Rediscovered: Casper

Indiebasierte Beats, echte Melancholie

"Alles Gute zum Geburtstag, bis nächstes Jahr": Caspers "XOXO" feiert seinen zehnten Geburtstag. Anlass für uns, die Platte nochmal Revue passieren zu lassen.
Casper im Jahr 2011
Casper im Jahr 2011

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Rediscovered: XOXO von Casper - ein Beitrag von Scott Heinrichs
Rediscovered: Casper - XOXO   

Anfang der 2010er-Jahre reitet der totgesagte Riese „Deutschrap“ vorsichtig auf einer kleinen Welle der Euphorie. Nach Jahren der Aggro-Dominanz an der Oberfläche und Dipset-Worshipping im Untergrund beginnt sich die Szene aus diesen starren Mustern zu lösen. Kollegah und Selfmade Records ziehen die zuvor spaßfreie Gangster-Attitüde auf ein (wort-)spielerisches Level, Tua stellt 2009 mit "Grau" neue Ansprüche an Produktion und emotionaler Tiefe im Deutschrap. Und im Internet tauchen erste Videos eines gewissen Haftbefehls auf, der zu dieser Zeit noch für seine unorthodoxen Flows und seine eigene Sprache verspottet wird. Einen ersten Aha-Effekt gab es dann aber nach Marterias Album „Zum Glück in die Zukunft“. Denn mit dessen Charterfolg sickerte so langsam eine Erkenntnis ins Bewusstsein: Deutsche Rapper können wieder Stars werden – und zwar auch außerhalb der Szene. Blieb nur die Frage: Wer wird der nächste? Die Antwort darauf gab es am 8. Juli 2011: Casper.

Zwischen Indie-Bass und Based God

Mit „XOXO“ wird Casper zum Posterboy der Deutschrap-Szene. Von einem Tag auf den anderen ist er allgegenwärtig, findet auf VIVA statt, im Musikexpress, im Radio und auf allen Festivalbühnen des Landes. Für das Feuilleton ist er der „Retter des Deutschraps“ und vor allem geht er auf die 1 der Album-Charts. Zehn Jahre später wirken solche Superlative verhältnismäßig klein, insbesondere nach dem Knacken jeder einzelnen Chartmetrik durch den deutschen Hip-Hop. In einer Zeit in der aber nur die wenigsten Rapplatten überhaupt charten, ist das ein Megaerfolg. 

Dabei waren die Jahre zuvor für Casper eher chaotisch: Jahrelang verhalten erfolgreiches Touren durch deutsche Clubs und Jugendzentren, die Veröffentlichung seines Albums "Hin zur Sonne" 2008, die unsanfte Trennung vom Label 667 Records, Signing bei Selfmade Records inklusive eines Labelsamplers, Trennung von Selfmade Records, ein verworfenes Drake-eskes Album. Zwischen ernsten Themensongs wie "Rasierklingenliebe" (2006, "Die Welt hört mich") oder "Unzerbrechlich" (2008, "Hin zur Sonne"), gab es auf den selben Platten eben immer klischeehafte Ansagesongs wie "Propeller" oder "Strasse 2" mit Kollegah. Und so inkonsequent sein Frühwerk auch schien, so deutlich wurde auch, wie musikbesessen Casper war und ist. Neben dem rappenden Casper gab es noch den screamenden Casper in seiner Band "Not Now Not Ever", der eben nicht nur den Rap-Tunnelblick hatte, sondern auch immer andere Genres wahrnahm und hörte. Insofern war es folgerichtig, dass "XOXO" keine reine Rapplatte ist. 

Und so klingt „XOXO“ mehr nach Editors und Explosions In The Sky als nach Hip-Hop-Zeitgeist. Mit Marteria gibt es zwar auch ein Rapfeature, es sind aber die Auftritte von Thomas Azier und Thees Uhlmann, die dem Album viel mehr Charakter und Richtung verleihen. „XOXO“ ist genauso viel Indie und Post-Rock wie Hip-Hop. Dabei treffen 2Pac-Namedropping, Cora-E-Zeilen und Clams-Casino-Lil-B-Referenzen ("Auf und davon" - man beachte auch den "Numb"-Remix auf der Single) auf Ian Curtis, The Smiths und Tocotronic. Die Instrumentale der Platte sind Liveband statt Samples. Klar, dass daraufhin die in den 2010er-Jahren automatisierte Diskussion darüber aufkommt, ob das alles noch Hip-Hop ist. Aber „XOXO“ ist natürlich Hip-Hop, denn Casper schreibt immer noch 12 bis 16 Bars plus Hook, nur eben über Indie-Gitarren.

Und die Top-40-Band spielt das letzte Lied im Schützenheim
Lass die Gläser knallen
Wir sind die letzte Gang der Stadt
Und wenn es heißt „Gleich vorbei!“, wer wirft den ersten Stein?
Lass die Fäuste ballen
Wir sind die letzte Gang der Stadt
Anti alles für immer

Casper in "Die letzte Gang der Stadt"

Er macht Rap wieder weich

Ein Crossover-Album macht aber noch keinen Klassiker, über den Menschen noch eine Dekade später sprechen. „XOXO“ passte perfekt in eine Zeit, in der eine Generation gerade MySpace hinter sich ließ und Tumblr entdeckte. Und in eine Zeit, in der der Status auf Facebook den Wert eines Tattoos hatte. Und so ist auch fast jede Zeile auf der Platte geschrieben: Mit der Tätowiernadel unter die Haut der Post-Rock-Instrumentals. Vielleicht hat es seitdem niemand so treffend geschafft, Oneliner zu formulieren wie Casper auf “XOXO“.

„Tragen schwarz jeden Tag bis es was Dunkleres gibt“ wird inzwischen von Popsängerinnen wie LEA zitiert, „Liebe ist Scherben fressen warten wieviel Blut man dann kotzt“ hatte wahrscheinlich irgendwer aus dem persönlichen Umfeld irgendwann als Whatsapp-Status. Dieses unheimlich pointierte Songwriting beschränkt sich aber eben nicht nur auf solche Oneliner. Casper verwandelt Depression, Trauer und Hilflosigkeit in beeindruckende Bilder und Geschichten.

Das Faszinierende am Popphänomen Casper ist die Ausführlichkeit, mit der er seine eigenen Geschichten erzählt. Trotzdem lassen die Texte immer Eigenprojektion zu, selbst wenn Casper in Songs seinen Vater erzählen lässt oder ein Datum als Songtitel verwendet. Die Texte sind zwar konkret, aber trotzdem nicht greifbar genug, um sie als Einzelgeschichte abzutun. Das hat Casper zu einem parasozialen Superstar gemacht, dem die Fans nach dem Konzert auch die eigenen Schicksalsschläge anvertrauen. Insofern ist es kein Zufall, dass der Song „So perfekt“ die größte Single der Platte wurde. Ein Rap-Song im Coming-of-Age und Highschool-Gewand, der aber nicht die Cheerleader und Footballspieler in den Fokus nimmt, sondern die Außenseiter*innen - und sie zu Gewinner*innen macht.

Bist du der, der sich nach vorne setzt?
Den man beim Sport zu letzt wählt?
Sich quält zwischen Cheerleadern und Quarterbacks?
Den man in die Tonne steckt? Nicht dein Tag, jahrelang
Dann in der Abschlussnacht ganz allein zum Ball gegang'n
Doch wenn schon scheiße Tanzen dann so, dass die ganze Welt es sieht
Mit Armen in der Luft, beiden Beinen leicht neben dem Beat
Und wenn du mit der Königin die Fläche verlässt
Sag dir, diese Welt ist perfekt
Perfekt

Casper in "So perfekt"

Das ist X und O, X und O, Bielefeld mit Hit-Niveau

Dass bei so einem Generationsporträt natürlich der Kitsch auch manchmal Überhand nimmt, ist kaum zu vermeiden. Ob es jetzt die zwar umgekehrte, aber dennoch verwaschene Highschool-Romantik auf „So perfekt“ ist oder die Zitronen auf „Das Grizzly Lied“, die eben verdammt nochmal zur Limonade gemacht werden müssen. "XOXO" zehn Jahre später nicht mehr brandneu klingt, ist aber verständlich. Musikalisch ist die von Steffen "Steddy" Wilmking und Stickle produzierte Platte in den späten 2000ern bzw. frühen 2010ern geblieben, kann dort aber auch mit erhobenem Haupt neben Editors- oder The-XX-Alben stehen. Und auch die orientierungslose Wut der Jugend ist nicht mehr ganz so richtungsfrei. Im Video zu „Blut sehen“ wird die Rebellion noch motivlos mit Sturmmaske ausgelebt. Heute holen sich Jugendliche mit klaren politischen Forderungen zumindest stückweise die Straßen zurück.

Es ist auch eigentlich zehn Jahre später noch sensationell, dass ausgerechnet "XOXO" ein Mainstream-Erfolg wurde. Ein Indie-Post-Rock-Hip-Hop-Album an der Spitze der Charts, das ganze Stadien füllt. Im Anschluss wurden ähnliche Alben veröffentlicht, die aber nicht die gigantische emotionale Wucht von „XOXO“ haben. Egal ob Chakuza, Prinz Pi, Gerard oder Ahzumjot – keiner dieser Rapper hatte das Momentum, das musikalische Nerdtum oder die Textfertigkeiten eines Casper. Ob Casper damit letztlich Rap gerettet hat, bleibt fraglich. Er hat dem deutschen Hip-Hop aber neue Türen geöffnet. Wer weiß, ob ein Haftbefehl ein paar Jahre später im Feuilleton stattgefunden hätte, wäre Casper 2011 dort nicht omnipräsent gewesen. Dementsprechend heißt es zehn Jahre später also immer noch: Was für ein Klassiker, xoxo.

 

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Scott Heinrichs
08.07.2021 - 13:19
  Kultur

Casper: XOXO

Tracklist:

1. Der Druck steigt (Die Vergessenen Pt. 1)

2. Blut sehen (Die Vergessenen Pt. 2)

3. Auf und davon

4. XOXO (feat. Thees Uhlmann)

5. Michael X

6. Alaska

7. Der Grizzly Song

8. So perfekt (feat. Marteria)

9. Die letzte Gang der Stadt

10. 230409

11. Lilablau

12. Arlen Griffey (Prelude)

13. Kontrolle/Schlaf

Erscheinungsdatum: 08.07.2011
Four Music

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