Interview: Isabelle Lehn

"Für mich ist Sprache alles"

Die Leipziger Schriftstellerin Isabelle Lehn über die Bedeutung von Sprache, ihren Roman „Frühlingserwachen“ und das literarische Spiel mit Fiktion und Wirklichkeit.
isabelle lehn
Die Leipziger Autorin Isabelle Lehn im Interview bei mephisto 97.6.

Das Interview zum Nachhören:

Minou Becker im Gespräch mit der Leipziger Autorin Isabelle Lehn
Interview Isabelle Lehn

Isabelle Lehn schreibt über Isabelle Lehn, aber ob die beiden die gleiche Person sind bleibt ungeklärt. In dem 2019 erschienen Roman „Frühlingserwachen“ zeichnet Lehn sehr persönlich und intim das Leben einer Schriftstellerin in ihren 30igern. Es geht um große Themen wie Depressionen, die Auseinandersetzung mit der eigenen Weiblichkeit oder den unerfüllten Kinderwunsch.

Die Entscheidung, der Protagonistin den eignen Namen und Eckdaten zu geben, war keine leichte aber in Lehns Augen unumgänglich, um Tabuthemen der Gesellschaft in ihrer Schonungslosigkeit anzusprechen. Neben der intensiven Selbstbeobachtung testen Lehn dabei die Grenzen des Sagbaren bis auf das Äußerste aus. 

„Man liebt ja seine literarischen Figuren und denen hätte ich nicht antun mögen, was ich dieser Figur antue, deshalb musste ich sie nennen wie mich, um ihr auch eine gewissen Härte und Schonungslosigkeit entgegenbringen zu können.“ 

Um das Leben und die Gefühlslagen der Isabelle Lehn zu beschreiben, nutzt die Autorin eine Sprache die sich durch Selbstironie, Zynismus und in weiten Teilen Emotionslosigkeit kennzeichnet. So schreibt sie beispielsweise über suizidale Gedanken oder die Quallen einer Fehlgeburt radikal ehrlich und unverblümt offen. Nach Lehn ist diese Sprache die einzige Möglichkeit tabuisierte Themen aufzuzeigen.

„Ich glaube das diese Art von Nähe, Direktheit und Ehrlichkeit nicht möglich gewesen wäre, wenn das in eine Art von Larmoyanz getriftet wäre. (…) In dem Moment, wenn man sich selbst und das was einem passiert als Literarischen Stoff behandelt findet man es großartig und wahnsinnig absurd.“ 

Das „Ich“ welches Sie dabei konstruiert dient in Lehns Augen als Identifikationsmöglichkeit aber eben auch als bewusste Selbstermächtigung und Entscheidung über das fiktive Handeln und Leben der Isabelle Lehn. 

Dabei spielt Lehn mit den Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit durch den gesamten Roman hinweg. So fragt sie selbst die Charaktere welche Eigenschaften sie gerne hätten oder welchen Namen sie tragen möchten. Mit diesem Kunstgriff lässt Lehn die LeserInnen an dem Schaffensprozess des Schreibens, mit all seinen Herausforderungen, teilhaben.

Ihr gelingt es durch eben diese schonungslose Sprache Themen der Gesellschaft zu enttabuisieren und lässt damit eine Identifikationsmöglichkeit und Diskurs zu, der wahrhaftig erscheint. Dabei lässt die Sprache der promovierten Rhetorikerin Lehn in ihrer harten Ehrlichkeit Raum für lyrisches Experimentieren mit der Sprache und es wird schnell klar, hier schreibt jemand der sich in der Sprache Zuhause fühlt. 

„Ich hab im Erzählen von Geschichten ein Fluchtraum gefunden, wo ich mich sicher und geschützt gefühlt habe. Die Welt der äußeren Eindrücke ist mir manchmal zu viel und zu laut.“ 

Für Lehn ist Sprache alles: Leben, Austausch und vieles was ihr wichtig ist und diese Liebe zur Sprache merkt man als LeserIn. 

 

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