Filmkritik: "Pleasure"

Hinter den Kulissen der Pornoindustrie

Ob als Fotos, Videos oder Live-Shows – Sex sells. Die Pornobranche ist groß und einflussreich und doch wird kaum darüber gesprochen, geschweige denn, dass man viel über die Hintergründe der Industrie weiß. Und genau da setzt der Film „Pleasure“ an...
Filmkritik: Pleasure Filmdreh

Die 19-jährige Schwedin Linnéa (Sofia Kappel) möchte unter dem Namen Bella Cherry in den USA als Pornodarstellerin groß rauskommen. Ihre Reise durch die Pornoindustrie von Los Angeles zeigt die Welt hinter der Kamera am Set. Regisseurin Ninja Thyberg erzählt von den Motivationen, Sorgen und Problemen Linnéas, die dieser Realität konfrontiert wird. Themen wie Chancengleichheit und der Einfluss des Managements, das Überschreiten persönlicher Grenzen für bessere Erfolgschancen und die emotionale Ausbeutung der Darstellerinnen werden fast dokumentarisch an ihrer Geschichte reflektiert. Dadurch entsteht eine breite Projektionsfläche für verschiedene problematische Facetten der Pornoindustrie.

Filmkritik: Pleasure Glam-Look   

Die nackte Wahrheit

Mehr als in jedem anderen Medium geht es in der Erotikindustrie darum, eine in sich geschlossene Welt zu schaffen, in der nichts von den abgebildeten Sehnsüchten und Fantasien ablenkt. Umso stärker wirkt der Kontrast, wenn man den Fokus auf die technischen und logistischen Faktoren im Hintergrund legt und zeigt, dass es doch mehr um Drehbücher und Schauspiel als um Gefühle und echten Sex geht. Vom Unterschreiben der Einverständniserklärung und dem Briefing bis hin zur Bezahlung und dem Smalltalk nach dem Dreh entmystifiziert dieser Film das Konzept des Pornodrehs und schafft ein Verständnis für die unsichtbare Arbeit, die man im Endprodukt nicht sieht.

Doch nicht nur die Dynamiken am Set, sondern auch das große Ganze der Industrie werden aufgearbeitet. So nimmt der Model-Agent Mark Spiegler, welcher sich im Film selbst spielt, mit seiner Agentur „Spiegler Girls” eine entscheidende Rolle im Film ein und ist für Linnéa das erstrebenswerte Ziel auf dem Weg an die Spitze. Doch auch andere Größen der Pornobranche spielen Charaktere in diesem Film und zeigen sehr authentisch, was sonst verborgen bleibt. Der von Chris Cock gespielte Baer ist sowohl Darsteller als auch hinter der Kamera tätig und wird zu einem der engsten Vertrauten Linnéas. Dabei steht seine Rolle stellvertretend für Probleme mit unterschwelligem Rassismus oder auch Performancedruck und Potenzmittel-Missbrauch. Andere Szenen wie die mit Ryan McLanes Figur Zander zeigen ganz klar missbräuchliches Verhalten und das Ausnutzen von Ängsten in so verletzlichen Momenten wie einem Pornodreh.

Filmkritik: Pleasure Spiegler Girls   

Das einzig Echte ist Freundschaft

Neben der Aufarbeitung der Arbeitsdynamiken steht aber auch das Menschliche, beziehungsweise Zwischenmenschliche im Vordergrund. Wie aus diversen Model- und Castingshows bekannt sein könnte, ist es nicht unüblich, dass Models und neue Talente bis zu ihrem Durchbruch oft zusammen in Häusern des Managements leben. So findet sich auch Linnéa in einer solchen Situation wieder und findet in Joy (Revika Anne Reustle), Kimberly (Kendra Spade) und Ashley (Dana DeArmond) echte Freundinnen, denen Sie sich öffnen kann und mit denen Sie ihre Träume und Probleme teilt. Ihre Träumereien über eine eigene Agentur, in der Sie selbst entscheiden können, was Sie mit wem drehen, ist eine unscheinbare Szene, fasst die Probleme aber gut zusammen. Ein sehr ehrlicher Moment, in dem die sonst so souverän und stolz mit ihrem Beruf umgehenden Frauen sich im geschützten Rahmen einige Probleme, wenn auch nur passiv, eingestehen. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, sind Freundschaft und Vertrauen zwei der wichtigsten Themen in diesem Film und geben ihm viel zwischenmenschliche und emotionale Tiefe.

Extreme, Gewalt und Missbrauch

Der große Gegensatz dazu sind Vertrauensbruch, Gewalt und Missbrauch. Thematisch wird ein Rundumschlag durch verschiedene Probleme auf unterschiedlichen Ebenen gemacht. Es geht sowohl um den Konkurrenzkampf untereinander und das zwangsweise Überschreiten eigener Grenzen, um immer mehr und bessere Jobs zu bekommen. Auch geht es immer wieder um die Frage von persönlichen Grenzen und der eigenen Unversehrtheit in einer Branche, in der Gewaltfantasien und missbräuchliches Verhalten auch als Fetisch ausgelebt und für den Dreh praktiziert werden müssen. Allgemein reicht dieses missbräuchliche oder an Missbrauch grenzende Verhalten von rein physischer und sexueller Gewalt bis hin zu dem Spiel mit finanziellen Sorgen und Karrierechancen. Dabei bedient sich der Film ganz klar sehr explizierter Bilder und Bildkompositionen und stellt sowohl Sex als auch Missbrauch und dessen Folgen in der gebotenen Drastik dar. Dies reduziert den Film jedoch nie auf bloße Provokation oder einen Softcore-Porno. Die Elemente sind niemals ein Selbstzweck und dienen immer einem größeren Narrativ.

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Fazit

„Pleasure“ ist ein sehr sexuell aufgeladener Film mit expliziten Bildern und einer harten Story rund um das Leben als Pornodarstellerin. Er greift verschiedene Aspekte einer der Öffentlichkeit weitgehend unbekannten Industrie auf und probiert ein Verständnis für die Umstände und Hintergründe zu wecken. Dabei ist der Blick definitiv ein kritischer und es werden Aspekte der Branche gezeigt, die zu kritisieren sind. Die Kritik ist aber  kein unfaires Verteufeln oder grundloses Schlechtmachen. Egal, ob ganz klar auf Missstände aufmerksam gemacht wird oder eher die Frage im Raum steht, wie man in so einer Situation verfahren sollte: Am Ende präsentiert der Film eine Kombination aus neuen Perspektiven und Anstößen zur Reflexion. Und über allem steht eine unausgesprochene Hoffnung, das ganze Thema Pornoindustrie zu enttabuisieren und mehr Verständnis für die Lebensrealität der dort Arbeitenden zu schaffen.

 

"Pleasure" läuft seit dem 13. Januar 2022 in den deutschen Kinos.

 

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Nils Wilken
16.01.2022 - 14:57
  Kultur

Pleasure

Erscheinungsdatum: 13. Januar 2022

Regie: Ninja Thyberg

Mit: Sofia Kappel, Evelyn Claire, Kendra Spade, Dana DeArmond, Revika Anne Reustle uvm.

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