Serienkritik: "Cowboy Bebop" (2021)

Entkernter Möchtegern-Verschnitt

Mit “Cowboy Bebop” bringt Netflix dieser Tage ein Live-Action Remake eines Anime-Meilensteins ins Streaming. Ob die Serie dem Original etwas hinzuzufügen hat, erfahrt ihr in dieser Kritik.
Netflix versucht sich an Anime
Netflix versucht sich an Anime

“Cowboy Bebop” ist eine Anime-Serie aus dem Jahr 1998 und erzählt die Geschichte der Kopfgeldjäger Spike Spiegel, Jet Black und Faye Valentine, welche an Bord des Raumschiffes “Bebop” durch das Universum reisen. In dieser Zukunft des Jahres 2071 ist die Erde verlassen worden und die Menschheit hat sich über unser Sonnensystem verteilt, scheint neben der Raumfahrt technisch und ästhetisch aber eher in den 90er Jahren festzustecken. Die 26-teilige Serie ist dabei ein Genre-Mix aus Western, Science-Fiction und Noir. Neben den Missionen der Bebop-Crew behandelt die Serie tiefe philosophische Themen: Diese reichen von Spikes Frage danach, was Leben eigentlich bedeutet bis hin zu Fayes Suche nach ihrer verlorenen Identität. Mit dieser Kombination aus inhaltlicher Tiefe und abenteuerlicher Action ist “Cowboy Bebop” ein einzigartiger und zeitloser Klassiker in der Geschichte von Anime geworden. Auch konnte einem westlichen Publikum einmal mehr bewiesen werden, dass Anime mehr sind als Kinder-Zeichentrickfilme. 

Netflix widmet sich der legendären Serie jetzt in 10 Folgen. Mit einer Durchschnittslänge von etwa 50 Minuten pro Folge werden hier die originalen Abenteuer als Live-Action-Serie neu erzählt, zusammengefasst und erweitert. 

Die Cowboy Bebop Crew
Die Cowboy Bebop Crew   

Cowboy Bebops Welt und Charaktere als Live-Action

Alles in allem sieht die Serie wirklich super aus. Wenn man sich vom ikonischen Look der altmodischen Animation des Originals trennen kann, lässt sich viel Gutes über die gestalterischen Ansätze sagen: Besonders die Hauptcharaktere Spike, Faye und Jet sind unglaublich gut gecastet und ähneln den Charakteren aus dem Anime auf bestmögliche Weise. Die Umsetzung von Spike und Fayes Outfits und Jets Kombination aus kybernetischen Elementen, Mechaniker-Look und der massiven Sonnenbrille sind genau getroffen.

Andere Charaktere transportieren leider weniger das Charisma ihrer Vorlage oder sind absolute Vollkatastrophen wie beispielsweise Julia, Abdul Hakim (Jay Paulson) oder Pierrot Le Fou (Josh Randall). Auch die Hauptcharaktere sind von inhaltlicher Neuschöpfung nicht verschont geblieben: Für Jet wurde das Vater-Sein zu einem elementaren Bestandteil seiner Motivationen und Persönlichkeit aufgebauscht und Faye hat als quasi Mutterersatz die Figur Whitney Matsumoto (Christine Dunford) für eine Folge an die Hand bekommen. 

Manche dieser Neuerungen mögen nur im direkten Vergleich mit dem Original unpassend wirken, aber manche Sachen sind auch nur bei Betrachtung der Neuverfilmung selbst schlecht ausgearbeitet: Vicious’ Charakter erinnert mehr an ein zorniges Kind ohne Impulskontrolle und lässt einen daran zweifeln, wie er es überhaupt so weit bringen konnte. Julias Motive und Persönlichkeit entwickeln sich immer so, wie es für die Geschichte gerade benötigt wird. Oft wird charakterliche Tiefe vorgetäuscht, ohne diese je glaubhaft zu machen. Dieses Manko zeigt sich in noch stärkerer Form bei vielen Nebencharakteren in den einzelnen Folgen.

Die Welt von Cowboy Bebop ist nicht ganz so dreckig wie im Original und erinnert mehr an verschiedene Versionen unserer Zivilisation auf neuen Planeten als Mischung aus Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Die Raumschiff- und Weltallsequenzen sind jedoch sehr gut gelungen und auch einzelne Sets wie zum Beispiel der Freizeitpark aus Folge 8, die Syndikatsräume oder Anas Bar sind visuell eindrucksvolle Orte, welche die Welt glaubhaft und lebendig machen oder einfach sehr gut die Stimmung der Szene treffen. Grundsätzlich lassen sich viele kleine Elemente entdecken, die an die Detailverliebtheit des Originals erinnern und die Welt in sich schlüssig und glaubhaft machen.

Wie kämpft es sich in der Zukunft?

Ein wesentlicher Teil der Originalserie - besonders aber auch der Netflix Version - sind die Kampfszenen. Dabei hat Cowboy Bebop einiges zu bieten: Neben futuristischen Weltraumschlachten und Sci-Fi-Waffen liegt hier der Fokus auf klassischen Schusswaffen wie Pistolen, Revolvern und Maschinengewehren sowie auf Klingenwaffen wie Katanas, Naginatas, Kunais und Speeren. Hinzu kommen klassische Faustkampf-Sequenzen mit großen Anleihen bei der asiatischen Kampfkunst. 

Hier ist von wunderbar bis grauenvoll für jeden Geschmack etwas dabei: Es gibt großartig choreografierte Duell-Szenen oder auch Trainingseinheiten von Spike, bei denen gute, handwerkliche Kampfkunst zu erkennen ist. Dann gibt es absolut überzogene, dadurch aber schon wieder unterhaltsame, Western-Standoffs mit klassischen Revolver-Duellen. Leider findet man aber auch viel Möchtegern-Action mit coolen Waffen und Kampf-Moves, die nur peinlich aussehen und teilweise komplett verschnitten wurden. 

Ein Konflikt - Cowboy Bebop
Ein Konflikt - Cowboy Bebop   

Das große Problem mit dieser Version

Man kann “Cowboy Bebop” für vieles lieben: Mich haben immer die tiefgehenden Charaktere und ihre Motivationen und das atmosphärische Worldbuilding dieses Universums fasziniert und wie man - ohne explizit darauf gestoßen zu werden - so viel von dieser Welt aufsaugen und verstehen kann. Die unvergleichliche Einbindung der Musik und die Zeit, die man sich für ruhige Momente nimmt, sowie der große philosophische Überbau, der am Ende die Geschichte zusammenbindet, machen für mich den Charme des Originals aus.

An vielen Herausforderungen, die mir im Vorhinein sorgen gemacht haben, ist das Netflix-Remake nicht gescheitert. Das Intro hat man beibehalten und super umgesetzt. Die Musik ist - wenn auch mit Schwächen - weiterhin ein wichtiger Teil der Serie und einige Szenen, die in einer Realverfilmung einfach nicht gut ausgesehen hätten oder nicht gut umsetzbar wären, hat man rausgelassen. Genau wie manche Sachen aus Büchern in einer Verfilmung nicht wirken würden, lassen sich auch manche Aspekte von Animes nicht ins Reale überführen.

Umso erstaunlicher ist, wie die Serie an Stellen versagt, von denen ich nicht dachte, dass man da bei dieser Vorlage drüber stolpern kann: An Story, Charakteren, Atmosphäre und der Botschaft der Serie. Denn all das torpediert die Netflix-Version mal mehr, mal weniger. Es ist verständlich, dass der Anspruch besteht, nicht einfach nur jede Folge als Real-Adaption umzusetzen und eigene Ideen in die Geschichte und das Storytelling einbinden zu wollen. Anders geht es auch nicht, wenn man mit nur 10 statt 26 Folgen zum gleichen Ziel kommen will, ohne massenhaft Inhalt einfach wegzulassen. Wenn man das aber macht, dann sollte man dafür eine Vision haben.

Netflix präsentiert stattdessen einen Flickenteppich, der einem durch bekannte Charaktere und Szenarien Vertrautheit vorgaukelt, nur um dann bitterböse zu enttäuschen und Fans der alten Serie an der Banalität der eigenen Umsetzung verhungern zu lassen. Und selbst ohne den direkten Vergleich zum Original ist deutlich, dass da sehr viel fehlt - man weiß nur nicht was. Dieser Eindruck entsteht nicht nur durch das wahllose Zusammenwürfeln von Erzählsträngen. Oft werden Charaktere und Szenen, anstatt ihnen Zeit und Ruhe zu geben, um sich zu entwickeln, einfach durch eine generische Hintergrundgeschichte entzaubert, die  den Zuschauern jegliches Rätseln und eigene Denkleistungen abnimmt. 

Dieses “Verdummen” der Serie macht sich dann besonders bei den philosophischen Aspekten bemerkbar: Die verrauchte, jazzige Noir-Western-Sci-Fi-Welt darf ihre Schwere, das Leid und die Sinnsuche nur andeuten und wird auf einfachere Motive wie banale Liebe, Familie, Macht oder Rache reduziert. So wird ein brillanter Genre-Mix zu banaler Netflix-Unterhaltung.

Zum Scheitern verurteilt?

Anime-Adaptionen sind dafür bekannt, dass sie häufig deutlich schlechter als das Original ausfallen. Und auch wenn es da Ausnahmen geben mag, ist die Grundstimmung bei Fans vor jeder Live-Action Adaption durchweg pessimistisch. Dann auch noch in so große Fußstapfen treten zu müssen, ist für Netflix kein einfaches Erbe.

Hätte man sich konsequent dafür entschieden, das Originalmaterial einfach neu zu verfilmen, hätte man viele Probleme des Storytellings und der Charakterzeichnung vermeiden können. Dies hätte für Fans des Originals zwar weniger Mehrwert, aber auch weniger Frust bedeutet und Neueinsteiger hätten ein inhaltlich stärkeres Werk bekommen. Es wird nicht klar, wer die Zielgruppe ist, denn für Fans ist der erzählerische Qualitätsunterschied deutlich zu spüren und Neueinsteiger erkennen die Anspielungen sowie Liebe zum Detail nicht und ihnen fehlt das Vorwissen, um inhaltliche Lücken selber füllen zu können.

Am meisten wird das Scheitern und gleichzeitig das Potential des Remakes in Folge 9 deutlich: Diese spielt in der Jugend von Spike und Vicious und erzählt damit eine Hintergrundgeschichte, die es im Original so nicht gab. Hätte man sich getraut, statt einer halbherzigen Adaption die ganze Serie in diesem Stil anzulegen, hätte man etwas Neues erzählen und sich damit von der Vorlage emanzipieren können. Ein solcher Schritt hätte den größten Mehrwert für alle Zuschauer geboten und gleichzeitig erlaubt, den Charme und die Atmosphäre von Cowboy Bebop ins 21. Jahrhundert zu transportieren.

Fazit

Betrachtet man die Serie für sich alleine, ist sie ein ähnlich kurzweiliger Zeitvertreib wie so manch anderes, was man auf Streaming-Plattformen findet. Wer es kategorisch ablehnt das Original zu gucken, bekommt hier einen abgeschwächten Einblick in eine Welt mit ganz eigenem Charme und einzigartigen Visionen. “Cowboy Bebop” ist auf jeden Fall eine der besseren Animeadaptionen und hat definitiv seine lustigen und emotionalen Momente. Trotzdem gilt: In einer Welt, in der der Anime sogar parallel auf derselben Plattform existiert, gibt es keinen Grund, nicht das Original zu schauen, denn im Vergleich dazu ist die Live-Action Version eine entkernte Hülle ohne die Liebe, Tiefe und Verspieltheit, die “Cowboy Bebop” (1998) so unvergleichlich und großartig macht.

"Cowboy Bebop" ist seit dem 19. November auf Netflix zu sehen.

 

 

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Nils Wilken
30.11.2021 - 19:11
  Kultur

Cowboy Bebop (2021)

Erscheinungsdatum: 19. November 2021

1. Staffel, 10 Folgen á ca. 50 Minuten

Showrunner: André Nemec

Mit: John Cho, Mustafa Shakir, Daniella Pineda, Alex Hassell

 

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