Filmkritik: "House of Gucci"

Familiendrama der luxuriösen Art

Der Auftragsmord an Maurizio Gucci durch seine Ex-Frau erschütterte 1995 die Modelwelt. Ridley Scott nimmt das Publikum in "House of Gucci" in die Zeit vor diesem Ereignis mit und erzählt, wie es dazu kommen konnte.
House of Gucci
House of Gucci

"House of Gucci" basiert auf der wahren Geschichte rund um die Geschehnisse im Familienunternehmen Gucci. Es wird erzählt, wie Patrizia Reggiani (Lady Gaga) ihren Ex-Mann Maurizio Gucci (Adam Driver) nach langen Intrigen und Kämpfen um die Firmenanteile schließlich ermorden lässt. Der Film von Regisseur Ridley Scott basiert dabei auf dem Buch "House of Gucci: A Sensational Story of Murder, Madness, Glamour, and Greed". Die Geschichte folgt Maurizio Guccis Aufstieg und Ambitionen im gleichnamigen Familienunternehmen. Immer an seiner Seite ist seine Frau Patrizia Reggiani, die alles daran setzt, mehr Macht für sich und ihren Mann innerhalb der Familie und dem Unternehmen zu sichern und dessen Familie gegeneinander auszuspielen.

Maison de l’amour

Von Anfang an folgt die Geschichte Patrizias Flirt mit Maurizio Gucci und etabliert eine gewisse Unsicherheit, was ihre Motive angeht. Liebt sie ihn wirklich, oder doch nur seinen Namen? Eine Frage, welche man an manchen Stellen des Films glaubt, leicht beantworten zu können, nur um dann doch wieder ins Zweifeln zu geraten. Diese Zweifel stellen sich bis zum bitteren Ende.

Der Film ist aber nicht nur eine Liebesgeschichte voll von Eifersucht und Gier, sondern auch ein Familiendrama und das Portrait einer neuen Ära der Modeindustrie. Gucci wird als Familienunternehmen der Brüder Rodolfo (Jeremy Irons) und Aldo Gucci (Al Pacino) präsentiert. Rodolfo ist ein Mann mit Sinn für Tradition und künstlerische Integrität und Aldo machte Gucci international bekannt. Die Entwicklung der familiären Beziehungen, oder eher der Zerwürfnisse, ist dabei besonders vom fehlenden Verständnis Rodolfos für die Beziehung seines Sohnes und die Ablehnung von Aldos exzentrischem Sohn Paolo (Jared Leto) geprägt. So entfesselt sich ein Streit Bruder gegen Bruder, Neffe gegen Onkel - befeuert vom Willen Patrizias, durch dieses Ränkespiel ihre Rolle in der Welt der Guccis zu festigen.

Zusammen mit der Familie ändert sich auch das Unternehmen selbst. Als Projektionsfläche für die Ambitionen innerhalb der Familie vollzieht sich hier ein Wandel weg vom traditionellen Lederfabrikanten und hin zu einem globalen Konzern mit weitgreifenden wirtschaftlichen Interessen und einem Anpassungsbedürfnis an die neue Modewelt. 

 

Die Gucci Familie
Die Gucci Familie   

Schauspielerisches Feuerwerk

Schauspielerisch wird dieses Szenario eindrucksvoll verkörpert. Besonders Lady Gaga hat in ihrer Rolle eine starke Gravitas. Zwar lässt sich bei ihr - wie auch bei Jared Leto - diskutieren, ob sie in ihrem Schauspiel an manchen Stellen nicht etwas zu sehr übertreiben, jedoch unterstreicht dies oft den exzentrischen Charakter ihrer Figuren und der Modewelt, in der sie sich befinden. Lediglich Jared Letos Rolle Paolo verkommt etwas zu sehr zur Lachnummer.

Der Film begleitet die verschiedenen Charaktere ausschnittsweise in den jeweiligen Phasen ihres Lebens. Natürlich gibt es die große, verbindende Geschichte, aber es wird wenig Zeit darauf verwendet, die Charaktere den Zuschauer:innen besonders nahe zu bringen. So entwickelt man wenig emotionale Bindung zu den Charakteren und erfährt sie mehr als Repräsentationen ihrer realen Pendants. Da der Film ja auch wahre Begebenheiten aufarbeitet, ist diese unterschwellige Distanz ganz im Sinne der Erzählabsicht.

Aber es gibt auch immer wieder Momente, in denen man sehr emotional involviert ist. Gerade als Maurizios und Patrizias Ehe anfängt zu bröckeln, fühlt man sich so peinlich berührt, als würde sich auf einer Party neben einem ein befreundetes Pärchen passiv-aggressiv streiten. Aber nicht nur die beiden bekommen ihre Screentime. Jedes der Familienmitglieder durchläuft in der einen oder anderen Form Entwicklungen und kann auf jeweils eigene Art glänzen. Lediglich Salma Hayek bietet in der Rolle der Wahrsagerin Pina Auriemma als Komplizin Patrizias eine sehr unterwältigende und belanglose Performance. Dem gegenüber steht Jack Hustons großartige Performance als Domenico de Sole. Salma Hayek ist übrigens eine interessante Castingentscheidung für den Film, denn in ihrem echten Leben ist sie mit dem Präsidenten der Luxusgütergruppe verheiratet, zu der auch Gucci gehört. 

 

Gucci im Zentrum der Öffentlichkeit
Gucci im Zentrum der Öffentlichkeit   

Wie viel Gucci steckt in "House of Gucci"?

Neben dem großartigem Schauspiel und der interessanten Geschichte steht in dem Film aber vor allem eines im Vordergrund: die Ästhetik.

Kaum eine Marke hat es geschafft, so stellvertretend für Luxus und exklusive Mode zu stehen wie Gucci. Ob es nun die Lederwaren oder die ikonische „Bamboo Bag“ aus den Anfangszeiten sind, Tom Fords Wiederbelebung Guccis, indem er der Traditionsmarke Glamour und Sex brachte oder Alessandro Micheles blumig-pastorale Elemente sind: Gucci setzt seit jeher Standards für die Modewelt. Und dieses Auge für Schönheit und Design findet sich in jeder Einstellung des Films wieder.

Die Charaktere sind stets durchgestylt und tragen ein Best-of der Gucci-Klamotten jener Zeit. Besonders Maurizio Gucci beweist, dass die Marke mehr kann als nur ihr Logo überall draufzupacken und auffällige Hype-Mode zu inszenieren, wie sie viel in den sozialen Netzwerken zur Schau getragen wird. Egal ob man sich nun für Mode interessiert oder nicht, fällt einem auf, wie viel Wert hier auf ästhetische Details bei den Kostümen gelegt wurde. Denn die Auswahl an Schnitten, Stoffen, Farben und Mustern ist so sorgfältig ausgewählt, als würde für ein Fashion-Magazin kuratiert werden. Und da Styling und Mode immer zentrale Elemente der Handlung sind, werden diese Details bildgewaltig aber organisch in die Gesamtheit des Films eingebunden.

Doch nicht nur Produkte der Marke Gucci prägen den Look des Films – allgemein hochwertige Designelemente wie Möbel von Eames oder Gemälde von Rothkow oder Klimt sind Beispiele für Ästhetik auf allerhöchstem Niveau, die jeder Location im Film eine unausgesprochene Wertigkeit und Faszination beifügt. So werden gekonnt Reichtum und Dekadenz angedeutet, ohne dass plump mit Bargeld oder Ähnlichem geprotzt werden muss. Die Ästhetik ist aber immer in die Handlung eingebettet und macht beispielsweise den Unterschied zwischen Patrizia und der Familie Gucci klar, als Patrizia beim Versuch, vor Maurizios Vater gebildet zu wirken, eines der Gemälde fälschlicherweise als einen Picasso bezeichnet. Darüber hinaus lassen sich immer wieder Easter-Eggs für Design- und Modeenthusiasten entdecken.

Fashion-Nerds aufgepasst

Nimmt man die rein ästhetischen Elemente der Gucci-Welt beiseite, so bietet der Film besonders für modeinteressierte Zuschauer:innen mit etwas Allgemeinwissen über die Fashionbranche weitere besondere Highlights: Denn obwohl es das für ein Verständnis der Haupthandlung nicht gebraucht hätte und für Mode unaffine Kinogänger leicht übersehen wird, ordnet der Film die Handlung immer wieder in die Gesamtheit der Modebranche zu jener Zeit ein. Seien es die Referenzen auf Anna Wintour oder Karl Lagerfeld, Anspielungen bei der Suche nach einem neuen Creative Director auf große Designer wie Margiela, die zu dieser Zeit eigene Modehäuser aufbauten oder die nicht ganz so subtile Einleitung der Ära Tom Fords bei Gucci – kleine Referenzen wie diese deuten so die größere Welt außerhalb der Haupthandlung an und bieten Anknüpfungspunkte für bereits existierendes Wissen über die Branche oder für die Suche nach weiteren Geschichten der Modewelt im Anschluss an den Film.

 

Fazit

Mit "House of Gucci" wurde der Geschichte rund um den Mord an Maurizio Gucci ein würdiges Denkmal gesetzt. Wer die Geschichte schon kennt, bekommt sie hier auf eindrucksvollste Weise aufbereitet und wer noch nichts darüber weiß, erfährt hier etwas über eine der größten Tragödien der Fashion-Branche. In jedem Fall kann man sich auf ein interessantes Drama freuen - und das sogar in einem neuen und unverbrauchten Setting mit schönen Bildern und großartigem Schauspiel. Aber klar ist auch: Das volle Potential entfaltet der Film bei Zuschauer:innen, die sich entweder sehr für die Modeindustrie und Gucci oder Ästhetik und Design begeistern können. Ohne das Vorwissen ist "House of Gucci" ein durchweg solider und unterhaltsamer Film - aber mit einer Affinität in eine dieser Richtungen gibt einem der Film noch so viel mehr.

"House of Gucci" ist seit dem 2. Dezember überall zu sehen, wo die Kinos offen haben.

 

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House of Gucci

Erscheinungsdatum: 2. Dezember 2021

Regie: Ridley Scott

Mit: Lady Gaga, Adam Driver, Jared Leto, Al Pacino uvm.

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