DOK 2021

FATHER: Die blinde Perspektive

Der chinesische Dokumentarfilm konnte auf dem diesjährigen DOK Festival abräumen: Die goldene Taube ging an "Father". Der Film beginnt als Dokumentation über einen blinden Mann und gerät zum Portrait der Widersprüche der chinesischen Gesellschaft.
Eine Nahaufnahme von einem alten Mann.
"Father" von Wei Deng

Die Goldene Taube – der größte Preis des Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm, kurz DOK – wird im internationalen Wettbewerb verliehen. Ausgezeichnet wurde dieses Jahr ein chinesischer Film: „Father“ von Regisseur Wei Deng. Beginnend mit seinem blinden Großvater, der sich als Wahrsager eine Existenz aufgebaut hat, entwirft Wei Deng über seinen eigenen Vater, der als Bauunternehmer arbeitet, das Portrait seiner Familie - der männlichen Seite zumindest. Die Generationenkonflikte spiegeln dabei die Zerrissenheit der chinesischen Gesellschaft, die in den letzten hundert Jahren mehrmals tiefgreifende und auch gewaltvolle Entwicklungen durchmachte.

Ein Leben in Dunkelheit

Ein Mann trägt den blinden, alten Mann.
Eine Szene aus "The Father".

Mit völliger Schwärze, die die Wahrnehmungsperspektive seines Großvaters Zuogui repräsentiert, eröffnet Wei Deng seinen Film. Dieser ist blind seit er ein Kind ist – seine Eltern konnten damals nicht das nötige Geld aufbringen, um seine Erkrankung zu heilen. Mittlerweile ist Zuogui 86 Jahre alt. Sein Leben lang hat er als Wahrsager gearbeitet. So hat er sein Geld verdient und eine Familie gegründet. Noch immer sagt er Interessierten die Zukunft voraus – so auch seinem Sohn Donggu. Dieser baut Häuser: Alle Hochhäuser in der Gegend habe er gebaut, meint er an einer Stelle. Zu seinem Vater kommt er, wenn er wissen will, wie es um künftige Projekte bestellt ist.

Zuogui freilich zieht es vor, im Erdgeschoss zu wohnen. Die Verbundenheit mit dem Boden wird besonders deutlich, wenn der Film zeigt, wie sich Zuogui vorsichtig durch seine Wohnung und das Umfeld tastet. Langsam und vorsichtig gleiten seine Finger an Wänden entlang und suchen Halt. Doch sein Umfeld hat sich verändert – immer wieder stehen ihm Motorroller im Weg, einmal stößt er sich den Kopf. Zuogui flucht laut und versucht den Motorroller umzustoßen – zwecklos.

Das Mysterium

Die Bitterkeit, die aus jeder Ader von Zuogui zu fließen scheint, ist herzzerbrechend. Der alte Mann, der in fast 100 Jahren sehr viel Leid erfahren hat, steht am Ende seines Lebens völlig verloren da. Der Film nimmt sich viel Zeit, um die Situation dieses Menschen fühlbar zu machen. Mit langen Close-Ups scheint Wei Deng in jede Falte des Gesichts seines Großvaters eindringen zu wollen, auf der Suche nach Geschichten, die sich darin verstecken. Ganz kommt er dem Mysterium, das sein Großvater darstellt, dabei nie auf den Grund.

 

Widersprüche

Was in der Langsamkeit dieses Films manchmal unterzugehen droht, ist seine hohe Komplexität und das Augenmerk für die Widersprüchlichkeiten in der chinesischen Gesellschaft, die herrühren aus 100 Jahren unterschiedlicher Ideologien, die sich überlappen und gegenseitig unterwandern. Donggus Hochäuser – Zuoguis Erdverbundenheit, strahlende Neubauten, die maoistisch-schlichte Wohnungen ersetzen. Die Spiritualität, die Donggu in der traditionellen Kultur sucht, während er bei Banken um Kredite bittet: Diese Gegensätze sind das Spannungsfeld, in dem sich die chinesische Gesellschaft befindet. Es ist dieses Spannungsfeld, das Zuogui zu dem gemacht hat, was er ist.

Die blinde Perspektive

Ein weiteres Mal wird die Leinwand gegen Ende des Films schwarz. Doch der Film wird nicht damit enden. „Wenn ich tot bin, zeig deinen Film auf meiner Beerdigung!“, hat Zuogui seinem Enkel Wei Deng kurz zuvor gesagt. Wenig später stirbt er. Und so läuft Wei Dengs Familienportrait auf Zuoguis Beerdigung – ein Film über einen blinden Mann. Vielleicht aber gibt es in diesem Film mehr zu sehen, als man zunächst meint.

"Father" von Wei Deng lief auf dem DOK Leipzig 2021 im internationalen Wettbewerb. Vom 1.11. bis zum 14.11.2021 kann er online gestreamt werden.

 

 

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FATHER feierte Europapremiere auf dem 64. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm.

 

Regie: Wei Deng

Laufzeit: 97 Minuten

Land: China

Gretchen schaut DOK

In unseren Gretchen-Specials sprechen wir ausführlich über die Highlights des diesjährigen DOK-Festivals.

Die Folgen könnt ihr auf Spotify und überall, wo es Podcasts gibt, nachhören.

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