Berlinale Log #2

Fighter

Im Berlinale Summer Special lief in der Kategorie Generation ein koreanischer Coming-of-age Boxfilm aus weiblicher Perspektive. Tim Puls berichtet von seinen Eindrücken.
Fighter
Fighter

Berlinale Logbuch #2

Es ist der zweite Abend der Berlinale und die Eindrücke des Vorabends kreisen noch immer in meinem Kopf als ich den Weg vom U-Bahnhof zum Freilichtkino Rehberge gehe, in das mich die heutige Vorstellung zieht.

Es liegt etwas außerhalb im Bezirk Wedding in einem großen Park. Das Wasser des nahgelegenen Sperlingsees rauscht im Hintergrund, dazu geben die Frösche ein unfassbar lautes Quakkonzert. Alles scheint hier etwas naturverbundener, unaufgeregter zuzugehen als im Freiluftkino Friedrichshain. Das Kino Rehberge fasst weniger Zuschauer, ich bin früh da und einer der ersten im Kino. Entspannt nehme ich auf meinem Sitz Platz, die gestrige Aufregung ist abgeklungen. Ich bin neugierig auf den bevorstehenden Kinoabend.

Gezeigt wird „Fighter“, ein Koreanischer Boxfilm mit weiblicher Hauptfigur, in der Kategorie „Generation 14 Plus“. Das bedeutet, Zielgruppe des Films sind vor allem Jugendliche. Dennoch bin ich neugierig, was mich hier erwartet – immerhin hat das Koreanische Kino durch Filme wie „Parasite“ in den letzten Jahren zu Recht immer mehr internationale Aufmerksamkeit bekommen und in meinen Augen scheint das Genre des Boxfilms wie geschaffen zu sein für die Aneignung einer feministischen Perspektive.

Kein Feminismus

Meine Erwartungen erweisen sich allerdings als etwas zu hoch gegriffen, denn Regisseur Jéro Yun liefert mit „Fighter“ einen allenfalls solide inszenierten Film ab, der weder als Coming-of-age Drama noch als Boxfilm wirklich neue Wege bestreitet. Die ein oder andere Wendung hätte dem Drehbuch gutgetan, das den Genrekonventionen zu sehr verhaftet bleibt.  Eine wirklich feministische Perspektive hat die von Lim Sung-mi verkörperte Lina so leider nicht anzubieten.

„Fighter“ erzählt ihre Geschichte - eines nordkoreanischen Flüchtlings, die in Südkorea versucht Fuß zu fassen. Doch ihren Platz in dieser neuen Gesellschaft muss sie sich erst erkämpfen. Allein kämpft sie ums Überleben: Um Geld, Würde, Selbstbestimmung und Anerkennung durch ihre in Südkorea lebende Mutter, von der sie einst im Stich gelassen wurde. Anschluss findet Lina in einem Boxklub, wo sie bald selbst in den Ring steigt, um sich der Welt zu beweisen.

Der Kampf bleibt dabei stets auf einer persönlich-individuellen Ebene, der Transfer aufs gesellschaftlich-politische wird vermieden. Die Einflechtung einer generischen Liebesgeschichte, macht das Ganze auch nicht spannender.

Als angenehm hervorzuheben bleibt die Inszenierung, die sich typisch-koreanisch durch eine ruhige und kraftvolle Bildsprache auszeichnet, die man in diesem Genre eher nicht erwartet. Jéro Yun gelingen hier kraftvolle Bilder, die eine Tiefe haben, wie man sie in westlichen Filmen inzwischen immer seltener findet. Hier erweist sich die Berlinale als Gelegenheit, andere Ästhetiken auf der großen Leinwand zu erleben und neue Seherfahrungen zu machen.

Um außerhalb des Festivals ein internationales Publikum zu finden, hätte der Film sich allerdings noch mehr trauen müssen. Dass das koreanische Kino mehr Potenzial hat, wurde in den letzten Jahren immer wieder bewiesen.

Das Quaken der Frösche begleitet meine Gedanken, während ich den Heimweg antrete. Das ermöglicht die Berlinale eben auch, denke ich: Mit anderen Formsprachen in Kontakt treten und so neue Perspektiven gewinnen – auf das Kino und damit auch auf die Welt.

Fighter (KOR 2020 R: Jéro Yun)

 

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Weitere Infos:

  • Programm des Summer Specials 2021 der Berlinale
  • Fighter (KOR 2020 R: Jéro Yun mit: Lim Sung-mi, Baek Seo-bin, Oh Gwang-rok)