DOK im Knast 2021

Festivalgefühl im Knast

Ein Filmfestival im Gefängnis – das klingt zunächst abwegig. Beim sogenannten „DOK im Knast“, einer Sonderreihe des DOK-Festivals, treffen Besucher:innen auf jugendliche Inhaftierte. Gemeinsam schauen sie Filme und tauschen sich aus.
Ds DOK Logo ist sichtbar durch die Gitterstäbe
Im Rahmen des DOKs kann man auch einmal hinter Gittern Filme schauen.

Hohe Stacheldrahtzäune, viele Sicherheitsvorkehrungen und eine gewisse Monotonie – das spiegelt das Leben im Gefängnis wahrscheinlich meistens wieder. Zumindest stellt man es sich von außen oft so vor. Dabei sind kreative Gedanken und Abwechslung im Alltag doch gerade wichtig für die menschliche Entwicklung. Im Idealfall soll darüber hinaus bei einer Haftstrafe ja ein gewisser Prozess bei den Inhaftierten in Gang gesetzt werden. Unter anderem deswegen führt die Jugendstrafvollzugsanstalt in Regis-Breitingen seit 2013 das Projekt „DOK im Knast“ durch. Die Veranstaltung ist eine Sonderreihe des alljährlichen internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilme (kurz DOK). Eine Jury, bestehend aus Inhaftierten, wählt Filme zur Vorführung mit Publikum von „draußen“ aus.  Am 28. Oktober war es dieses Jahr so weit und die Tore der JSA wurden für eine kleine Gruppe Besucher:innen geöffnet und ein Teil des DOK-Festivals fand im Gefängnis statt.

Die außergewöhnlichste Spielstätte des DOK-Festivals?

Das sonnige Wetter und der blaue Himmel haben irgendwie nicht so richtig zum Gefängnis gepasst.

Besucher von DOK im Knast

Im Vorhinein war im Zusammenhang mit DOK im Knast oft die Rede von der „außergewöhnlichsten Spielstätte“ des DOK-Festivals. Und zugegeben, es war schon eine besondere Atmosphäre in der JSA. Ein Besucher kommt darauf zu sprechen, dass er das sonnige Herbstwetter etwas unpassend für ein Gefängnis findet, da für ihn die Zäune und Gitter einen Kontrast zum blauen Himmel darstellen. Die Besucher:innen müssen zunächst alle persönlichen Gegenstände abgeben und durch die Sicherheitskontrollen hindurch. Begleitet von den Justiz-Beamten und grölenden Rufen der Gefangenen aus den Zellblöcken werden sie dann in die Aula für die Filmvorführung gebracht. Ein paar der Inhaftierten stehen am Eingang und begrüßen die Besucher:innen sehr freundlich und auch der bestuhlte Raum mit der kleinen Bühne und der Leinwand wirkt einladend. Eine weitere Besucherin erzählt, dass sie sich den Raum nicht so hell und angenehm vorgestellt hätte, sondern eher eine kalte Gefängnis-Atmosphäre erwartet hatte.

Es ist noch etwas Zeit zum Austausch zwischen allen Beteiligten, bevor die Filme starten. Die meisten Besucher:innen und Häftlinge stehen draußen in der Sonne und kommen miteinander ins Gespräch. Es ist genau diese unverfängliche Stimmung, die sofort positiv auffällt. Besucher:innen, Organisator:innen und Inhaftierte vermischen sich schnell und reden angeregt miteinander.

Das Projekt DOK im Knast

Die meisten Besucher sind heute wahrscheinlich aufgeregter als wir. Das ist ja unser Gebiet hier, unser Revier. Aber der frische Wind, der heute reinkommt, ist schon cool.

Insasse der JSA und Jurymitglied bei „DOK im Knast“

Im Gespräch erklären uns die Gefangenen, dass die Veranstaltung vermutlich aufregender für die Besucher:innen sei als für sie selbst, da sie selbst das Gelände der JSA gut kennen und viele von „draußen“ zum ersten Mal ein Gefängnis betreten. Auf die Frage, wie er die Veranstaltung erlebe, antwortet einer der Insassen, dass er es schön findet, dass mal Abwechslung zum „Knastalltag“ entsteht. Da er Teil der Jury ist und somit im Vorhinein an der Filmauswahl und Preisvergabe beteiligt war, betont er außerdem die Verantwortung, die ihm und den anderen Jury-Mitgliedern übertragen wurde.

DOK im Knast ist ein cooles Projekt, denn es bringt eine Abwechslung zum Knastalltag und uns wird Verantwortung übertragen.

Insasse der JSA und Jurymitglied bei „DOK im Knast“

Die Inhaftierten-Jury saß im Vorfeld zur Veranstaltung schon über Wochen zusammen und hat ausgewählte DOK-Filme geschaut. Dabei haben sie sich dann für zwei Filme entschieden, die an dem Veranstaltungstag gezeigt werden. Einen von ihnen haben sie mit ihrem Jurypreis, dem „Gedanken-Aufschluss-Preis“, ausgezeichnet. Hierfür haben sie zudem selbst einen Preis künstlerisch kreiert. Die Veranstaltung DOK im Knast und die damit verbundene Verantwortung und Aufgaben stehen in Verbindung mit einer Kunsttherapie für die Inhaftierten. Die Therapie soll ihnen bei ihrem Entwicklungs- und Resozialisierungsprozess helfen. Der betreuende Kunsttherapeut der JSA beschreibt die Veranstaltung als "kulturpädagogische Freizeitveranstaltung, welche neben der therapeutsichen Arbeit im Sinne der kulturellen Förderung und der Öffentlichkeitsarbeit organisiert wird". Aber was genau ist Kunsttherapie überhaupt und an welchen Stellen kommt sie bei DOK im Knast zum Ausdruck?

Was hat das Ganze mit Kunsttherapie zu tun?

Im Idealfall entsteht ein Transfer-Gedanke - Die Teilnehmer:innen übertragen ihre Erfahrungen aus der Kunsttherapie auf gesellschaftliche, kulturelle und politische Prozesse.

betreuender Kunsttherapeut bei „DOK im Knast“

Bei der noch recht jungen Disziplin der Kunsttherapie sollen die Klient:innen in einen kreativen Prozess gelangen und dabei von einem Therapeut/ einer Therapeutin begleitet werden. In der Therapie haben die Teilnehmer:innen die Möglichkeit sich in verschiedenen Kunstformen, wie Musik, Film, Theater oder bildende Kunst auszuleben. Der betreuende Kunsttherapeut  bezeichnet das Ganze als einen „Spielraum, in dem man sich ausprobieren, verschiedene Erfahrungen machen und in dem man auch mal frustriert sein kann." Für ihn ist wichtig, dass seine Klient:innen stets die Möglichkeit haben wieder von vorne zu beginnen. Weiter spricht er davon, dass im Idealfall ein gewisser Transfer-Gedanke entsteht. Damit ist gemeint, dass die Klient:innen ihre Erfahrungen aus der Kunsttherapie auf ihr eigenes Leben, aber auch auf gesellschaftliche und kulturelle Prozesse beziehen.

Es fasziniert mich zu sehen, wie bewusst die Inhaftierten sich mit den Filmen auseinandersetzen und darüber reflektieren.

Angela Pacher, Mitorganisatorin von „DOK im Knast“

Genau an dieser Stelle soll das Projekt DOK im Knast anknüpfen, wie eine der Organisator:innen, Angela Pacher, berichtet. Sie erzählt, dass die Inhaftierten zum Teil während des Projekts zum ersten Mal mit Dokumentarfilmen in Berührung kämen und sie es faszinierend fände, wie bewusst die Teilnehmer die Filme wahrnehmen und reflektieren. Abschließend sagt sie, dass das Ganze im besten Fall einen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung der Inhaftierten leisten soll.

Wie jedes Jahr wurde auch beim DOK im Knast 2021 wieder ein Film als Gewinner des Jurypreises gekürt. Der diesjährige „Gedanken-Aufschluss-Preis“ ging an den Film „Die Odyssee“ von der französischen Filmemacherin Florence Mialhe.

Der diesjährige Preisträger: Die Odyssee

„Die Odyssee“ handelt von der Flucht der Geschwister Kyona und Adriel und ihrer Suche nach Sicherheit und Zukunft. Der Film ist mit der äußerst aufwendigen Technik „Öl auf Glas“ produziert und erhält dadurch eine sehr künstlerische und kreative Note.

Die Fluchterfahrung der beiden Geschwister beinhaltet eine Reihe von Tiefpunkten und Schicksalsschlägen. Sie treffen auf viele andere Menschen, die ebenfalls auf der Flucht sind. Die Gründe sind dabei für viele unterschiedlich. Äußerst spannend ist in der Erzählung die Vermischung von Historie und Gegenwart. Die Fluchtgeschichte zeigt sowohl die Situation während der NS-Zeit als auch die heutige Lage für viele Geflüchtete weltweit auf.

Ich habe mich für den Film (Die Odyssee) entschieden, da ich es gut finde, dass man die erzählte Geschichte auf die heutige Situation für Geflüchtete beziehen kann.

Jurymitglied bei DOK im Knast und Insasse der JSA

Einer der Insassen erzählte, dass er sich für den Film entschieden hat, da er den Bezug zur Geschichte und zur aktuellen Situation für Geflüchtete sehr gut gelungen findet. An dieser Stelle wird der zuvor angesprochene und von der Kunsttherapie erhoffte Transfer-Gedanke deutlich. Die Insassen der JSA, die bei DOK im Knast beteiligt waren haben über die Filme Bezüge zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Prozessen hergestellt.

Abschließend lässt sich also sagen, dass der Sinn der Kunsttherapie an einigen Stellen deutlich wurde und die Veranstaltung DOK im Knast sehr wertvoll ist. Über die tatsächlichen Auswirkungen des Projekts auf das Leben der Insassen lässt sich nur spekulieren. Festhalten lässt sich aber, dass das DOK im Knast 2021 gut organisiert war und alle Beteiligten den Eindruck erweckten, einen schönen Tag erlebt zu haben.

Wir haben den Sonderreihen Kids DOK und DOK im Knast eine ganze Podcastfolge gewidmet. Hört rein!

 

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Gretchen schaut DOK

In unseren Gretchen-Specials sprechen wir ausführlich über die Highlights des diesjährigen DOK Festivals. Die Folgen könnt ihr auf Spotify und überall wo es Podcasts gibt nachhören.

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