DOK 2021

FLEE

Überfüllte Schlauchboote auf dem Mittelmeer. Männer, Frauen und Kinder eingesperrt hinter meterhohen Stacheldrahtzäunen. Mit dem Schrecken einer Flucht verbindet man vor allem den Weg. Der Schrecken bleibt aber nicht an der Grenze stehen.
Ein Mann sitzt an einem Fenster und fasst sich an den Kopf.
Flee

Betrachtet man die wahre Lebensgeschichte des Protagonisten Amins, so könnte man meinen, dass er die Flucht hinter sich gelassen hat. Sein Biografie wirkt wie eine Feel-Good-Story. So fasst Amin mit dem Satz „I got a life“ gegen Mitte des Films lakonisch zusammen, was ihm die Flucht als Kind Ende der achtziger aus Afghanistan, über die Sowjetunion und schließlich nach Kopenhagen gebracht hat. Hier kann er sich ausleben, kann studieren, kann Karriere machen und muss vor allem seine Homosexualität nicht mehr unterdrücken.

Zufrieden klingt dieser Satz dennoch nicht. Er klingt gequält. Äußerlich zeigt sie sich das in hängenden Schultern oder einem leeren Blick. Innerlich in Form von Schuldgefühlen gegenüber seiner Familie. Sein Bruder etwa hatte eine Freundin, die sich Kinder wünschte. Der Bruder dagegen wollte lieber jeden Cent für die Flucht seiner Familie sparen. Die Freundin war danach weg, der Bruder dafür in Dänemark. Aber nicht nur Schuldgefühle verfolgen Amin, auch Misstrauen gegenüber Menschen:

When you flee as a child, it takes time to learn to trust people. You´re constantly on your guard, all the time... all the time. Even when you´re in a safe place, you´re on your guard.

Obwohl Amin es also geschaffen hat, aus Afghanistan zu flüchten, sich in Kopenhagen zu etablieren und er mit Princeton sogar einer der weltweit besten Uni besuchen kann, lässt die Flucht ihn nicht los. Sein Bewusstsein und seine Wahrnehmung sind geprägt von Flucht. Geprägt von den Bildern und Erfahrungen vom Weg von Afghanistan nach Dänemark. Geprägt von dubiosen Schleppern, korrupten Moskauer Polizisten und der stetigen Angst, erwischt und abgeschoben zu werden. Kurzum: Amin ist geprägt vom Schrecken.

Ausdruck statt Detail

Diesen Schrecken versucht Amin jetzt aber zu verarbeiten. Dafür erzählt er in "Flee" seinem Freund und dem Regisseure des Films, Jonas Poher Rasmussen, seine Lebensgeschichte. Der Film spielt dafür auf zwei Ebenen. Auf der einen Ebene unterhalten sich Amin und Rasmussen in der Gegenwart an verschieden Orten, sei es in Kopenhagen oder in einem amerikanischen Hotel. Dabei wirkt das Gespräch nicht selten wie eine Sitzung beim Psychologen. Unterbrochen werden diese Sequenzen dann immer wieder von Rückblenden, in den Szenen aus Amins Kindheit, seiner Flucht über die Sowjetunion oder seiner Ankunft in Dänemark zu sehen sind.

Ganz besonders macht den Film dann neben der Thematik die Darstellung dieser Ebenen. "Flee" zeichnet sich nämlich dadurch aus, dass der Großteil des Films animiert ist, gemischt mit wenigen kurzen Analogaufnahmen. Die Wirkung dieser Darstellung ist enorm. So verliert man sich nicht im Bild-Detail, sondern wird überwältigt von Farben und Kontrasten. Unterlegt mit melancholischer Hintergrundmusik geht diese Form der Darstellung unter die Haut und bringt den Schrecken der Flucht so bis ins Wohnzimmer.

"Flee" von Jonas Poher Rasmussen lief auf dem DOK Leipzig 2021 im Wettbewerb um den Publikumspreis.

 

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FLEE feierte seine Deutsche Premiere
auf dem 64. Internationalen Leipziger
Festival für Dokumentar- und
Animationsfilm.

Regie: Jonas Poher Rasmussen

Laufzeit: 86 Minuten

Land: Dänemark

Sprachen: Dänisch, dari, Russisch, Englisch

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