sich auch selbst nicht so definieren. PoC sind nicht unbedingt Teil der afrikanischen Diaspora, ursprünglich ist der Begriff u.a. zur Solidarisierung mit Schwarzen Menschen entstanden. Schwarz und weiß sind dabei politische Begriffe. Es geht nicht um Hautfarben, sondern um die Benennung von Rassismus und den Machtverhältnissen in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft. Inzwischen wird häufiger von BPoC ( Black and People of Color) gesprochen, um Schwarze Menschen ausdrücklich einzuschliessen. Etwas seltener kommt hierzulande die Erweiterung BIPoC (Black, Indigenous and People of Color) vor, die explizit auch indigene Menschen mit einbezieht. Singular: Person of Color." Quelle: Glossar der Neuen deutschen Medienmacher*innen