Interview: Lady Wray

Hier treffen sich Hip Hop und Soul

Anlässlich des zweiten Soloalbums „Piece of me“ haben wir uns mit Lady Wray getroffen. Hier spricht sie über ihre musikalischen Wurzeln, über die Verarbeitung von alten Wunden durch ihre Musik und den Entstehungsprozess des neuen Albums.
Lady Wray
Lady Wray (Foto: Mike Coletta)

Wo bist du aufgewachsen und wie hat das deine Musik beeinflusst?

Ich bin aus einer kleinen Stadt in Virginia – Pourtsmouth. Das hat meine Musik beeinflusst, da ich mit einem Kirchenhintergrund aufgewachsen bin und auch dort meine erste Musik machte. Dort konnte ich meinen Vater und meine Großeltern beobachten, der Gospel Musik in dieser Kirchenatmosphäre zuhören und alle Leute im Kirchenchor singen hören – wie gesagt es ist eine kleine Stadt und alle gehen zur Kirche – Musik war schon immer da. Ich denke die Kirche hat mich dahin beeinflusst, vor Leuten zu singen und auf einer Bühne aufzutreten. Und abgesehen davon denke ich, dass es eine Menge Talente in Virginia gibt. Und ich hab einige dieser talentierten Personen getroffen – wie Timbaland, Missy Elliott, Pharrell, Teddy Riley. Deshalb war es mir möglich während der High School diese Leute zu treffen und unter ihnen zu sein. Ich hab all ihre Genialität aufgesogen. Das hat mich angetrieben, auch Sängerin zu werden.

 

Das sind wirklich große Namen und Musiker*innen. Du sagtest gerade, dass du in einem kirchlichen Umfeld aufgewachsen bist. Und ich persönliche habe mich schon immer gefragt: Denkst du es ist wichtig religiös zu sein um Soul Musik richtig zu verstehen oder geht das auch ohne?

Ich denke, dass eine überwiegt nicht das andere. Aber Religiösität bringt dich zur nächsten Ebene, wo Leute deine Texte, deine Passion verstehen und verkörpern. Damals gab es Sänger*innen wie Aretha Franklin, Marvin Gaye. All die haben damit angefangen, in der Kirche zu musizieren. Und wir kennen auch deren tragische Geschichten. Wie ich schon sagte, ich denke nicht, dass das eine das andere überwiegt. Das beste was du daraus bekommst ist, dass Soul und die Leidenschaft und deren wirkliche Geschichte aus dieser Religiosität heraus entstanden ist.

 

Lass uns nun zu deinem neuen Album „Piece of me“ kommen. Während ich das Album gehört habe, hatte ich das Gefühl, dass es eine Art persönliche Entwicklung auf dem Album gab. Du startest mit der Thematik von Beziehungen und wie man damit umgeht und endest mit einem eher harmonischen Einstellung – mit dem starken letzten Song „Storms“ – der davon handelt, hoffnungsvoll den Blick in die Zukunft zu richten. Was hat dich dazu gebracht über diese Themen zu schreiben?

Als ich anfing an dem Album zu arbeiten, war ich gerade im 7. Monat schwanger. Alle meine Emotionen und Hormone drehten durch. Ich habe mich gefreut wieder in einem Studio und an neuer Musik zu arbeiten. Als ich die Produktion zum ersten mal hörte dachte ich: das ist großartig. Hier treffen sich Hip Hop und der Soul, der in mir verwurzelt ist. Und auch diese tollen Producer dabei zu haben, wie Leon Michel und mit ihnen zusammen hochschwanger im Studio Songs wie „Piece of me“ zu erarbeiten. Wir fingen an das Album zu produzieren und dann waren wir alle von der Covid-Thematik beschlagnahmt. Ich denke am Ende des Tages wollte ich nah bei den Leuten sein. Zu Beginn dachte ich nur das es darum geht, Spaß zu haben und ein neues Album zu machen und eben Musik zu veröffentlich. Es ist einfach spannend zu sehen, wie wir damals starteten und wo wir dann aufhörten – denn es lief immer in Etappen. Zu Beginn gab es keine Pandemie. [...] Doch dann wollte ich eigentlich für die Durchschnittsleute meine Musik schreiben und singen, denn wir gehen alle durch die selbe Sache. Da waren wir dann am Ende meines Albums, als ich Songs wie „Under the sun“ und „Beauty in the fire“ schrieb. Damit wollte ich ausdrücken, dass wir alle das Gleiche durchmachen aber wir es schaffen werden. Denn ich gehe genauso dadurch wie du.

 

Für mich sticht der Song „Where were you“ raus. Was mir daran besonders gefällt ist, dass du darin die andere Person anprangerst. Also du versuchst nicht selber an erster Stelle mit einer schlechten Lage umzugehen, sondern fragst ganz deutlich „wo warst du“? Worum geht es in dem Song?

Der Song ist definitiv über den Anfang meiner Karriere und meiner Reise. Ich habe diesen Song kurz nach dem Auftritt in der Show „BET Finding“ im Jahr 2019 geschrieben. Denn dort war ich so nervös über meine Karriere zu sprechen, da ich das zuvor noch nie getan hatte. Sie hatten mich gefragt ob ich in der Show mitmachen möchte und ich dachte „cool, gerne“. Und dann schaute ich mir ein paar Videos von BET an und dachte darüber nach. Dabei kam der Gedanke das es Auswirkungen auf meine Karriere geben könnte. Als ich dann mit meinen Freund:innen und meiner Familie darüber sprach, sagten die zu mir „Nicole, hier kannst du das Narrativ deiner Karriere mitbestimmen. Und du musst keine Namen nennen aber du kannst sagen, wie es dir damals als Jugendliche damit ging, ins Musikbusiness einzusteigen und wie es dir jetzt damit geht“. Als ich den Song „Where were you“ schrieb, wurde die Show gerade zu Ende gefilmt und ich dachte über all die Herausforderungen nach, die ich während meiner Karriere hatte. Denn als Jugendliche gab ich meine Karriere in die Hände anderer. Und hab ich das Gefühl gehabt, dass Leute (damit) Mist gebaut haben? Das Gefühl hatte ich auf jeden Fall. Ich werfe ihnen das nicht vor, denn ich war auch noch jung. Aber als Erwachsene blicke ich darauf zurück und wollte eben genau darüber aus heutiger Perspektive noch einmal schreiben. Denn ich hatte nie die Chance, mich darüber zu äußern deshalb nutze ich heute mein Plattform. Und wenn du dich davon angesprochen fühlst, dann beißt halt der Schuh. Wenn nicht, dann genieß einfach nur den verdammten Song. (lacht)

Das ausführliche Interview gibt es zum Nachhören in unserem Podcast Tonleiter:

 

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Frauke Ott
02.02.2022 - 23:53
  Kultur