Interaktive Kunst in Leipzig

Eine Telefonzelle als Zeitmaschine

Fünf knallgelbe DDR-Telefonzellen mit der fettgedruckten, schwarzen Aufschrift FERNSPRECHER sind auf dem Leipziger Marktplatz aufgebaut. Dahinter wartet ein Kunsterlebnis der anderen Art.
Gelbe DDR-Telefonzellen auf dem Leipziger Marktplatz

Ein kleiner, dunkler Raum, der einer Gefängniszelle gleicht: An einer grauen Betonwand lehnt eine steinhart aussehende Liege, die vermutlich als Bett dienen soll. Darauf ein schmuddeliges Kopfkissen. Licht dringt lediglich durch ein kleines, hölzernes Sprossenfenster in der Mitte des Raumes. Das sehe ich auf dem rechteckigen Bildschirm des Tablets, das in der alten, gelben DDR-Telefonzelle angebracht ist, in der ich mich befinde.

Hallo, Hallo? … Bin ich schon zu hören?

Eine warme, männliche Stimme mit sächsischem Dialekt ertönt in der Telefonbox. Nachdem ich antworte, erscheint die zu der Stimme zugehörige Person plötzlich mit dem Rücken zu mir gewandt in dem dunklen Raum. Die Person trägt einen hellbraunen Hut, ein dunkelblaues Hemd und ein rotes Halstuch. Verwirrt dreht sie sich nach einem kurzen Augenblick zu mir um und ich blicke ich in das runde, blasse Gesicht eines schätzungsweise Mitte 50-jährigen Mannes.

Verbindung steht

Verblüfft, aber freudestrahlend ruft er mir durch den Bildschirm winkend zu:

Ach… ja guten Tag! Verbindung steht!

Lachend schiebt er seine kleine runde Brille die knubbelige Nase hoch. Sein Auftreten erwärmt den kalten Bunker, der nun nur noch im Hintergrund zu sehen ist.

Mein Name ist Karl Friedrich May, ich bin ein weltweit bekannter Bestseller-Autor. Mehr als eine viertel Milliarde Bücher habe ich verfasst,

stellt er sich ganz unbescheiden vor. Mein Lachen hallt dumpf in der Telefonbox. Ich unterhalte mich also mit dem Erfinder von Winnetou per Videoanruf. Als ich ihn frage, wie das denn möglich sei, antwortet er mir ganz selbstverständlich, dass unsere moderne Technik das möglich mache und er sich in der Sphäre zwischen Raum und Zeit befinde.

 

Interaktive Telefonzellen auf dem Leipziger Marktplatz
 

Erzählen Sie doch mal, Herr May!

Es dauert nicht lange und wir philosophieren über Gott und die Welt. Über die selbstzerstörerische Art der Menschheit, die schon der gebürtige Sachse erlebt hat und der traurigen Tatsache, dass wir diese bis heute nicht abgelegt haben. Seine Theorie dazu, als Autor, der sich in seinen Romanen unter anderem auch mit menschlichen Werten auseinander gesetzt hat:

Nur Herz bleibt dumm und nur Verstand bleibt kalt!

Es gebe zu wenige Menschen, vor allem unter den Mächtigen, die von beidem ausreichend hätten. Darüber denke ich einen Moment nach, ehe mich die neugierigen Blicke eines Passanten in die Realität zurückholen.

Ein interaktives Kunsterlebnis

Denn Karl May heißt eigentlich Meigl Hoffmann und ist Schauspieler. Er ist Teil des Projekts "The Cockpit Collective", das den Austausch mit historischen Persönlichkeiten ermöglicht. Wie ich später erfahre, sitzen neben Karl May ebenfalls Franz Kafka, Bruno Vogel, Julie Bebel und Der Eiserne Gustav in den einzelnen Telefonboxen. Reiner Zufall also, dass ich bei Karl May gelandet bin.

 

"The Cockpit Collective" - Charaktere und deren Schauspieler

Von Herrn May bekomme ich ein „Ahoi“ zum Abschied, bevor ich aus der knallgelben DDR-Telefonzelle trete und wieder in den Trubel des Leipziger Markplatzes eintauche. Eine besondere Begegnung geht zu Ende. Meine Gedanken darum hallen allerdings noch lange nach, während die Sonne langsam hinter den grauen Gebäuden der Innenstadt verschwindet.

 

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